Zwei Personen halten eine „FREE HUNGARY“-Flagge bei der Budapest Pride 2025 hoch, während sie auf dem Brückenpfeiler der Elisabethbrücke sitzen. © Creative Commons Attribution 4.0 International
Zwei Personen halten eine „FREE HUNGARY“-Flagge bei der Budapest Pride 2025 hoch, während sie auf dem Brückenpfeiler der Elisabethbrücke sitzen. © Creative Commons Attribution 4.0 International

Meldungen | Ungarn : Ungarn: Vorsichtig optimistisch

Unter der Regierung von Viktor Orbán wurden queere Menschen in Ungarn entrechtet. Nach dem Machtwechsel besteht Hoffnung, dass sie wieder gleichberechtigte Bürger*innen werden. Vorerst bleiben Zweifel.

Von Keno Verseck

Ibolya Oláh wollte das Lied nie wieder singen. Doch nach der Abwahl der Regierung wurde es zum Symbol der Befreiung und des Wandels. Fast jede*r in Ungarn kennt die 48 jährige Popsängerin mit der rauen Stimme, die Romni ist und lesbisch. Sie stammt aus armen Verhältnissen, wuchs in einem Kinderheim auf. Als sie im Jahr 2005 an einem Feiertag in Budapest das melancholisch-patriotische Lied »Es gibt ein Land, Ungarn« gesungen hatte, war ihr eine Welle des Hasses entgegengeschlagen. Der Vorwurf: Als Romni und Lesbe dürfe sie das Lied nicht singen. Später erklärte sie, sie sei die ständigen Drohungen leid und werde es nicht mehr vortragen. Dann kam der 9.Mai 2026: Ibolya Oláh stand auf den Stufen vor dem Eingang des ungarischen Parlaments, als die neuen Abgeordneten aus ihrer konstituierenden Sitzung kamen. Der neue Ministerpräsident Péter Magyar war vereidigt, die Ära von Viktor Orbán nach 16 Jahren beendet. Einen Monat zuvor war der autoritäre und nationalistische Ministerpräsident abgewählt worden, die oppositionelle Tisza-Partei hatte die Wahl gewonnen. Nun sollte es eine öffentliche Feier auf dem Parlamentsplatz geben. Zum Auftakt hatte Magyar die Sängerin gebeten, »Es gibt ein Land, Ungarn« zu singen. Als die ersten Takte erklangen, strömten Tausende Menschen vor den Eingang des Parlaments – dorthin, wo Ibolya Oláh sang. Am Ende des Liedes umarmte Magyar die Sängerin. Später überschrieb er eine in den sozialen Medien geteilte Videoaufnahme der Szene mit den Worten: »Als die Gräben zwischen den Ungarn symbolisch und praktisch zugeschüttet wurden.« Für Millionen Ungarn war dieser Augenblick etwas Besonderes – vor allem für die LGBTI-Gemeinschaft. Dávid Vig, der Direktor von Amnesty International Ungarn, ist Teil von ihr. Er sagt: »Dass die offen lesbische Roma-Sängerin Ibolya Oláh nach der konstituierenden Sitzung des Parlaments singen konnte, war bewegend und beispielhaft. Ebenso, dass Magyar in seiner ersten Rede als Ministerpräsident die zuvor vom Staat verfolgten Menschen um Verzeihung bat.« 

Tatsächlich hatten es queere Menschen in keinem anderen EU-Land in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten so schwer wie in Ungarn unter Orbán. Zwar gibt es in vielen europäischen Ländern gesellschaftliche Vorurteile gegen sie, doch in Ungarn war Hass gegen alles Queere Staatspolitik. Schon bald nach dem Machtantritt im April 2010 begann Orbáns Regierung gegen Schwule und Lesben zu hetzen. Das prominenteste Opfer war Róbert Alföldi, ehemals Intendant des Nationaltheaters, der sich geoutet hatte. Im Jahr 2013 sagte der damalige oberste Kulturbeamte Ungarns, Imre Kerényi, es solle im Theater »nicht mehr um Schwuchteln gehen, sondern um Liebe, Ehre und Treue«. Der enge Orbán-Freund László Kövér, langjähriger Parlamentspräsident und formal die Nummer zwei im Staat, ging mit besonders hasserfüllten Aussagen in die ungarische Geschichte ein. 2019 plädierte er dafür, LGBTI+ als minderwertig einzustufen: »Ein normaler Homosexueller versucht, sich an die Weltordnung anzupassen, indem er sich nicht unbedingt für gleichrangig hält.« Eine neue Qualität erreichten Hass und Ausgrenzung von oben im Herbst 2020. Damals zog Orbán zum ersten Mal offen eine Verbindungslinie zwischen Homosexualität und Pädophilie: »Ungarn ist hinsichtlich der Homosexualität ein tolerantes, ein geduldiges Land. Doch gibt es eine rote Linie, die man nicht über schreiten darf: Lasst unsere Kinder zufrieden!« Diese verbale Kriminalisierung wurde fortan ein inoffizielles Motto und schlug sich in mehreren Gesetzen nieder. So wurde die Verfassung um den Zusatz ergänzt: »Die Mutter ist eine Frau, der Vater ist ein Mann.« Damit wurde gleichgeschlechtlichen Paaren in Ungarn das Adoptionsrecht entzogen. Seit 2020 gilt zudem ein Gesetz, das es trans* Personen unmöglich macht, amtlich ihr Geschlecht anzugleichen. Im Sommer 2021 trat das berüchtigte Kinderschutzgesetz in Kraft, das Passagen zum »Schutz von Minderjährigen vor homosexueller Propaganda« enthielt. Die sehr weit gefassten Formulierungen verboten, jegliche Art von LGBTI-Inhalten und -Symbolen für Minderjährige öffentlich zugänglich zu machen. 

Wie ernst die Orbán-Regierung es meinte, zeigte sich 2023, als ein Budapester Buchladen rund 30.000 Euro Geldstrafe zahlen sollte, weil er eine LGBTI-Graphic-Novel für Jugendliche nicht verhüllt hatte. Nach einem langwierigen Gerichtsverfahren wurde die Geldstrafe Anfang 2025 zurückgenommen. Im April 2026 erklärte der Europäische Gerichtshof das Kinderschutzgesetz schließlich für rechtswidrig. Auf dem Höhepunkt ihrer anti-queeren Politik verbot die Orbán-Regierung 2025 Pride-Paraden. Das entfachte massiven Widerstand weit über die LGBTI-Community hinaus. Als sich im Juni 2025 trotz Verbots mehr als 200.000 Menschen zur Pride versammelten, war dies eine der größten Protestkundgebungen in der ungarischen Geschichte. Anfangs erwog die Orbán-Regierung, Teilnehmer per Gesichtserkennung zu identifizieren und anzuklagen, dann ließ sie den Plan aber fallen. Stattdessen wurde ein Strafverfahren gegen den Organisator der Demonstration eingeleitet, den Budapester Bürgermeister Gergely Karácsony. Ähnlich erging es später auch dem Organisator einer Pride in der südungarischen Stadt Pécs, dem schwulen Roma-Aktivisten Géza Buzás-Hábel. Im März 2026 wurden beide Verfahren jedoch an das Verfassungsgericht verwiesen, Anfang Juni wurden sie komplett eingestellt. 

Dávid Vig zieht nach 16 Jahren Orbán eine schmerzliche Bilanz: »Es war eine Zeit der schrittweisen Entrechtung. Als 2025 die Pride verboten wurde, hatte ich das Ge fühl, dass uns nur noch ein Hauch von Verhältnissen wie in Russland oder in der Türkei trennt.« Wenn er über den neuen, konservativen Regierungschef spricht, ist Vig optimistisch, aber vorsichtig. »Magyar hat sich 2025 nicht für die Pride ein gesetzt, sprach sich aber auch nicht dagegen aus. Als er in seiner Siegesrede in der Wahlnacht am 12.April sagte, dass er ›ein Ungarn aufbauen will, in dem jeder den liebt, den er will‹, waren viele von uns erleichtert. Aber die diskriminierenden Gesetze und Regelungen Orbáns sind noch in Kraft. Die Frage ist, ob der politische Mut vorhanden sein wird, sie nach und nach zurückzunehmen.« Das betrifft so absurde Bestimmungen wie das Verbot, das Fach Gender-Studien an Universitäten zu lehren, und das Verbot, das Geburtsgeschlecht in amtlichen Dokumenten zu ändern, aber beispielsweise auch den Verfassungsartikel, der eine Ehe nur als Institution zwischen Mann und Frau festlegt. »In den bisherigen Vorschlägen der neuen Regierungspartei zu einer Verfassungsänderung ist nicht vorgesehen, diese Regelungen abzuschaffen«, sagt Vig. »Ich hoffe, dass das dennoch kommt.«