Polizeiparade auf dem Monas Square, Jakarta, 1. Juli 2008
Polizeiparade auf dem Monas Square, Jakarta, 1. Juli 2008, © Amnesty International

Meldungen | Indonesien : Polizei muss Transfrauen in Aceh schützen und nicht angreifen

Die indonesischen Behörden verweigern den Transfrauen, die am 27. Januar von der Polizei in Nord-Aceh schwer misshandelt und erniedrigt wurden, jeglichen Schutz, wie Amnesty International heute mitteilte. Einige der Frauen sind seit den Übergriffen aus Angst um ihre Sicherheit untergetaucht.

Amnesty International Indonesien

Pressemitteilung

14. Februar 2018

Nachdem sie ihre Arbeit verloren und zudem verbale und körperliche Gewalt durch Familienmitglieder und die Öffentlichkeit erfahren haben, sind einige der Betroffenen an einen geheimen Ort in der Nähe von Aceh geflüchtet. Amnesty International Indonesien hat sie dort interviewt.

Sie berichteten detailliert von den schrecklichen Erlebnissen am 27. Januar, als die Polizei die Schönheitssalons, in denen sie arbeiteten, durchsuchte, sie öffentlich bloßstellte, sie getreten und geschlagen wurden und ihnen ihre Haare abgeschnitten wurden, um "alle Transpersonen aus Aceh zu vertreiben".

"Diese Transfrauen wurden nicht nur von der Polizei verhaftet und misshandelt, nur weil sie sind, wer sie sind - manche von ihnen befinden sich auch jetzt noch in einer akuten Notsituation, weil sie ihre Lebensgrundlage verloren haben und von Zuhause fliehen mussten. Hier handelt es sich um ein massives Versagen der indonesischen Behörden, die die Menschenrechte der Frauen garantieren müssen", so Usman Hamid, Leiter von Amnesty International Indonesien.

"Örtliche Behörden und gewöhnliche Bürger haben sich im Namen der Scharia zusammengetan, um die Transfrauen anzugreifen und zu erniedrigen. Wir sind der Meinung, dass das Vorgehen der Polizei nach internationalem Recht als Folter gelten muss. Die Verantwortlichen müssen sich einer Untersuchung unterziehen und zur Rechenschaft gezogen werden. Dasselbe gilt für die Polizeibeamten von Nord-Aceh, die im Zuge eines 'Kriegs gegen Trans-Personen' die Razzien durchgeführt haben."

"Präsident Joko Widodo muss die Nationale Polizei anweisen, der Polizei von Nord-Aceh zu befehlen, Trans-Personen nicht mehr anzugreifen, sondern sie zu schützen, wenn diese vor Ort bedroht oder eingeschüchtert werden. Außerdem müssen sie dringend gemeinsam mit anderen Behörden Maßnahmen ergreifen, um sicherzustellen, dass die 12 Betroffenen unverzüglich den nötigen Schutz erhalten und gefahrlos zu ihren Wohnungen und Arbeitsstellen zurückkehren können."

Ein Leben in Angst

Die Betroffenen sind von den Ereignissen während der Durchsuchung zutiefst traumatisiert und haben mit Amnesty International unter Zusicherung ihrer Anonymität gesprochen. Manche von ihnen befinden sich derzeit auf der Flucht. Sie sind auf der Suche nach einem sichereren Ort in Indonesien, da sie in ständiger Angst vor Festnahmen durch die Polizei leben.

Einige Frauen wurden nach der Razzia von Nachbarn und Familienmitgliedern eingeschüchtert, eine der Betroffenen wurde mehrere Tage nach der Durchsuchung sogar getreten und mit einem Stein beworfen. Dazu kommt, dass sie nicht mehr in der Lage sind, ihre Familienmitglieder finanziell zu unterstützen, da sie wegen der Durchsuchung ihre Arbeit verloren haben.

Einige Betroffene sind in Aceh geblieben und haben keine andere Möglichkeit gesehen, als in die Forderungen der Polizei einzuwilligen und "sich wie Männer zu verhalten". Sie haben jedoch Schwierigkeiten, eine Arbeitsstelle zu finden, da die Menschen seit der Razzia Bedenken haben, sie einzustellen.

Stundenlange Demütigungen

Die Betroffenen berichteten Amnesty International detailliert von den Ereignissen am 27. Januar, als sie "Bestrafungen" durch die Polizei über sich ergehen lassen mussten, die nach internationalem Recht als grausame, unmenschliche und erniedrigende Behandlung und möglicherweise als Folter gelten. Die Polizei durchsuchte fünf Schönheitssalons in Nord-Aceh und nahm dort Transfrauen fest. Dies geschah laut Aussage der Polizei von Nord-Aceh im Zuge eines "Programms, um Aceh von Transfrauen zu säubern". Dieser "Krieg" wird offenbar von einigen Provinzbewohner_innen und Geistlichen unterstützt.

Während der Durchsuchungen hetzte der Polizeichef von Nord-Aceh in einer Rede gegen Transfrauen. Anwesende applaudierten und riefen: "Werft sie raus [aus Aceh]. Verbrennt sie einfach. Bringt [sie] einfach um." Die Polizei legte einer der 12 Personen sogar Handschellen an.

Im Anschluss an die Razzien am 27. Januar ließ der Polizeichef von Nord-Aceh die 12 Betroffenen um 11 Uhr nachts in sein Büro bringen. Dort ordnete die Polizei eine erniedrigende Prozession zu einem nahegelegenen Park an. Die Polizeibeamten schrien dabei die Frauen an.

Im Beisein vieler Menschen, die im Park zusammengekommen waren, um Zeugen der Demütigung zu werden, zwang die Polizei die 12 Personen zu einer Art militärischen Übung. Mit dem vorgeblichen Ziel, sie "männlicher" zu machen, wurde den Frauen befohlen, sich im Park auf dem Boden zu wälzen. Als eine der Transfrauen sich weigerte, feuerte der Polizeichef von Nord-Aceh einen Warnschuss ab, um sie und die anderen einzuschüchtern. Später schüttete ein Polizeibeamter einer der 12 Betroffenen Wasser ins Gesicht, weil sie gegen die unmenschliche Behandlung protestiert hatte.

Die Polizei zwang die Frauen, sich bis auf die Hosen auszuziehen. Eine der Frauen verweigerte den Befehl mit den Worten: "Erschießt mich einfach. Das ist eine Frage der Würde." Darauf antwortete der Polizeichef: "Als Trans-Person hast du nicht das Recht auf Würde." Später schnitt ein Polizeibeamter sechs Betroffenen gewaltsam die Haare ab, um sie "männlich aussehen" zu lassen. Die Betroffenen wurden später im Beisein von Schaulustigen aufgefordert, für einen Drogentest in eine Flasche zu urinieren. Sie weigerten sich jedoch.

Die Polizei wies eine der 12 Betroffenen an, die Köper und das Haar der anderen mit einem Wasserschlauch zu reinigen. Im weiteren Verlauf wurde sie vom Polizeichef von Nord-Aceh getreten, weil sie die anderen angeblich nicht richtig gewaschen habe. Außerdem befahl der Polizeichef den 12 Betroffenen "wie ein Mann" zu schreien. Er schlug einer der Betroffenen mit einer Sandale ins Gesicht, weil sie nicht "wie ein Mann" schreien konnte. Später schlug ein anderer Polizeibeamter derselben Betroffenen mit einer Sandale auf die Ohren und den Mund, wodurch ihre Lippen aufplatzten.

Nachdem die Frauen zwei Stunden lang gedemütigt wurden, befahl die Polizei ihnen, sich erst auf den Boden zu setzen und dann nachts um 1 Uhr zu den Arrestzellen zu gehen. Sie wurden gezwungen, in ihren nassen Hosen auf dem kalten Boden ohne Matratzen zu schlafen.

Am Nachmittag des 28. Januar ließ die Polizei 11 der Betroffenen frei, jedoch erst nachdem sie sie gezwungen hatte, die Predigt eines muslimischen Geistlichen anzuhören, der sie aufforderte, zu "ihrer Natur" zurückzukehren, und argumentierte, es sei "in Ordnung, Trans- und andere LGBTI-Personen zu töten, weil diese schlimmer als kafir [Ungläubige]" seien. Der Geistliche behauptete auch, dass "Aceh wegen [der Sünden] der Trans-Personen von einem Tsunami [2004] heimgesucht worden sei" und dass niemand sie nach ihrem Tod versorgen und für sie beten würde, wenn sie sich nicht änderten.

Eine der Transfrauen blieb bis zum 29. Januar in Polizeigewahrsam, nachdem die Polizei ein Video mit explizit sexuellem Inhalt auf ihrem Mobiltelefon gefunden hatte. Vor der Freilassung befahl die Polizei allen 12 Betroffenen, ein Dokument blind zu unterschreiben. Es handelte sich um eine Einwilligungserklärung, sich in Zukunft nicht "wie Frauen" zu verhalten und sich nicht über polizeiliches Fehlverhalten zu beschweren.

Staatliche Reaktionen

Die Razzia fand vor dem Hintergrund wachsender Ressentiments gegen LGBTI in Aceh statt. Anstatt den Betroffenen Unterstützung anzubieten, äußerte der Gouverneur von Aceh, Irwandi Yusuf, öffentlich, dass er das polizeiliche Vorgehen gegen Transfrauen unterstütze. Bei einer Kundgebung gegen LGBTI am 2. Februar sagte der Gouverneur außerdem: "Wir hassen Lesben, Schwule und Bisexuelle nicht [als Menschen], aber wir hassen ihr Verhalten."

Obwohl gegen den Polizeichef von Nord-Aceh derzeit wegen der mutmaßlichen Misshandlung der Transfrauen intern ermittelt wird, schloss sich der Sprecher derselben Provinzpolizei der Anti-LGBTI Kundgebung an und bekundete dort seine Unterstützung für die Razzia.

"Die schreckliche Behandlung und die Erniedrigungen von Trans-Personen verstossen klar gegen das allgemeine Verbot von Folter und Misshandlungen. Verschärfend kommt hinzu, dass die Taten von der örtlichen Polizei begangen und von Geistlichen gerechtfertigt wurden. Es ist abstoßend, dass eine Gruppe von schwer bewaffneten Polizeibeamten Transfrauen durchsucht und festnimmt - aus keinem anderen Grund als purem Hass", sagte Usman Hamid.

"Die erschütternden Berichte dieser Frauen müssen ein Weckruf für die indonesischen Behörden und Menschen überall sein. Die Menschenrechte aller Indonesierinnen und Indonesier - unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität - müssen gleichermaßen respektiert und geschützt werden."

"Präsident Joko Widodo muss die Stellungnahme des Gouverneurs öffentlich rügen und unmissverständlich klarstellen, dass solche Einstellungen nicht toleriert werden."

Meldungen 2018

Meldungen | Taiwan : Offener Brief zur rechtlichen Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften von Human Rights Watch und Amnesty International

Meldungen | Österreich : Nur die Liebe zählt

Meldungen | Deutschland : Aller Geschlechter sind drei

Meldungen | Honduras : Gleiche Rechte sollten garantiert werden und stehen nicht zur Diskussion

Meldungen | Brasilien : Brasilien: Ein Gespräch zwischen Marielle und Gott

Meldungen | Taiwan : Das Ergebnis des Referendums gegen die gleichgeschlechtliche Ehe ist ein "herber Schlag"

Meldungen | Ukraine : Ukraine: Behörden versagen beim Schutz der Teilnehmenden der Kundgebung zum Transgender Day of Remembrance vor Angriffen von Rechtsextremen.

Meldungen | Indonesien : Indonesien: Verfolgung von LGBTI erreicht alarmierendes Niveau

Meldungen | Russland : Amnesty International sieht die Entscheidung der OSZE, eine Untersuchung der Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien einzuleiten, als einen Meilenstein

Meldungen | USA : Trumps transfeindliche Pläne werden globalen Schaden verursachen.

Meldungen | Georgien : Raus aus der Blase

Meldungen | Ecuador : Folter, der Liebe wegen

Meldungen | Deutschland : 20 Jahre Queeramnesty

Meldungen | Rumänien : Menschenrechtsgruppen reichen rechtliche Schritte gegen homophobes Referendum ein

Meldungen | Litauen : LITAUISCHE BEHÖRDEN MÜSSEN ANGRIFFE AUF LGBTI UNTERSUCHEN.

Meldungen | Indien : Oberster Gerichtshof entkriminalisiert einvernehmliche gleichgeschlechtliche Beziehungen und markiert eine neue Ära für LGBTI-Rechte in Indien.

Meldungen | Guatemala : Diskriminierendes Gesetz gefährdet das Leben und die Rechte von Tausenden von Frauen, Mädchen und LGBTI-Betroffenen.

Meldungen | Malaysia : Prügelstrafe für zwei Frauen ein schrecklicher Tag für die Menschenrechte

Meldungen | Syrien : "Mr. Gay Syria" ab 6. September in den Kinos

Meldungen | Senegal : "All talk no action": Amnesty Internationals Vorlage für die Allgemeine Regelmäßige Überprüfung durch den UN-Menschenrechtsrat (UPR), 31. Sitzung der UPR Arbeitsgruppe, November 2018

Meldungen | Malaysia : Gerichtsurteil zu zwei Frauen, die wegen sexueller Beziehungen verurteilt wurden, muss aufgehoben werden.

Meldungen | Malaysia : Entfernung der Porträts von LGBTI-Aktivist_innen durch den Minister ist ein zutiefst diskriminierender Akt

Meldungen | Armenien : Angriffe auf LGBTI-Aktivist_innen müssen untersucht und Täter vor Gericht gestellt werden.

Meldungen | Weißrussland : Bestrafung einer einzelnen LGBTI-Protestierenden mit einer Geldstrafe für Massenproteste markiert einen neuen Tiefpunkt.

Meldungen | Hong Kong : Das oberste Gericht Hongkongs hat die Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Paare abgelehnt. Es ist Zeit für den Rest der Stadt, dem Beispiel zu folgen.

Meldungen | Malaysia : Beendet die Diskriminierung und Repressalien gegen LGBTI!

Meldungen | Hong Kong : Hongkong nähert sich der Gleichstellung von LGBTI mit einem wegweisenden Urteil an

Meldungen | Türkei : Regenbogenjagd in Istanbul

Meldungen | Ukraine : "Demonstration der Gleichberechtigung" in Kiew ist ein neuer Triumph der Menschenrechte

Meldungen | Deutschland | Russland : Queeramnesty beim CSD in Karlsruhe 1.- 2. Juni 2018

Meldungen | Russland : Die Verhaftung des Aktivisten Peter Tatchell wegen des Protestes für LGBTI-Rechte ist ein Skandal

Meldungen | Ukraine : Frei sich zu bewegen

Meldungen | Pakistan : Historische Verbesserungen für Stammesgebiete und Trans-Personen

Meldungen | Libanon : Unterbindung des Beirut Pride ist ein "ungeheuerlicher Versuch, die Menschenrechte von LGBTI-Menschen zu leugnen"

Meldungen | Ukraine : Untätigkeit der Behörden verstärkt rechtsextreme Gewalt

Meldungen | Brasilien : Internationale Solidarität für die Aufklärung des Mordes der Aktivistin Marielle Franco

Meldungen | Malaysia : SCHUTZ DER RECHTE VON LGBTI-PERSONEN

Nigeria | Meldungen : Kriminalisierung von LGBTI

Meldungen | Ukraine : Polizei duldet rechtsextreme Gewalt bei LGBTI Veranstaltung

Meldungen | Türkei : Trotz Verbot durch die Behörden: Der Pride soll stattfinden

Meldungen | Hong Kong : Oberstes Berufungsgericht weist Antrag von Amnesty International zurück

Meldungen | Norwegen : BLOG: Die Bewegung für Trans-Rechte hat lange genug gewartet

Meldungen | Brasilien : Der Mord an Marielle Franco muss aufgeklärt werden

Meldungen | Russland : Ein Jahr nach der "Schwulensäuberung" in Tschetschenien gibt es noch immer keine Gerechtigkeit für die Opfer

Meldungen | Russland : "Es ist nicht die Zeit zum Aufgeben"

Meldungen | Indonesien : Polizei muss Transfrauen in Aceh schützen und nicht angreifen

Meldungen | Japan : "Ich hoffe, dass die homosexuelle Ehe in der Zukunft anerkannt wird."

Meldungen | Taiwan : "Ich wollte kein Monster sein."

Meldungen | Südkorea : "Ich glaube, dass die koreanische Regierung und Gesellschaft versucht, unsere Existenz auszulöschen."

Meldungen | Hong Kong : mehr Aufklärung über Trans*-Themen nötig

Meldungen | Fidschi : Queere Liebe ist der ultimative radikale Akt

Meldungen | Russland : Abschiebung von Ali Feruz vom Obersten Gerichtshof Russlands aufgehoben

Meldungen | Indonesien : Festnahmen und Versuche der "Umerziehung" von Trans*Personen müssen aufhören

Meldungen | El Salvador : Kein Ort zum Flüchten: Trans*frau zwischen El Salvadors Banden und Trumps Amerika gefangen

Meldungen | Armenien | Weißrussland | Kasachstan | Kirgistan | Russland : Homosexuellenfeindlichkeit in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion

Meldungen nach Jahren