Aktion von Amnesty International Bangladesch zum 60-jährigen Jubiläum der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte
Aktion von Amnesty International Bangladesch zum 60-jährigen Jubiläum der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte in Dhaka, Bangladesch, 10. Dezember 2008, © Amnesty International

Meldungen | Bangladesch : Ein Jahr nach den Morden an Xulhaz Mannan und Mahbub Rabbi Tonoy

2016 wurden zwei LGBT-Aktivisten in Dhaka, Bangladesh ermordet. Was diese Morde für die LGBT-Community bedeuten, erzählt Ta*, LGBT-Aktivist in Bangladesch.

"Ich werde wahrscheinlich nicht mehr länger kommen können. Ich habe Angst. Du musstest von einem Ort zum anderen fliehen aus Furcht, dass die Extremisten dich abschlachten. Wenn so etwas noch einmal passiert, habe ich nicht mehr die Kraft oder Fähigkeit, solche Sachen wie du zu tun." Ich habe im vergangenen Jahr viele solcher Nachrichten von LGBT-Mitstreiter*innen (Lesbisch, Schwul, Bisexuell und Trans*) in Bangladesch erhalten. Am 25. April wurden Xulhaz Mannan und Mahbub Rabbi Tonoy gnadenlos durch Extremisten getötet, weil sie sich für LGBT-Rechte in Bangladesch eingesetzt haben - seitdem ist nichts mehr so wie vorher.

Es war ein ganz gewöhnlicher Nachmittag in Dhaka und mein Freund Xulhaz war gerade von der Arbeit heimgekehrt. Er saß mit Tonoy und einem anderen Freund zusammen in ihrer Wohnung und sie sprachen über Bedrohungen und Dinge, die sie tun mussten, um sich zu schützen. Dann klingelte es an der Tür. Ein Mann sagte, dass ein Paket auf sie warten würde. In diesem Moment stürmte eine Gruppe von mit Macheten bewaffneten Männern in die Wohnung und ermordete Xulhaz und Tonoy brutal. Augenzeugen berichteten später, dass sie aus der Wohnung Schreie und Rufe wie "Nara e takbeer - Allahu akbar [Gott ist groß]" hörten. Überall in der Wohnung, die zuvor ein Ort für unsere kreativen Ideen und Gedanken war, gab es dickes rotes Blut und die Fußspuren der Mörder. Seitdem ich diese Beschreibung von einem Freund hörte, sitzt ständig ein dunkles und hässliches Tier namens "Furcht" mit scharfen glänzenden Krallen auf meinem Oberkörper.

In der Nacht nach den Morden konnte ich nicht schlafen, außerdem fühlte ich mich nicht sicher genug, um nach Hause zu gehen. Alles war dunkel und ich konnte eine Stecknadel fallen hören. In dieser Nacht versteckte ich mich irgendwo und ich konnte die Katzen auf dem gewellten Eisendach laufen hören. Das Geräusch ihrer weichen Pfoten fühlte sich an wie ein eine Machete schwingender Extremist, der kommt um mich zu holen. Viele von uns hatten sofort Verstecke aufgesucht. Im vergangenen Jahr mussten wir von Ort zu Ort ziehen - von unheimlichen Hotels zu unbekannten Apartments, zu gemeinsamen Freunden oder in ein anderes Land. Mit und ohne meinen Partner musste ich im vergangenen Jahr acht Mal den Ort wechseln. Für mich hat sich die Definition von Zuhause und Heimat sehr verändert in den vergangenen 12 Monaten - ich habe begonnen mich zu fühlen, als hätte ich kein Zuhause mehr.

Die Polizei bedrängt regelmäßig LGBT-Menschen in Bangladesch und ich habe schnell gemerkt, dass ich sie nicht um Schutz bitten kann. Tatsächlich wusste ich, dass ich jederzeit von der Polizei hätte eingesperrt werden können als Teil der "Untersuchung". Und sobald ich in ihrem Büro bin... (Lasst uns nicht darüber reden, damit der Rest der Welt nichts über die grauenvollen Details der so genannten Polizei-Verhöre erfährt.)

Wir LGBT-Aktivist*innen leben schon lange mit Bedrohungen, aber nach den Morden sind sie unheilvoller geworden. Sofort kamen mehr Drohbriefe an. Wir mussten entkommen. Viele wollten ihrem eigenen Leben entkommen. In einem Jahr brachte die Furcht viele meiner Freunde dazu ihr Heimatland zu verlassen, wahrscheinlich für den Rest ihres Lebens. Wenn ich mit ihnen spreche, möchte ich sie immer fragen, wann sie glauben, dass sie nach Hause zurück kommen - ich möchte sie von Angesicht zu Angesicht sehen, so wie es früher war. Aber ich frage nicht und ich werde es niemals tun. Sie wollen nicht zurückkommen.

Einige von uns bekannten Aktivist*innen suchten sofort nach den Morden Schutz in zwei geheimen Unterkünften. Aus offensichtlichen Gründen konnten wir diese nicht verlassen. Wir durften die Fenster nicht öffnen, wir durften uns ihnen nicht einmal nähern. Das Leben dort für zwei Monate in extremer Unsicherheit und mit wenig, was mein Denken beschäftigte, machte mich verrückt. Es war ein seltsames Gefühl - zu seltsam um es in Worte zu fassen.

Vier Tage nach den Morden veröffentliche Ansar al-Islam (eine bewaffnete Gruppe in Bangladesch, die behauptet mit al-Qa'ida in Indien verbunden zu sein) eine Erklärung, in der die Gruppe die Verantwortung für die Taten übernahm. Kurz danach sagte der Innenminister Asaduzzaman Khan Kamal: "Unsere Gesellschaft erlaubt keine Bewegungen, die unnatürlichen Sex fördern." Wie in den Fällen der seit 2013 ermordeten säkularen Blogger, scheint die Regierung offiziell andeuten zu wollen, dass wir selbst für diese Situation verantwortlich wären.

Törichterweise dachte ich, dass die Mörder innerhalb von sechs Monaten verhaftet würden. Stattdessen ist sehr wenig passiert. Am 10. Januar 2017 versäumte die Polizei ihre neunte Deadline für die Einreichung eines Untersuchungsberichts zu den Tötungen.

In der Community sind unsere Aktivitäten zum Erliegen gekommen. Die Wenigen von uns, die nicht das Land verlassen haben, fürchten sich zu sehr, um sich zu organisieren. Es ist frustrierend, dass der ganze erreichte Fortschritt der LGBT-Community in Bangladesch um mehrere Jahre zurückgeworfen wurde. Wenn ich jetzt versuche mit meinem alltäglichen Leben hier in Dhaka klarzukommen, ist meine größte Herausforderung die Selbstzensur. Ich musste alle meine Interviews, Blogs, Artikel und Spuren meines Aktivismus entfernen. Ich musste meine Mobilfunknummer ändern. Mir wurde geraten weder Facebook, Instagram, Twitter noch andere Plattformen zu nutzen, die meinen Aufenthaltsort verraten könnten.

Manchmal, auf meiner Couch sitzend, streichele ich meine Katze. Aus Behaglichkeit schließt sie ihre Augen und gibt vor zu schlafen. Die ganze Welt ändert sich schnell, aber wie meine Katze handeln wir so, als würden wir die Veränderungen nicht sehen.

Was mich trotzdem motiviert bleiben lässt, ist unsere Superkraft mit neuen Realitäten klarzukommen. Ich denke immer noch über Pläne für uns nach, die mir Hoffnung geben: Start-Ups, Crowd Funding, Journalismus von Bürger_innen, Audio Blogs und so weiter. Aber wir brauchen Unterstützung, um dorthin zu gelangen. Am Jahrestag der Morde könnten die Behörden endlich alles tun, was in ihrer Macht steht, um die Mörder vor Gericht zu bringen. Das wäre ein kleiner Schritt um Xulhaz Mannan und Mahbub Rabbi Tonoy Ehre zu erweisen.

*Ta ist ein Pseudonym - Der Name wurde geändert, um den Autor zu schützen.

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