Meldungen | Deutschland : “…sie sollen beide des Todes sterben!“– Bibel und Homosexualität

Vortrag MERSI-Seminar September 2008 in Berlin

Die Ablehnung von Homosexualität und damit einhergehend von schwulen, lesbischen, bisexuellen oder transsexuellen Menschen wird auf christlich-konservativer Seite häufig mit der eindeutigen Ablehnung von Homosexualität in der Bibel begründet.
Der Textbestand ist allerdings dürftig, insgesamt behandeln nur sechs Stellen der Bibel direkt oder indirekt gleichgeschlechtliche Sexualpraktiken. Diese sind bei näherer Betrachtung in ihrer grundsätzlichen Ablehnung von Homosexualität nicht so eindeutig, wie allgemein vermutet wird.
Aus dem Alten Testament werden häufig die Sage vom Untergang Sodoms (1. Buch Mose, Kap. 19), dazu die nach dieser Geschichte als Dublette gebildete Schandtat von Gibea (Buch der Richter, Kap. 19) und das Verbot aus dem Heiligkeitsgesetz (3. Buch Mose, Kap. 18, V. 22 und Kap. 20, V. 13), aus dem Neuen Testament zwei Verse aus dem Römerbrief (Kap. 1, V. 26f.) und Aufzählungen aus den sog. Lasterkatalogen im 1. Korintherbrief, Kap. 6, V. 9ff. und dem 1. Timotheusbrief, Kap. 1, V. 10 herangezogen.

Der Untergang Sodoms und die Schandtat von Gibea:

Die Zerstörung Sodoms durch Gott wird mit dem lasterhaften und gottlosen Verhalten der Stadtbewohner begründet. In der Sage fordern die Männer der Stadt die Herausgabe von zwei Übernachtungsgästen, damit “wir uns über sie her machen“ können (V. 5). Das hebräische Verb jadah, welches in gängigen deutschen Übersetzungen dieses Verses mit “verkehren“ oder “her machen“ wiedergegeben wird, bedeutet in seiner Grundaussage schlicht “erkennen“, wird in der Bibel aber allgemein auch für den sexuellen Verkehr gebraucht. Wortgleich wird diese Szene mit gleichen Motiven in einer anderen Geschichte im Richterbuch erzählt. In beiden Geschichten wird statt der Herausgabe der männlichen Gäste die Auslieferung von im Hause befindlichen Frauen angeboten, mit denen der Mob tun kann, “wie es ihm gefällt“.
Eine grundsätzlich negative Beurteilung von Homosexualität aufgrund der Sodoms- und der Gibea-Geschichte ist damit fragwürdig und bezöge sich genau genommen nur auf homosexuelle Vergewaltigung.

Heiligkeitsgesetz:

Der Hintergrund der im Heiligkeitsgesetz verbotenen Verhaltensweisen, darunter verschiedene sexuelle Verfehlungen, ist unklar. Das alte Israel grenzt sich mit einem ausführlichen Verbotskatalog von den umliegenden Völkern ab und nennt in diesem Zusammenhang auch das Verbot männlicher homosexueller Handlungen. Dabei fällt auf, dass der direkte Kontext, in dem das Homosexualitätsverbot steht, auf bestimmte kultische Praktiken der nicht-israelitischen Völker Bezug nimmt. Es deutet demnach vieles darauf hin, dass das den männlichen homosexuellen Verkehr ausdrücklich missbilligende und mit der Todesstrafe bedrohende Gesetz in erster Linie in Abgrenzung zu einer kultischen Prostitution entstanden ist, die im alten Orient verbreitet war. Das Heiligengesetz lehnt damit homosexuelle Sexualpraktiken zwar ab, aber explizit nur solche, die im Kontext von Prostitution an sakralen Kultstätten stehen.

Briefe des Paulus:

Beiläufig nennt Paulus in zwei seiner Briefe in sogenannten Lasterkatalogen neben anderen Sündern auch Männer, deren Verhalten unter Umständen als homosexuell verstanden werden könnte. Die genauen Bedeutungen der griechischen Begriffe sind uneindeutig; sie werden in deutscher Übersetzung meist mit “Lustknaben“, “Weichlingen“, “Knabenschändern“ und “Unzüchtige“ wiedergegeben. Während der Begriff “Unzüchtige“ für den außerehelichen heterosexuellen Sexualverkehr anzuwenden ist, wendet sich Paulus mit “Knabenschänder“ gegen Männer, die als Päderasten einzuordnen sind. “Lustknaben“ und “Weichlinge“ sind meist jugendliche, feminin agierende, männliche Prostituierte. Am eindeutigsten ist die Ablehnung von Homosexualität in einer komplizierten theologischen Erörterung im Anfangskapitel des Römerbriefes. Paulus sieht einen Götzendienst darin, dass die Menschen sich auf sich selbst und nicht auf Gott ausrichten und damit nicht der schöpferischen Ordnung entsprechend leben; vielmehr haben sie Schöpfer und Geschöpf vertauscht. Zur Illustration dieser Abkehr von Gottes Ordnung nutzt er die gleichgeschlechtliche Sexualpraxis. Eigentliches Thema seiner Ausführungen ist sie nicht, aber Paulus kann davon ausgehen, dass seine Leser – so wie er – gleichgeschlechtliche Sexualpraktiken selbstverständlich ablehnen und an ihnen die menschliche Verirrung am deutlichsten erkennen. In den christlichen Kirchen ist es weitestgehend Konsens, dass biblische Texte grundsätzlich nicht einfach wortwörtlich genommen werden können, sondern vielmehr in ihrem zeitgeschichtlichen Kontext interpretiert werden müssen. Trotzdem vertreten nicht wenige Christinnen und Christen ein wörtliches Bibelverständnis und sie sind, gerade was die Ablehnung von LGBT-Rechten anbelangt, durchaus einflussreich. Auch wenn zu jeder einzelnen der besprochenen Bibelstellen eine eingehendere und differenziertere Betrachtung notwendig wäre, als es hier geschehen konnte, ist die Behauptung, die Bibel lehne homosexuelles Verhalten durchgehend und eindeutig als sündhaft ab, sachlich nicht haltbar.

Malte Lei, Vikar in der Nordelbischen Kirche