Fans der libanesischen Indie Rockband Mashrou Leila mit einer Regenbogenflagge beim Konzert in Kairo, Ägypten, 22. September 2017, © DPA/PA Images
Fans der libanesischen Indie Rockband Mashrou Leila mit einer Regenbogenflagge beim Konzert in Kairo, Ägypten, 22. September 2017, © DPA/PA Images

Meldungen | Ägypten | Weltweit : Ägypten/Weltweit: Ein regenbogenfarbener Faden

„Du hast meine Hand gehalten. Du hast mir eine Revolution versprochen. Wie hast du mich vergessen? Wie hast du mich vergessen?“ Diese Zeilen der libanesischen Band Mashrou' Leila erklangen bei einem Konzert in Kairo an einem Abend im September 2017. Sie sind heute vielleicht von noch verheerender Relevanz als vor drei Jahren.

Von Nadia Rahman, Researcherin und Politikberaterin im Team "Geschlecht, Sexualität und Identität" von Amnesty International

 

Sarah Hegazy, eine queere Feministin im Publikum, spürte wahrscheinlich ein flüchtiges Gefühl von Freiheit, als sie eine populäre arabische Band mit einem offen schwulen Frontmann vor einem vollbesetzten Publikum in einem konservativen Land singen sah. Sie wagte es, die Regenbogenfahne zu hissen. Diese kurzen Momente der Hoffnung, in denen sie beschloss zu feiern wer sie war, veränderten ihr Leben. Und entrissen es ihr drei Jahre später.

„An meine Geschwister - ich habe versucht, Erlösung zu finden und bin gescheitert, verzeiht mir. Meinen Freunden - die Erfahrung [der Reise] war hart und ich bin zu schwach, um mich ihr zu widersetzen, verzeiht mir. Für die Welt - ihr wart in hohem Maße grausam, aber ich vergebe euch.“ Diese handschriftliche Notiz hinterließ Sarah als sie am 14. Juni 2020 starb. Die Notiz spricht von der Ungerechtigkeit und Diskriminierung, der sie ausgesetzt war. Sie bezieht sich aber auch auf tiefere strukturelle, patriarchalische Strukturen und gewalttätige Einstellungen, die Frauen, queere Frauen und andere LGBTI-Menschen auf der ganzen Welt weiterhin jeden Tag treffen.

Eine Woche nach dem Konzert wurde Sarah zusammen mit etwa 30 anderen Konzertbesucher_innen verhaftet und drei Monate lang unter dem Vorwurf der "Mitgliedschaft in einer illegalen Gruppe" und "Förderung der Ideen dieser Gruppe" sexuell missbraucht, gefoltert und willkürlich inhaftiert. Der Staatsanwalt ordnete an, Sarah 15 Tage lang in Untersuchungshaft zu halten, weil sie "Mitglied einer illegalen Gruppe" war und "für die Ideen dieser Gruppe warb", nannte die Gruppe aber nicht beim Namen. Er erneuerte ihre Inhaftierung alle 15 Tage, bis ein Richter ihre Freilassung ohne Anklage am 2. Januar 2018 anordnete.

Sarah musste kurz nach ihrer Freilassung gegen Kaution ins kanadische Exil nach Kanada ausreisen, litt aber weiterhin unter posttraumatischem Stress. Wie hätte es anders sein sollen? Diejenigen, die Gewalt gegen sie verübt hatten, genossen völlige Straffreiheit. Sarah hingegen wurde noch immer von den Drohungen, der Gewalt und den Misshandlungen, denen sie ausgesetzt war, verfolgt. Ein Jahr nach ihrer Verhaftung schrieb sie in Kanada darüber, wie sie unter Depressionen, posttraumatischer Belastungsstörung und schweren Angst- und Panikattacken gelitten hatte. Sie hatte sich ständig ängstlich und isoliert gefühlt und konnte nicht nach Ägypten zurückkehren um den Tod ihrer Mutter zu betrauern.

Jetzt finden wir uns selbst – Aktivist_innen, LGBTI, Verbündete - in Isolation wieder. Wir alle trauern um jemanden, den wir als Leuchtfeuer der Hoffnung, der Befreiung und der Liebe betrachteten. Jemand, der durch die gleichen Macht- und Patriarchatsstrukturen gelitten hatte, die in verschiedenen Teilen der Welt präsent sind, sich auf das Leben auswirken und jeden Tag die Rechte marginalisierter Gruppen verletzen. Sarahs Tod weckt kollektive aber auch individuelle Trauer. In dieser Zeit großer Ungewissheit, die von sozialer Distanzierung und verschiedenen Stufen der Ausgangssperren geprägt ist, gibt es verständliche Gefühle der Wut, Frustration und Angst, die seit Sarahs Tod nur noch zugenommen haben. Statt in der Lage zu sein, diesen Monat der „Pride“ damit zu verbringen, uns zu versammeln, gemeinsam zu marschieren, zu feiern und unsere Identität zu bejahen trauern wir um den Verlust von Sarah und den aller anderen LGBTI-Menschen und –Aktivist_innen, die von uns gegangen sind. Verständlicherweise fühlen wir uns beraubt.

In dieser Zeit müssen wir uns an den Regenbogenfaden erinnern, der die LGBTI-Leute über geografische, rassische, ethnische und andere Grenzen hinweg verbindet und Solidarität, Gemeinschaft und Hoffnung bietet. Eine der größten Stärken der LGBTI-Bewegungen ist ihre Fähigkeit, anderen Menschen Unterstützung, Rat und Solidarität zu bieten. In Tausenden von Fällen bieten sich LGBTI-Menschen gegenseitig ein Familiengefühl, wenn sie sich von ihrer biologischen Familie im Stich gelassen oder missverstanden fühlen. Dieser Gemeinschaftssinn ist es, auf den sich viele LGBTI-Menschen verlassen haben und von dem sie genährt, geerdet und unterstützt wurden, um ihr Leben wahrhaftig und authentisch zu leben. Es ist ein Gemeinschaftsgefühl, das andere Gruppen in der COVID-19-Pandemie übernehmen, in der Nachbarschaften, Familien und Gemeinschaften zusammenkommen, um Unterstützung, Nahrungsmittellieferungen und allgemeine Hilfe anzubieten.

Aber diese Unterstützung wurde in den letzten Monaten nicht unbedingt in gleichem Maße auf die LGBTI ausgeweitet. Viele LGBTI-Personen leben mit Menschen oder Familienmitgliedern zusammen, die feindselig eingestellt sind oder ihre Sexualität oder Identität nicht akzeptieren. Sie sehen sich deshalb mit Problemen der psychischen Gesundheit konfrontiert. Einige befinden sich möglicherweise in Ländern, in denen gleichgeschlechtliche Beziehungen und unterschiedliche Geschlechtsidentitäten kriminalisiert werden, wodurch sie kaum in der Lage sind, Gewalt, Belästigung und Missbrauch zu melden.

Diesen Freunden gegenüber möchten wir unsere größte Solidarität zum Ausdruck bringen und sie daran erinnern, dass sie nicht allein sind. Auch wenn die Unterstützung und der Gemeinschaftssinn vielleicht nicht mehr so sichtbar sind wie früher, so sind sie doch immer noch vorhanden. Wir schließen uns Menschenrechts- und LGBTI-Rechtsorganisationen auf der ganzen Welt an und fordern Regierungen auf, Schutz- und Berichterstattungsmechanismen für LGBTI-Personen bereitzustellen, die während der Ausgangssperren Gewalt und Belästigung ausgesetzt sind. Es gibt auch eine Reihe von Unterstützungs- und Gemeinschaftsgruppen, an die sich Menschen wenden können, wenn sie psychische Unterstützung benötigen.

Auch wenn es in diesem Jahr keine physischen Manifestationen der „Pride“ gibt, so gibt es doch viele online. Die „Global Pride“ ist eine 24-stündige digitale Feier am 27. Juni mit einer Reihe von Darbietungen, Vorträgen, Diskussionen und einer Zusammenkunft der meisten „Prides“ der Welt. Am 28. Juni startet Amnesty UK seine eigene digitale „Pride“-Plattform mit ähnlich unterhaltsamen, informativen und bestätigenden Inhalten, die von Partnerorganisationen stammen und einen Monat lang laufen werden.

In dieser Zeit der Spaltung, Distanz und Not bekräftigen wir unsere Verpflichtung, für eine Welt zu kämpfen, die sexuelle Orientierung und auf Geschlechtsidentität basierende Vielfalt nicht nur akzeptiert, sondern auch feiert. Eine Welt, in der Sarah Hegazy und andere, die ihr Leben für den Kampf für LGBTI - oder auch andere - Rechte verloren haben, hätten leben und gedeihen können. Diese Welt des Mitgefühls, der Gleichheit und Liebe gehört uns, und sie kann nur erreicht werden, wenn wir weiterhin gemeinsam gegen die Kräfte des Patriarchats, der Intoleranz und der Spaltung kämpfen.

Bleibt sicher, denkt daran, dass wir verbunden sind, und genießt die Pride (zuhause)!

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