Favelas von Rio de Janeiro
Gewalt in den Favelas von Rio de Janeiro – Foto: © 2014 Getty Images

Meldungen | Brasilien : »In Brasilien wäre ich nicht mehr lange am Leben«

Der brasilianische Parlamentsabgeordnete Jean Wyllys erhielt jahrelang Morddrohungen. Im Januar legte der schwule Mann sein Mandat nieder, verließ Brasilien und lebt seitdem in Europa.

Mit ihm sprach Franziska Pröll.

Warum haben Sie Ihr Mandat für den Partido Socialismo e Liberdade (PSOL) niedergelegt?

Aus mehreren Gründen: Seit ich 2011 erstmals in den Kongress gewählt wurde, habe ich Morddrohungen erhalten. Damals begannen auch die Diffamierungen. Täglich konnte ich falsche Behauptungen über mich lesen. In sozialen Netzwerken bezeichnete man mich als pädophil. Auch telefonisch und per Mail erreichten mich Verunglimpfungen. Ich habe mich jahrelang dagegen gewehrt, aber 2018 verschlechterte sich meine Lage, nachdem am 14. März meine Freundin und Parteikollegin Marielle Franco ermordet wurde. Sie war Stadträtin in Rio de Janeiro. Als schwarze und lesbische Frau, die aus armen Verhältnissen stammte, hatte sie einen ähnlichen Hintergrund wie ich. Gemeinsam kämpften wir für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgeschlechtlichen (LGBT) und gegen soziale Ungleichheiten. Bis sie mitten in Rio de Janeiro auf offener Straße erschossen wurde.

Wie hat sich Ihr Leben nach dem Mord an Marielle Franco verändert?

Ich hatte kein Leben mehr. 24 Stunden pro Tag wachte ein Bodyguard über mich. Ich verließ das Haus nur zum Arbeiten. Wenn ich nicht arbeitete, war ich in meiner eigenen Wohnung gefangen. Und wenn ich arbeitete, gab es keinen öffentlichen Ort, an dem ich nicht beleidigt oder bedroht worden bin.

Wie fühlt es sich an, dauerhaft bedroht zu werden?

Es war schrecklich. In den eigenen vier Wänden gefangen zu sein, hat mich deprimiert. Ich bekam Panikattacken. Mir wurde klar, dass ich mein Amt keine weiteren vier Jahre mehr würde ausüben können. Zunächst dachte ich nicht daran, das Land zu verlassen. Diese Entscheidung traf ich, als Jair Bolsonaro zum Präsidenten gewählt wurde. Da begriff ich: Wenn ich in Brasilien bleibe, bin ich nicht mehr lange am Leben. Für Bolsonaro bin ich nicht einfach ein politischer Gegner, sondern ein Feind. Er ließ keine Gelegenheit aus, meine Würde als Mensch und meinen Ruf als Abgeordneter zu beschädigen. Seine scharfen Äußerungen
bestärkten seine Anhänger, mich genauso zu behandeln. Als ich nach einer Dienstreise am Flughafen ankam, warteten einige Männer auf mich. Sie sagten: »Wir werden dich umbringen.« Die Leute haben jeden Respekt verloren.

Wie erklären Sie sich das?

Das gesellschaftliche Klima wird stark durch die Regierung beeinflusst. Während Lula da Silva und Dilma Rousseff das Land führten, gab es mehr Toleranz gegenüber Menschen wie mir. Lula war der erste Präsident, der eine LGBT-Flagge ergriff und sie umarmte. Unter Rousseff ist die gleichgeschlechtliche Ehe eingeführt
worden. Im Jahr 2013 schwächte eine Wirtschaftskrise Brasilien. Viele Menschen gingen auf die Straße, um gegen hohe Preise für öffentliche Verkehrsmittel zu streiken. Von da an fürchteten die Eliten um ihren Wohlstand. Sie begannen, sich öffentlich zu Wort zu melden. Einige Medien trugen dazu bei, ihre rechten Parolen unter das Volk zu bringen.

Die Nichtregierungsorganisation Grupo Gay de Bahia hat im vergangenen Jahr 320 homophobe Morde gezählt. Was bedeutet das für das Leben von LGBT?

Es beeinflusst ihren Alltag massiv. Homosexuelle Paare küssen sich nicht mehr auf der Straße. Brasilien ist zu einem der gefährlichsten Länder für sie geworden. Während Großstädte einen gewissen Schutz bieten, sind Menschen in Kleinstädten oder Dörfern der homophoben Gewalt oft schutzlos ausgeliefert. Selbst in São Paulo ist im Dezember ein schwuler Mann getötet worden – auf der Avenida Paulista, im Herzen der Stadt, wo sich traditionell viele LGBT treffen.

Wie leisten LGBT unter diesen Bedingungen Widerstand? Tun sie es überhaupt noch?

Wo jemand unterdrückt wird, gibt es auch Widerstand. In Brasilien äußert er sich vor allem in der Kultur, besonders durch Musikerinnen und Musiker. Mit ihren Körpern sprengen sie geschlechtliche Grenzen: Männer tragen Kleidung, die nicht verrät, welchem Geschlecht sie sich zuordnen. Der Widerstand findet in geschlossenen Räumen und im Internet statt. In der Öffentlichkeit ist es zu gefährlich.

Homophobie kann in Brasilien seit kurzem mit Gefängnisstrafen von bis zu fünf Jahren bestraft werden. Können sich LGBT nun sicherer fühlen?

Nein. Das Gesetz halte ich für Populismus. Homo- und Transphobie werden nicht dadurch abgeschafft, dass man sie mit Strafen belegt. Was wir brauchen, sind erzieherische und kulturelle Maßnahmen. LGBT müssen sichtbarer werden, zum Beispiel an Schulen. Sie sollten Lehrerinnen oder Lehrer sein. Und reagieren, wenn ein Schüler wegen seiner sexuellen Identität gemobbt wird. Wenn sich Schulen in sichere Räume verwandeln, können wir mittelfristig einen viel stärkeren Wandel erreichen als es durch ein Strafgesetz jemals gelingt.

Ein Jahr nach dem Mord an Marielle Franco hat die Polizei zwei Verdächtige festgenommen. Wer das Attentat geplant hat, ist noch nicht bekannt. Wie bewerten Sie die bisherigen Ermittlungen?

Sie gehen nicht voran. Das Problem ist, dass die Drahtzieher mit den Mächtigen im Land verbunden sind. Außerdem sind diejenigen, die den Fall aufklären sollen, nicht neutral. So hat zum Beispiel die Richterin Marília Castro Neves wenige Stunden nach dem Attentat Marielle Franco kriminalisiert – mit einer Falschaussage,
die den Mord rechtfertigen sollte.

Wie kämpfen Sie von Europa aus weiter für LGBT-Rechte in Brasilien?

Ich schreibe und teile Beiträge in den sozialen Medien und erreiche damit viele Menschen. In ganz Europa spreche ich bei Podiumsdiskussionen und Konferenzen über Brasilien. Oft treffe ich Brasilianer, die ebenfalls im Ausland leben. Gemeinsam entwickeln wir Strategien, um unsere Demokratie zu verteidigen. Natürlich sind wir gut vernetzt mit Leuten in Brasilien. Das ist momentan der einzige Weg.

Werden Sie zurückkehren können?

Nur, wenn ich mich sicher fühle – nicht, um wieder ein Gefangener zu sein. Erst einmal brauche ich Zeit, um meine Wunden heilen zu lassen. Vielleicht wird Brasilien irgendwann wieder ein unbeschwertes Land.

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