Artwork der koreanischen Künstlerin © JaSeon @bnnbno
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Meldungen | Deutschland : Deutschland: Sichtbar bleiben

Queere Menschen erfahren auch in Deutschland Gewalt. Zugleich streicht der Staat in diesem Bereich Geld für Jugend- und Bildungsarbeit.

Aus Mühlhausen/Thüringen und Berlin von Harriet Wolff

Das hier ist nicht Berlin«, sagt Luis Ahner, »hier in Mühlhausen kennt gefühlt jede und jeder alle.« Ahner, 20 Jahre, hat vor drei Jahren – anfangs noch im Alleingang – die einzig offen queere Einrichtung der Kleinstadt gegründet: das Queere Zentrum. In Mühlhausen/Thüringen, rund 55 Kilometer von Erfurt entfernt, leben rund 36.000 Menschen. »Ich dachte mir, wenn ein Teil der Gesellschaft so rückständig drauf ist, müssen wir besonders auf dem Land hier in Ostdeutschland dagegenhalten!«, erzählt Ahner. Unverhohlene Queerfeindlichkeit nehme »heftig zu in letzter Zeit, wir brauchen Stärke und Vernetzung«. Zugleich gebe es in Mühlhausen aber auch viele Menschen, die die Initiative von Anfang an begleiteten und ermutigten. Ahner macht eine Ausbildung in Intensivpflege und ist Mitglied im Kreisvorstand der Linken im Unstrut-Hainich Kreis, ist nicht-binär und nutzt die Pronomen dey/demm, eine Eindeutschung des englischen, geschlechtsneutralen they. Für Ahner ist es aber auch ok, wenn dey als Mann angesprochen wird. »Ich will die Menschen da erreichen, wo sie noch ansprechbar sind«, sagt Ahner. »Wenn ich immer gleich ein Fass aufmache wegen falscher Ansprache, kann es schnell vorbei sein mit Kontakten. Und die brauchen wir hier, wir brauchen mehr Sichtbarkeit, mehr Verständnis.« Was bedeutet Queerness? »Queer heißt für mich, dass sich alle Sexualitäten zugehörig fühlen können.« Gerade Ahners Generation spreche das oft mehr an als die klare LGBTI-Zuordnung. »Und bei meiner Generation müssen wir ansetzen, um zu mehr Toleranz und weniger Unwissen über queere Menschen zu kommen.« Nur so komme man einer Gesellschaft ohne Hass und Gewalt gegen unterschiedliche Identitäten näher.  

Zum engeren Kreis des Queeren Zentrums gehören zehn bis 15 Menschen, die sich ein- bis zweimal im Monat an verschiedenen Orten treffen, denn für eigene Räumlichkeiten fehlt das Geld. Ein Treffpunkt ist das Jugendhilfeprojekt Boje des Evangelischen Kirchenkreises Mühlhausen. »Wir leben hier Offenheit«, sagt Boje-Leiterin Judith Vockrodt-Reich. »Das kann auch bedeuten, unsichere, anfangs manchmal intolerante Eltern für verschiedene Geschlechter zu sensibilisieren. Die Jugendlichen empfinde ich dagegen als sehr offen.« Das Queere Zentrum hätte gern einen festen Ort, dafür fehlt aber bislang der politische Wille, »da würden wir uns von der Stadtverwaltung, zu der wir alles in allem einen guten Draht haben, noch mehr wünschen«, sagt Ahner. Mühlhausen hat seit 14 Jahren einen SPD-Oberbürgermeister, doch sitzen derzeit auch sieben AfD-Politiker*innen im Stadtrat. Einer von ihnen, Ronny Poppner, schrieb in einem Facebook-Post: »Geht arbeiten, dann vergehen eure kranken Neigungen!« Daraufhin zeigten der Evangelische Kirchenkreis und das Queere Zentrum den AfD-Stadtrat wegen queerfeindlicher Äußerungen an. Wegen Anfeindungen und Bedrohungen im Netz, aber auch auf der Straße, entschied die Gruppe, dass nur Ahner mit den Medien spricht, damit Rechtsextreme nur einen Namen und ein Gesicht mit dem Queeren Zentrum in Verbindung bringen. Ahner hat sich daran gewöhnt, regelmäßig beleidigt zu werden. »Das ist kein schönes Gefühl, aber für mehr Sicherheit der anderen nehme ich das in Kauf.« Doch leider würden auch Familienmitglieder auf Online-Plattformen angefeindet. »Die Grenzen des offen Sagbaren haben sich eindeutig zuungunsten des queeren Spektrums verschoben.« Ahners Adresse im Melderegister ist gesperrt, so ist sie nicht so leicht in Erfahrung zu bringen. Zu körperlichen Über griffen ist es noch nicht gekommen. Vorsichtig ist Ahner dennoch: »Ich kann Judo und Kampfsport, ich weiß mich zu verteidigen.« Die Amadeu Antonio Stiftung weist in ihrem aktuellen »Sicherheitsreport zu Angriffen auf Demokratieprojekte« darauf hin, dass rechtsextreme Akteur*innen »zunehmend koordiniert« vorgehen. Das »Feindbild Zivilgesellschaft« werde als politisch gesteuert, demokratisch illegitim oder als gegen »die Bürger« gerichtet dargestellt. Das wird »flankiert von Gewalt und Bedrohung als Eskalationsmittel«, heißt es in dem Bericht. Den organisatorischen Kern des Queeren Zentrums bilden drei Personen, alle engagieren sich ehrenamtlich, neben ihrer Ausbildung oder Berufstätigkeit. »Menschen finden, Strukturen schaffen, einfach machen«, sei ihr Ziel, sagt Ahner. 

Im Sommer 2025 organisierte das Queere Zentrum den allerersten Christopher Street Day (CSD) in Mühlhausen. »Wir hatten mit zirka 150 Besucher*innen gerechnet, gekommen sind etwa 400 Menschen aus Thüringen und ganz Deutschland«, berichtet Ahner. »Wir waren stolz und glücklich.« Solidarisch Hass zu widerstehen, war das Leitmotiv – es gab keine Gegendemo, »aber rund 25 Leute, die uns den ganzen Tag gestört und beleidigt haben«. Es waren Rufe zu hören wie: »HIV hilf uns doch – Schwule gibt es immer noch!« Leider sei die Polizei bei rechtsextremen Hassbotschaften wie diesen nicht immer eingeschritten. Dieses Jahr findet der CSD am 22.August statt. Im vergangenen Jahr habe die Amadeu Antonio Stiftung die Veranstaltung mit rund 2.500 Euro unterstützt, berichtet Ahner. Die Stiftung sprang ein, weil die Finanzierung über das örtliche Jugendforum plötzlich unsicher war. Das Jugendforum wird vom Bundesprogramm »Demokratie leben!« des Bundesfamilienministeriums und vom Thüringer Landesprogramm »Denk bunt« unter stützt. Doch wird über diese Förderung jedes Jahr neu entschieden, was eine längerfristige Planung unmöglich macht. »Die Jugendlichen empfinde ich im Gegensatz zu manchen Eltern als sehr offen.« Judith Vockrodt-Reich, Projekt Boje »Wir wünschen uns dringend eine Verstetigung von staatlichen Programmen – und suchen gerade nach Alternativen«, erzählt Ahner. »Es kann sein, dass wir aus ›Demokratie leben!‹ erstmal rausfallen, aber wir haben gute Signale für Förderungen zivilgesellschaftlicher Gruppen.« 

Das Bundesfamilienministerium hat angekündigt, das Programm »Demokratie leben!« umzubauen – mehr Geld für Initiativen gegen Linksextremismus, Islamismus, Antisemitismus und Hass im Internet und damit weniger Geld für viele NGOs, die bisher gefördert wurden. Auch der Verband Queere Vielfalt (LSVD+) wandte sich besorgt in einem offenen Brief an die Bundesfamilienministerin und mahnte an, queere Gruppen und Organisationen nicht fallen zu lassen. »Demokratieförderung muss sich daran messen lassen, ob sie die Rechte marginalisierter Mitglieder unserer Gesellschaft schützt«, schreibt der LSVD+. »Queere Menschen, insbesondere trans* und nicht-binäre Menschen, sind eine Gruppe, die besonders häufig Ziel von Angriffen auf Würde und Rechte ist.« Die politische Diskussion, was genau förderungswürdig sei oder nicht, wirft die Frage auf: Lässt der Staat Menschen aus dem queeren Spektrum ausgerechnet jetzt im Stich, während ein Teil der deutschen Gesellschaft ihnen gegenüber immer intoleranter und offen feindselig wird? 

Rupert Haag, der Sprecher von Queeramnesty, dem queeren Netzwerk von Amnesty Deutschland, zeichnet ein düsteres Bild: »Es droht ein großer, großer Rückschritt, was den gesellschaftlichen Umgang mit queeren Menschen angeht.« Fast überall im Bundesgebiet melden die Teams von Überfalltelefonen einen Anstieg queerfeindlicher Gewalt, berichtet Haag. Das schwule Anti-Gewalt-Projekt Maneo in Berlin erfasst entsprechende Gewalttaten in der Hauptstadt. Im Jahr 2025 wandten sich 945 betroffene Personen an die Beratungsstelle. Projektleiter Bastian Finke, der seit 36 Jahren für Maneo arbeitet, spricht von einer hohen Dunkelziffer bei Fällen von Gewalt, Hass und Hetze gegen die queere Community. »Selbst in einem traditionell bunten Regenbogenkiez wie Berlin-Schöneberg wird mittlerweile nach 23 Uhr abends immer wieder gepöbelt, gedroht oder gehetzt gegen queere Personen.« Finke fordert alle demokratischen Parteien auf: »Spielt Bedrohungslagen gegen Queers nicht aus populistischen Gründen herunter! Stattet endlich Projekte, die klare Prioritäten setzen gegen Hass und Gewalt, gezielt und langfristig mit Geld aus.« Auch Rupert Haag von Queeramnesty kritisiert willkürliche Mittelkürzungen für queere Bildungs- und Aufklärungsprogramme.  Er arbeitet als Lebenskundelehrer an einer Berliner Grundschule und sieht Bildung zu sexueller Orientierung und Vielfalt als »das A und O«: »Dort darf der Staat nicht sparen.« Von rechts und ganz rechts komme ständig der verleumderische und verschwörungstheoretische Vorwurf, dass solche Bildung eine »Frühsexualisierung« von Kindern und Jugendlichen betreibe. »Das ist Unsinn«, sagt Haag. Heranwachsende bräuchten bei diesem Thema, das viele bewege, viel mehr eine vorurteilsfreie und ergebnisoffene Ansprache. 

Expertise für queere und rassismuskritische Bildungsarbeit vermittelt die Kompetenzstelle i-PÄD, die beim Migrationsrat Berlin angesiedelt ist, einem Zusammenschluss von fast 90 Organisationen. Das Team von i-PÄD unterstützt Pädagog*innen dabei, unterschiedliche Diskriminierungsformen zu erkennen und ein diskriminierungsfreies Schulleben zu erreichen. Die queere Organisation erreicht pro Jahr bis zu 2.000 Lehrkräfte und Schüler*innen. Ed Greve, Sprecher des Berliner Migrationsrats, kritisiert, dass die Berliner Bildungsverwaltung 2025 die Finanzierung von i-PÄD kom plett gestrichen hat. »Es gab keine Vorwarnung und keine fachliche Begründung«, berichtet Greve. »Es war eine politische Entscheidung gegen ein erfahrenes Team. Wir mussten von heute auf morgen Mitarbeiter*innen entlassen, Projekte mit verschiedenen Bildungsträgern abbrechen. Jahrelange Vertrauensverhältnisse brachen uns weg.« »Dass Bildung, die nicht diskriminiert, auch Hass und Gewalt gegen Queers verhindert – das denkt die Politik zu wenig mit«, kritisiert Greve. Auch werde strukturelle und institutionelle Gewalt, etwa bei der Gesundheitsvorsorge für queere Menschen, zu wenig thematisiert. Es gebe, sagt Greve, zu viel Diskussionen über und zu wenig Politik für queere Menschen. »Das sind wichtige Querschnittaufgaben für die Politik, aber die Schubladenressortlogik in den Ministerien oder hier im Berliner Senat erschwert das total.« Einen kleinen Lichtblick gibt es für i PÄD: Im aktuellen Berliner Haushalt wird die Organisation wieder gefördert, allerdings nur mit einem Drittel des früheren Budgets. Greve nennt das »Teil eines größeren politischen Spiels« in Bezug auf queere und diskriminierungskritische Bildung. Denn eine Struktur, die einmal aufgegeben werden musste, lasse »sich nicht eben mal wieder aufbauen«. Der Zuspruch für rechtsextreme und menschenfeindliche Politik nimmt auch in Berlin zu, wo im September die Wahl zum Abgeordnetenhaus ansteht. Ed Greve fordert die demokratischen Parteien auf, eine Politik zu machen, die Prävention und Bildung im Haushalt verankert: »Das ist dann Politik in Zahlen und nicht Symbolpolitik.« Denn weniger Bildungsarbeit werde die Queerfeindlichkeit in Zukunft nur verstärken – sowohl in Berlin als in ganz Deutschland.