Aus Oakland von Arndt Peltner
Es zerreißt mir das Herz, das Gefühl zu haben, nicht mehr an den Ort zurückkehren zu können, aus dem ich komme.« Das sagt Lexie Bean, 35 Jahre alt, aufgewachsen in einer Kleinstadt im Mittleren Westen der USA. Die Multimedia-Künstlerin drehte zusammen mit Logan Rozos den Dokumentarfilm »What will I become?«, der auf der Berlinale 2026 den Amnesty-Filmpreis erhielt. Der Film setzt sich auf bewegende Weise mit dem Leben junger trans* Personen in den USA auseinander. Lexie Bean und Logan Rozos sind trans* – das verschafft der Dokumentation eine zusätzliche persönliche, aber auch eine brutal offene Ebene. Für diesen Artikel habe ich mit Lexie Bean und Logan Rozos, aber auch mit meiner 25-jährigen Nichte Torrey in Seattle und meinem 70-jährigen Bekannten Carl1 in Nordkalifornien gesprochen. Auch Torrey und Carl sind trans*. In allen Gesprächen wurde die Angst vor dem Ungewissen spürbar, vor dem, was in den USA unter Donald Trump gerade passiert und noch passieren könnte. Seit Trumps Wahlkampf 2024 und vor allem nach seinem Amtsantritt im Januar 2025 wandelte sich die Stimmung gegen trans* Personen in den USA. Auf seinem Weg zurück ins Weiße Haus wetterte Trump gegen DEI (Diversity, Equity and Inclusion, dt. Vielfalt, Gleichstellung und Inklusion). Auf seinen Massenveranstaltungen verbreitete er Unsinn wie: Ein Junge gehe morgens in die Schule und kehre nachmittags als Mädchen heim. Die Eltern seien beim »Transgenderirrsinn« nicht gefragt worden, behauptete der Republikaner. Tausende johlten ihm zu und forderten ein Ende dieser Politik. Und Trump lieferte. Schon am ersten Tag nach seiner Rückkehr ins Amt unterzeichnete er ein Dekret zur »Wiederherstellung der biologischen Wahrheit«, das Geschlecht als »unveränderliche biologische Einstufung einer Person und »als entweder männlich oder weiblich« definierte. So schaffte er die Anerkennung einer trans* Identität auf Bundesebene faktisch ab. Bei der Neuausstellung von Reisepässen oder amtlichen Dokumenten muss nun das »Geschlecht bei der Geburt« genannt werden. Richtlinien zum Schutz von LGBTI+ vor Diskriminierung wurden abgeschafft. Trans* Personen im US Militär mussten ihren Dienst quittieren. Kriegsminister Pete Hegseth meinte dazu nur salopp: »No dudes in dresses anymore«, »keine Typen in Kleidern mehr«. Neue Richtlinien des Bundes halten Schulen dazu an, die bevorzugten Pronomen und Namen von trans* Schüler*innen zu ignorieren und ihnen nur die Nutzung der Toiletten zu erlauben, die dem bei der Geburt festgelegten Geschlecht entsprechen. Schulen sind zudem verpflichtet, Eltern zu informieren, wenn ein Schüler oder eine Schülerin eine Änderung des Namens oder des Pronomens fordert. Trans* Frauen und Mädchen dürfen nicht länger an Sportgruppen für Frauen/Mädchen in Schulen teilnehmen, wenn diese Bundesmittel erhalten. Eine weitere Anordnung trifft die trans* Community heftig: Im Januar 2025 verbot Präsident Trump per Dekret die geschlechtsbestätigende Gesundheitsversorgung (»gender-affirming health care«) für Personen unter 19 Jahren. Solche Behandlungen seien weder sicher noch wirksam, hieß es zur Begründung. Das führte in Krankenhäusern im ganzen Land quasi zum Ende solcher Behandlungen. Auf den offiziellen Webseiten der Regierung wurden zudem Verweise auf »trans*« entfernt und Daten zur HIV-Behandlung sowie zur psychischen Gesundheit von LGBTI+ gelöscht.
Seit Januar 2025 wurden in den USA 1.793 Gesetzentwürfe in die Parlamente der Bundesstaaten und auf Bundesebene eingebracht, die das Leben von trans* Personen negativ beeinflussen können. 165 davon wurden bereits angenommen, nur wenige abgeschmettert. Hunderte weitere sind noch »in Arbeit«. Der Frontalangriff auf trans* Personen in den USA sei »eine Frage des Überlebens«, stellte die trans* Aktivistin und Bürgerrechtsanwältin Alejandra Caraballo fest. »Und dieses Überleben ist unglaublich schwer geworden.«
Carl ist ebenfalls beunruhigt: »Ich habe Geld, bin alt und kann mich zurückziehen, das ist ein Privileg. Aber ich mache mir große Sorgen um junge Menschen, die gerade erst erwachsen werden, kein Geld und sich geoutet oder erst kürzlich ihre Geschlechtsangleichung abgeschlossen haben.« Auch für ihn war der Weg nicht leicht. Er kommt aus einer wohlhabenden Familie in Kalifornien. Bis er 40 war, wurde von ihm erwartet, dass er zu Familienanlässen ein Kleid trägt. Als er sich vor fast 30 Jahren als Mann definierte, lehnten das viele in seiner Familie ab. Seine Mutter sprach ihn bis zu ihrem Tod mit seinem weiblichen Geburtsnamen an. Aber trans* Personen hätten es auch in der schwulen Community schwer gehabt, sagt Carl. »Dort herrschten Vorurteile. Die Leute hatten Angst, Freund*innen zu verlieren. Und Freund*innen zu haben, war wichtig, wenn man von der Familie verstoßen wurde.« Filmemacherin Lexie machte ähnliche Erfahrungen: »Viele Freund*innen, vor allem viele meiner lesbischen Freundinnen, wussten nicht, wie sie mit meiner Transition umgehen sollten. Auch meine Familie hatte damit zu kämpfen. All das und die sich erheblich verschlechternde Politik führten dazu, dass ich das Gefühl hatte, eine Last zu sein und nicht geliebt werden zu können. Ich hatte Mühe, mich selbst vom Gegenteil zu überzeugen.« Gemeinschaft sei wichtig, meint auch Torrey. »Menschen um mich zu haben, die ähnlich empfinden wie ich, hilft mir, die erdrückende Last etwas zu mildern.« Torrey lebt mittlerweile in Seattle. Aufgewachsen in einer Kleinstadt in Südkalifornien, war sie an der High School Zeuge, wie zwei trans* Jugendliche gemobbt wurden. Torrey wartete, bis sie zum Studium nach Seattle kam. »Was es mir damals leichter machte, mich zu outen, war, dass ich zumindest in medizinischen Belangen erhebliche Unterstützung der Universität erhielt. So konnte ich medizinische Versorgung in Anspruch nehmen.« Lexie, Logan, Torrey und Carl sind Erwachsene. Sie leben in einem Land, in dem sie täglich angefeindet und verunglimpft werden, in dem ihre Selbstbestimmung eingeschränkt wird und sie überlegen müssen, in welchen Bundesstaat sie sicher reisen können. Sie alle haben Diskriminierung erlebt, zum Teil auch physische und psychische Gewalt. »Ich bin mir nicht sicher, wo das Land, in dem ich lebe, in fünf Jahren stehen wird«, meint Logan Rozos. »Wir leben in einer Zeit, in der wir uns einer großen Herausforderung stellen müssen – politisch, ethisch, als Bürger*innen. Ich hoffe, dass ich das schaffe.«
