Priscilla, eine aus Venezuela nach Kolumbien geflüchtete Transfrau © Amnesty International
Priscilla, eine aus Venezuela nach Kolumbien geflüchtete Transfrau © Amnesty International

Meldungen | Kolumbien | Peru | Venezuela : Venezuela / Peru / Kolumbien: Zwischen Unsichtbarkeit und Diskriminierung

Venezolanische Geflüchtete LGBTIQ+ in Kolumbien und Peru

Von Laura Vásquez Roa

Die längste Zeit seines Lebens hat Marco unter sozialer Angst gelitten. Er mag keine großen Gruppen und hat sich daher angewöhnt, Kopfhörer als Mittel zum Umgang mit der überfüllten Welt um ihn herum zu nutzen. Auf diese Weise kann er vermeiden, zu hören, was über ihn gesagt wird, doch irgendwann muss er sich der Realität stellen. „Wenn ich die Kopfhörer abnehme und anfange, aufmerksam zu sein, merke ich, wie indiskret die Leute sind. Sie mustern mich von oben bis unten und scannen mich, als wäre ich ein Spinner“, sagt er.

Marco ist ein 28-jähriger Trans*Mann, der seit vier Jahren in Lima lebt. Er kam auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen aus Caracas nach Peru, da der soziale, wirtschaftliche und politische Verfall seines Heimatlandes einen Verbleib dort unmöglich machte. Nach Angaben des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen hat die Massenflucht aus Venezuela bis Mai 2022 zu mehr als sechs Millionen Flüchtenden auf der ganzen Welt geführt.

Die Gründe für die Flucht sind vielfältig: mangelnde Sicherheit, Gewalt, die ständige Bedrohung der Menschenrechte und der Mangel an Nahrungsmitteln und Medikamenten. Als Einzelkind übernahm Marco die Verantwortung, seine Eltern zu unterstützen, doch er sah in seinem Land keine Perspektive mehr. Als sein Arbeitgeber das Café, in dem er arbeitete, schloss und ihm mitteilte, dass er mit seiner Familie nach Peru gehen würde und anbot, dass sie die Reise gemeinsam antreten könnten, überlegte er nicht lange. Marco hatte sich vorgestellt, dass es nicht einfach sein würde, bei Null anzufangen, doch er erkannte schnell, dass die Möglichkeiten für venezolanische LGBTIQ+-Flüchtlinge noch eingeschränkter sind und sich Türen noch leichter schließen. „Es gibt immer jemanden, der etwas Schreckliches sagt, oder wenn ich spreche und mein Akzent herauskommt, sagen sie, „geh zurück in dein eigenes Land“ oder sie lassen dich nicht durch oder ignorieren dich“, sagt er. „Und das tut mir wirklich weh, denn manchmal möchte ich etwas kaufen und es sind mehrere Leute da, aber sie bedienen mich nicht, selbst wenn ich sage: „Entschuldigen Sie bitte.“ Sie sehen mich nicht an, sie ignorieren mich, und manchmal versuche ich, mich davon nicht beeinflussen zu lassen, aber direkt vor den Augen der Leute unsichtbar zu sein, ist nicht schön, vor allem dann nicht, wenn man etwas mitzuteilen hat.“

Die Diskriminierungen summieren sich, sind miteinander verknüpft und führen dazu, dass LGBTIQ+-Menschen, die aus Venezuela in Länder wie Kolumbien und Peru kommen, ständig unter der Verweigerung ihrer Rechte leiden. Auch wenn die Abkürzung LGBTIQ+ für Menschen mit unterschiedlichen sexuellen Orientierungen, Geschlechtsidentitäten und sexuellen Merkmalen verwendet wird, bedeutet dies nicht, dass es sich um eine homogene Gruppe handelt. Im Gegenteil, jeder dieser Buchstaben umfasst eine Vielzahl von Erfahrungen, die mit der sozialen Klasse, der Hautfarbe oder dem Migrationsstatus einhergehen. Darüber hinaus spielt der Geschlechtsausdruck, der Teil dieser vielfältigen Identitäten ist, eine sehr wichtige Rolle dabei, wie eine Person von der Gesellschaft behandelt wird, da Verhaltensweisen, Kleidung, Gesten usw. als konventionell männlich oder weiblich angesehen werden und jeder, der nicht damit übereinstimmt, mit Misstrauen betrachtet wird.

Nach Untersuchungen von Organisationen wie CaribeAfirmativo in Kolumbien oder Presente in Peru ist die Ausgrenzung, die die Betroffenen erfahren, das Ergebnis der Tatsache, dass sich ihr Flüchtlingsstatus mit ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Geschlechtsidentität und/oder ihrem Geschlechtsausdruck oder verschiedenen sexuellen Merkmalen kombiniert. Marco, der sich weder einer Hormonbehandlung noch einer Operation unterzogen hat, ist der Meinung, dass sein Aussehen - das nicht der Norm entspricht - dazu genutzt wird, ihn zu diskriminieren. "Die Leute sehen mich im Grunde als eine männliche Frau. Sie mögen das nicht, weil es für sie schlecht aussieht. Sie suchen nach Menschen, die entweder Frauen oder Männer sind, und es ist, als ob ich in keine dieser Kategorien passe. Und wenn ich dann noch sage, dass ich Venezolaner bin, nun ja... Sie wissen nicht, wie schwierig das ist."

Marco ist der Meinung, dass die schlimmste Diskriminierung, die er erlebt hat, auf seine Transsexualität zurückzuführen ist, auch wenn die allgegenwärtige Fremdenfeindlichkeit hinzukommt. "Wenn ich biologisch männlich wäre, hätte ich sicher viel mehr Möglichkeiten, obwohl ich ein Migrant bin. Ich kann nicht einmal sagen, dass ich in den Supermarkt gehe, um ein paar Säcke mit Kartoffeln zu tragen. Die Leute schauen mich an und lachen mich aus, unabhängig davon, ob ich sie tragen kann. Das Problem ist, dass ich nicht die Person bin, die sie gerne sehen würden.“

Keine Rechte, kein würdevolles Leben

Kolumbien und Peru sind die wichtigsten Aufnahmeländer für Menschen, die aus Venezuela fliehen und internationalen Schutz benötigen. Laut der behördenübergreifenden Plattform R4V sind dies etwa 1,8 bzw. 1,3 Millionen Menschen. Für LGBTIQ+ Personen, die zudem aus historisch marginalisierten Gruppen stammen, stellen diese beiden Länder ein erreichbares Ziel dar.

Sowohl Kolumbien als auch Peru haben verschiedene internationale Verträge ratifiziert, die sie dazu verpflichten, die Menschenrechte Aller ohne jegliche Diskriminierung, auch aufgrund der Nationalität, der sexuellen Orientierung oder der Geschlechtsidentität, zu garantieren. Dennoch schaffen der tief verwurzelte Machismo, die Fremdenfeindlichkeit und die auf Vorurteilen gegenüber sexueller und geschlechtlicher Vielfalt beruhende Gewalt ein feindseliges und unsicheres Umfeld.

Laut ColombiaDiversa gibt es in dem Land einen bedeutenden rechtlichen Schutz für die LGBTIQ+-Bevölkerung, aber das größte Hindernis liegt in der tatsächlichen Umsetzung, insbesondere für Geflüchtete. Obwohl beispielsweise das neue Programm zur Regulierung der Zuwanderung, bekannt als „Vorläufiges Schutzstatut für venezolanische Migrant*innen“, Trans*Menschen ermöglicht, Dokumente zu erhalten, die ihre Geschlechtsidentität widerspiegeln, müssen Trans*Personen in der Praxis zusätzliche Verfahren durchlaufen, die zusätzliche Kosten verursachen und daher den effektiven Zugang zu diesen Dokumenten einschränken. Die FundaciónKarisma hat ihre Besorgnis über die Details des Verfahrens geäußert, die "die Grundsätze der Nichtdiskriminierung und der Eingliederung bedrohen, die Identifikationssysteme erfüllen müssen, um die Achtung der Menschenrechte zu gewährleisten", insbesondere die Barrieren beim Zugang zum Recht auf juristische Anerkennung für diese Bevölkerungsgruppe.

Darüber hinaus können die Erfahrungen von LGBTIQ+-Personen und Geflüchteten in Kolumbien nicht vom bewaffneten Konflikt getrennt werden, insbesondere in den Grenzgebieten, wo das Risiko des Menschenhandels und der zunehmenden Gewalt jene, deren Geschlechtsausdruck vielfältig ist und sich von den konventionellen binären Normen unterscheidet, in besonderer Weise betrifft. Der Grenzübertritt über "Trochas" (irreguläre Grenzübergänge) ist für viele Trans*Personen die scheinbar bessere Option, da sie an den offiziellen Grenzübergängen verspottet oder verletzt werden könnten, warnt CaribeAfirmativo. Sie reisen daher ohne Papiere, was sie einem größeren Risiko aussetzt und weitere Hindernisse beim Zugang zur Legalisierung schafft.

Wie im Bericht der Nichtregierungsorganisation Presente hervorgehoben wird, sind in Peru die Rechte von LGBTIQ+-Personen am stärksten betroffen: Zugang zu internationalem Schutz und Migration, Gesundheitsversorgung, Wohnraum und würdige Arbeitsbedingungen. Außerdem stehen in diesem Land die Gleichstellung der Ehe und das Recht auf gesetzliche Anerkennung der Trans*identität noch immer aus. "Wenn ich mich nicht an die Situation, in der ich mich befinde, anpasse, einschließlich der Infragestellung meiner eigenen Identität, kann ich nicht überleben", sagt Pía Bravo, Direktorin von Presente, in Bezug auf den Versuch, die eigene Identität und den Geschlechtsausdruck in Risikosituationen oder bei verstärkter Diskriminierung so weit wie möglich zu verbergen.

Ein großes Hindernis für Venezolaner*innen in Kolumbien und Peru ist der Zugang zur Gesundheitsversorgung. Die Sozialversicherungssysteme weisen im Hinblick auf eine wirksame und rechtzeitige Versorgung der einheimischen Bevölkerung Mängel auf, die sich für diejenigen, die keinen regulären Migrationsstatus haben oder sich keine privaten Dienste leisten können, noch verschärfen. Im Fall der venezolanischen LGBTIQ+-Bevölkerung sind die am häufigsten dokumentierten Hindernisse die fehlende Möglichkeit, sich im Gesundheitssystem registrieren zu lassen, was vor allem diejenigen betrifft, die unter chronischen Erkrankungen, einschließlich HIV, leiden. Die Verweigerung dieses Rechts bringt sie in Lebensgefahr, wenn sie nicht rechtzeitig versorgt werden.

Alixe, eine transgender weibliche Geflüchtete in Peru, ist der Beweis dafür. Für sie sind die Hindernisse miteinander verknüpft und reichen von den Kosten für die Verfahren zur Beschaffung von Dokumenten und die Registrierung im System bis hin zur direkten Diskriminierung durch das Gesundheitspersonal. „Für jemanden wie mich“, sagt sie, „ist es sehr schwierig, eine solche Legalisierungsgenehmigung zu erhalten. Es ist eine Odyssee, erst eine Arbeit zu finden, dann die Dokumente zu beschaffen, und dann stellt sich heraus, dass diese Dokumente nutzlos sind.“ Als sie endlich Zugang zu einer medizinischen Untersuchung erhält, verschlimmern die Defizite und die Stigmatisierung ihre Erfahrung. Alixe wurde ohne ihr Einverständnis HIV-getestet und bekam Fehldiagnosen, weil Ärzt*innen keinen körperlichen Kontakt mit ihr haben wollten.

Wenn es zum Beispiel um Hormonbehandlungen geht, erhalten transsexuelle Migrant*innen keine angemessene medizinische Unterstützung. Seit vier Jahren kann Alixe keine Endokrinolog*innen mehr aufsuchen und ihre Silikonimplantate nicht mehr kontrollieren lassen. Das ist der Grund, warum Trans*Menschen auf unsichere Verfahren zurückgreifen, sagt sie: „Wir haben Freund*innen mit vergifteten Körpern, Menschen, die an Herzinfarkten sterben, weil sie durch Selbstmedikation Blutgerinnsel bekommen, Trans*Freund*innen, die aufgrund der Einnahme von Testosteron Probleme in ihrer Gebärmutter haben.“ In Kolumbien hat CaribeAfirmativo ebenfalls bestätigt, dass die Hindernisse beim Zugang zu medizinischer Beratung für die transsexuelle Bevölkerung zu unsicheren und sogar tödlichen Körperumwandlungsverfahren führen.

Wenn es offensichtlich ist, dass man anders ist, ist alles schwieriger.“

„Es hängt alles davon ab, wie man aussieht“, sagt Augusto, eine 27-jährige non-binäre Person aus Venezuela, die in Bogotá lebt, wenn man über die Art und Weise spricht, in der eine LGBTIQ+-Person je nach ihrem Erscheinungsbild in der Öffentlichkeit behandelt wird. Der Geschlechtsausdruck wurde von allen befragten LGBTIQ+-Personen als Unterscheidungsmerkmal in den alltäglichen Begegnungen mit der lokalen Bevölkerung genannt. Dies ist von Person zu Person unterschiedlich und hängt von der Art des Geschlechtsausdrucks ab, den sie gewählt haben. Für Alixe, eine Transfrau in Peru, sind gleichgeschlechtliche lesbische oder schwule Menschen, einschließlich Trans*Männer, gesellschaftlich weniger sichtbar, weil ihre Transition weniger auffällig ist und sie anfangs mit weniger Stigmatisierung leben können, obwohl sie klarstellt, dass dies endet, sobald sie ein Ausweisdokument vorlegen müssen, das nicht ihrer Geschlechtsidentität entspricht. „Trans*Menschen werden immer beschuldigt, sich die Identität eines anderen anzueignen, und wenn sie merken, dass wir trans* sind, beginnt der Missbrauch", sagt Alixe.

Augusto erzählt, noch keine Gewalt erlebt aber Diskriminierung erfahren zu haben. They wisse von Angriffen auf Trans*Frauen und habe Angst. Als they jünger war, habe they sich als schwuler Mann in Maracaibo nicht viel dabei gedacht, aber seit they in Kolumbien lebt und mit anderen Kleidungsstilen experimentiert, z. B. dem Tragen von Röcken, geht they nie mehr ohne Begleitung aus.

Für Vanessa, eine queere non-binäre Person in Lima, prägen their Aussehen und their Akzent die Beziehungen zu den Menschen, mit denen they zu tun habe. Während des ersten Jahres in Peru habe they es vermieden, in der Öffentlichkeit zu sprechen, weil they nicht als Venezolaner*in identifiziert werden wollte. Fremdenfeindlichkeit kann jederzeit auftauchen, daher ist they dankbar, dass they einen Kreis von vertrauenswürdigen feministischen Freund*innen und Kolleg*innen aufgebaut habe, die them willkommen heißen.

Menschen mit verschiedenen Geschlechtsausdrücken sind nicht die einzigen, die Diskriminierung erfahren. Lesben und Schwule, die in dieser Hinsicht häufig weniger sichtbar sind, werden bei der Wohnungssuche als gleichgeschlechtliches Paar abgewiesen oder bekommen ihre Kinder nicht anerkannt, weil ihre Beziehung in Venezuela und somit auch in Kolumbien oder Peru nicht anerkannt ist. Auch einige von religiösen Einrichtungen betriebene Unterkünfte sind nach Angaben der befragten Organisationen Orte der Schikane für LGBTIQ+-Personen.

Nachdem sie auf zahlreiche Hindernisse gestoßen sind, die ein Leben in Würde unmöglich machen, beschließen einige Trans*Personen, die Transition abzubrechen, vor allem, wenn sie versuchen, wirtschaftliche Stabilität zu erreichen. „Einige Trans*Frauen mussten zu ihrem männlichen Geschlechtsausdruck zurückkehren, um nicht so viel Gewalt bei der Migration und der sozialen Integration zu erleben. Wir haben Fälle von Menschen, die ihre Hormonbehandlung abbrechen wollen, und zwar nicht, weil es keinen normativen Schutzrahmen gibt, sondern wegen des Ausmaßes der Gewalt gegen sie“, erklärt Giovanni Molinares, Researcher bei CaribeAfirmativo. Diese „Rückkehr in den Schrank“ wurde auch in Peru festgestellt, wie in dem bereits erwähnten Bericht der NGO Presente festgestellt wurde.

Viele LGBTIQ+-Flüchtlinge machen die Erfahrung, dass sie ihre öffentliche Identität verändern müssen, um Risiken oder Diskriminierung zu überwinden. Marco bestätigt dies mit Schmerz: „Manchmal ziehe ich es vor, mich zu verleugnen und 'ja, ja' zu sagen, wenn sie 'weiblich' auf meinen Dokumenten sehen und mich seltsam ansehen, für den Fall, dass sie handgreiflich werden oder mich mitnehmen... Ich wäre nicht in der Lage, mit einer Gewaltsituation fertig zu werden, wie sie einige meiner Trans*Freunde in Form von Schikanen und Polizeigewalt erlebt haben. Ich glaube nicht, dass ich einen Angriff überleben würde. Ich bin psychisch nicht darauf vorbereitet, mich dem zu stellen.“

Hindernisse für die Berichterstattung

Für transsexuelle Frauen wie Priscilla, die seit fünf Jahren in Cúcuta lebt, bedeutet die Gewalt in der Grenzstadt, dass sie Revierkämpfen, Drohungen und körperlichen Angriffen durch Kolumbianer*innen und Venezolaner*innen ausgesetzt ist. Diese Auseinandersetzungen bringen sie in eine äußerst prekäre Lage, in der Straffreiheit die Regel ist. „Sie töten dich und niemand weiß davon und keiner hat davon gehört“, sagt sie.

In diesen Fällen gibt es keine Möglichkeit, Anzeige zu erstatten, weil Angst vor den Behörden besteht oder schlicht die Zeit fehlt, um sich mit der Bürokratie zu befassen. Das Misstrauen gegenüber den Behörden, insbesondere der Polizei, beruht auf den verschiedenen Erscheinungsformen von Gewalt, denen insbesondere Trans*Frauen ausgesetzt sind. Obwohl Priscilla an das Sprichwort „Ignoranten ein taubes Ohr schenken“ glaubt, gibt sie zu, dass die Beleidigungen sie verletzen. „Manchmal versuche ich, hart zu bleiben, aber wenn man dann anfängt, die Worte zu hören, beeinflusst das die Gemüter schon ein wenig“.

Die Venezolaner*innen wenden Strategien an, um solche Erfahrungen in den Zielländern zu vermeiden. Dazu gehört auch die Erlangung eines regulären Migrationsstatus, der jedoch keine absolute Garantie gegen Diskriminierung oder Gewalt darstellt. Die Angst vor Fremdenhass führt dazu, dass sie eine passive Haltung gegenüber Amtsmissbrauch einnehmen.

Augusto ist in dem Glauben aufgewachsen, dass es besser ist, aus Angst vor Willkür den Kontakt mit staatlichen Sicherheitskräften zu vermeiden; trotzdem protestierte they in Venezuela immer their Rechte. In Kolumbien hat they damit aufgehört. Augusto erzählt, dass they vor einigen Wochen von eine*r Polizist*in angehalten wurde, der, nachdem sie*er their Akzent gehört hatte, das Telefon abnahm, um zu prüfen, ob es gestohlen sei. „Ich meine, in Venezuela ist das illegal, aber was kann ich tun, wenn ich Venezolaner*in bin, ein*e Einwander*in? Er*sie hat mein Telefon genommen und ich habe nichts gesagt.“

Zwischen Januar 2020 und Mai 2021 bearbeitete das Büro des kolumbianischen Bürgerbeauftragten Fälle von 88 Venezolaner*innen mit unterschiedlichen Geschlechtsidentitäten, darunter Dutzende Fälle von Diskriminierung von Sexarbeiter*innen, Polizeimissbrauch und institutioneller Gewalt. Der Bericht fordert die Einführung einer Gender-Perspektive bei den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in Fällen von Gewalt aufgrund von Vorurteilen - etwas, das bisher fehlt.

Auf der Suche nach Freiheit und einer auserwählten Familie

Mehrere LGBTIQ+-Venezolaner*innen berichteten, dass die Diskriminierung und Verfolgung, mit der sie in ihren Heimatländern konfrontiert waren, zusammen mit der Suche nach Freiheit, um ihre Lebensentwürfe als diverse Menschen zu entwickeln, sie auch dazu gebracht hat, sich in anderen Ländern niederzulassen.

Molinares ist der Ansicht, dass junge Menschen Venezuela verlassen, weil ihre Partner*innen dies bereits getan haben oder dabei sind, dies zu tun, und sie sich so vom Druck der Familie befreien können. „Wenn sie beginnen, sich aus dieser sexuellen Vielfalt heraus zu äußern, wollen sie diesen geschlossenen, oft repressiven Familienkreis verlassen. Die schnellste und billigste Möglichkeit ist, auf dem Landweg nach Kolumbien zu reisen, wo sie bereits ein Netz von Bekannten haben“, sagt er.

Marco ist sich bewusst, dass Peru ein Land geprägt von Machismo ist und dass Gewalt aufgrund von Vorurteilen gegenüber Trans*Menschen wie ihm eine Realität ist. Trotzdem wollte er sich bei seiner Ankunft in Lima die Chance geben, die er in Venezuela aus Angst nie hatte. „Hier, wo ich allein bin, musste ich den Mut aufbringen, meinen Geschlechtsausdruck, meine Orientierung und die Vielfalt in mir zu akzeptieren“, sagt er. Einige Freund*innen in seinem Land waren mutig genug, sich zu outen, aber er hat diesen Schritt erst gemacht, nachdem er aus Venezuela geflohen war.

Jetzt, da er Vater ist, denkt Marco an seine junge Familie. Seine Partnerin hat ein kleines Kind. Als Vater und Mutter tut das Paar alles, um sicherzustellen, dass das Kind nicht mit der prekären Situation konfrontiert wird. Das ist seit der Pandemie, die alles durcheinander gebracht hat, noch schwieriger geworden.

Der Gedanke, wieder zu verschwinden, beschäftigt ihn. Aber eine Rückkehr nach Venezuela kommt für ihn nicht in Frage. Als Jugendlicher liebte Marco den argentinischen Sänger Gustavo Cerati und ist daher neugierig auf dieses Land, aber er glaubt, dass Uruguay ein „ruhigeres“ Ziel wäre. Einige Freund*innen haben ihm erzählt, dass die Gesellschaft dort fortschrittlicher und toleranter gegenüber Andersartigkeit ist, und er weiß jetzt mehr denn je, dass dies ein unverzichtbarer Faktor für ein menschenwürdiges Leben ist.

Das Land seiner Träume ist jedoch Island. „Wenn ich in ein sehr weit entferntes Land ziehen würde, dann wäre es Island. Ich denke, dass es für jemanden wie mich klein und abgelegen genug ist“.

Laura Vásquez Roa, die Autorin dieses Beitrags, ist Anthropologin und unabhängige kolumbianische Journalistin, die für diese Recherche mit Amnesty International zusammengearbeitet hat.

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