Joey Joleen Mataele, Aktivistin für die Rechte von Trans-Frauen aus Tonga
Joey Joleen Mataele, Aktivistin für die Rechte von Trans-Frauen aus Tonga. 1992 gründete Mataele die Tonga Leitis Association und wurde deren Geschäftsführerin. Sie ist außerdem die Vertreterin der Pacific Islands im Executive Board der ILGA (International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans und Intersex Association) und Vorsitzende der South Pacific MSM-Netzwerkgruppe (Männer, die Sex mit Männern haben). – Foto: © Pohiva Tevita Tu'amoheloa

Meldungen | Indien | Philippinen | Libanon | Peru | Tonga | Weltweit Weltweit: Die Regierungen haben es versäumt transgeschlechtliche Menschen vor Mord zu schützen - und vor COVID-19

"COVID-19 mag ein neuer Killer sein - aber Hass tötet uns seit Jahrzehnten."

 

Das sagte Joey Mataele, eine Trans-Aktivistin aus Tonga, zu Amnesty International als wir nach den Auswirkungen der Pandemie auf die Trans-Menschen auf den Pazifik-Inseln fragten.

Von Nadia Rahman (Researcherin und Politikberaterin im globalen Gender-, Sexualitäts- und Identitätsteam von Amnesty International)

 

Joey hat bei der Gründung von Tongas einziger Organisation für transgeschlechtliche, nichtbinäre und gender-nonkonforme Menschen mitgeholfen – und sie hat Recht. Zwischen 2008 und 2020 gab es einen jährlichen Anstieg der Morde an Trans- und gender-diversen Menschen, so die jüngsten Ergebnisse des Trans Murder Monitoring Project. Von Jahresbeginn bis zum 30. September 2020 wurden weltweit 350 Trans- und gender-diverse Menschen getötet.

Die Statistiken des TMM-Projekts für diesen Zeitraum verdeutlichen auch die sich überschneidenden Formen der Diskriminierung, denen viele Trans-Menschen ausgesetzt sind. In den USA waren beispielsweise 79% der ermordeten Trans-Menschen Farbige und 62% der ermordeten Trans-Menschen, deren Beruf bekannt war, waren Sexarbeiter*innen. Diese Zahlen sind schrecklich genug, aber sie erfassen nicht das ganze Ausmaß des Missbrauchs, der täglich gegen viele Trans-Personen verübt wird.

Gewalt und Missbrauch gegen Trans-Menschen haben während der Pandemie zugenommen. Teilweise ist dies ein direktes Ergebnis von Abriegelungsmaßnahmen, die Trans-Personen zwingen sich mit verfeindeten Familienmitgliedern zu isolieren. Teilweise waren Trans-Menschen durch die Maßnahmen gezwungen sich in gefährliche Situationen zu begeben um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Dies gilt insbesondere für jene Trans-Personen, die beruflich bedingt riskierten dem Virus ausgesetzt zu sein oder jenen, sich mit Kunden an unsicheren Orten treffen mussten.

Die Pandemie hat deutlich gemacht wie die jahrelange Diskriminierung viele Trans-Personen an finanzielle Grenzen gebracht hat. Dadurch waren sie den verheerenden wirtschaftlichen Folgen von COVID-19 umso stärker ausgesetzt.

Vor dem Gedenktag für Trans-Menschen sprach Amnesty mit Trans-Menschen in aller Welt über ihre Erfahrungen in der Pandemie. Ihre Berichte machen deutlich, dass etablierte Wirtschafts-, Beschäftigungs- und Gesundheitssysteme auf der ganzen Welt Transsexuelle oft auf einzigartige Weise marginalisieren.

 

Eingeschränkte Lebensgrundlagen

Trans-Menschen sind in vielen Teilen der Welt von formaler Bildung oder Beschäftigung abgeschnitten. Dies schränkt Trans-Personen auf ein enges Spektrum von Beschäftigungsmöglichkeiten ein. Ein Großteil der Arbeit, die zur Verfügung steht, ist informell oder in Branchen angesiedelt, die hart von der Pandemie getroffen wurden.

In Indien, Bangladesch und Pakistan verdienen Transfrauen, kulturell bekannt khwaja siras oder hijras, ihren Lebensunterhalt zum Beispiel oft durch zeremonielle Funktionen bei Hochzeiten und Kindergeburten oder aber durch Sexarbeit oder Betteln auf der Straße.

Als in diesen Ländern Sperrmaßnahmen verhängt wurden kam diese Arbeit zum Erliegen. Trans-Aktivist*innen in den pakistanischen Regionen Punjab und Sindh erzählten Amnesty, dass sie Trans-Frauen kennen, die sich nach der Abriegelung keine Miete mehr leisten konnten und die ohne die Unterstützung anderer Trans-Frauen und Aktivist*innen am Rande der Obdachlosigkeit gestanden hätten.

Brenda, eine philippinische Trans-Aktivistin, die in verschiedenen Ländern Südostasiens arbeitet, erzählte, dass die Hauptformen des Lebensunterhalts in dieser Region Sexarbeit, die Teilnahme an Schönheitswettbewerben und Auftritte in verschiedenen Unterhaltungsstätten seien. Maßnahmen zur sozialen Distanzierung und Abriegelung betrafen all diese Branchen und schnitten Trans-Frauen über Nacht von ihrem Einkommen ab.

In ähnlicher Weise sind auf den pazifischen Inseln, einschließlich Samoa, Tonga und Fidschi, die meisten Trans-Frauen - kulturell als Leiti, Faʻafafine, Vakasalewalewa, Fakafefine und Palopa auf den verschiedenen Inseln bezeichnet - im Gastgewerbe beschäftigt. Joey berichtet, dass Trans-Frauen in Scharen ihre Arbeit verloren, als wegen der Pandemie keine Besucher mehr auf die Inseln kamen.

Es ist klar, dass die Barrieren, mit denen Trans-Menschen in der Vergangenheit auf dem Weg zur Beschäftigung konfrontiert waren, viele in prekäre Situationen gebracht haben. Die Pandemie war für Millionen von Menschen wirtschaftlich verheerend, aber diejenigen, die aufgrund von Diskriminierung und Hass vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind, wurden besonders hart getroffen. Es hätte nicht einer Pandemie bedurft, um die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, aber jetzt müssen die Regierungen handeln, um sicherzustellen, dass Trans-Personen gleichberechtigten Zugang zu Beschäftigung und sozialer Sicherheit haben.

 

Die Gefahren von Ausweiskontrollen

Aber es gibt noch andere Wege, auf denen die Pandemie eine einzigartige Auswirkung auf Trans-Menschen hatte.

In einigen Ländern wurde im Rahmen von Sperrmaßnahmen unter anderem die obligatorische Vorlage von Ausweisen vorgeschrieben, wenn Menschen ihre Heimat für wesentliche Zwecke verlassen. Trans- und nichtbinäre Menschen, die in Ländern leben, in denen sie ihr Geschlecht nicht legal ändern können, berichteten uns, dass dies zu einer Flut von Schikanen und Feindseligkeiten führte.

Zu Beginn der Pandemie legten einige Länder Südamerikas, darunter Peru, Kolumbien und Panama, bestimmte Tage fest, an denen Männer und Frauen ihr Zuhause für lebenswichtige Dinge verlassen mussten. Dadurch blieben Trans-Menschen offen für Missbrauch, Erpressung und Belästigung. Ein besonders schockierendes Video das online verbreitet wurde, zeigte Polizeibeamte in Lima, die drei Trans-Frauen zwangen, sich auf den Boden zu hocken und zu sagen: "Ich möchte ein Mann sein".

In einigen Ländern wird Trans-Personen auch die Dokumentation verweigert, die sie für den Zugang zu Sozialversicherungsleistungen benötigen.

Trinetra Haldar Gummaraju, Medizinstudentin und Trans-Aktivistin, sagte gegenüber Amnesty Indien: "Trans-Menschen haben keinen Zugang zu Aadhar-Karten, Lebensmittelkarten, PAN-Karten oder Ausweispapieren, die ihnen den Zugang zu grundlegenden Einrichtungen ermöglichen könnten.“

 

Gesundheitsversorgung

Der Zugang zu medizinischer Versorgung war während der Pandemie ebenfalls ein großes Problem für viele Trans-Personen.

Trans-Personen aus verschiedenen Regionen berichteten Amnesty, dass das Stigma und die Diskriminierung, denen sie in der Vergangenheit beim Zugang zur Gesundheitsversorgung ausgesetzt waren, durch die Pandemie noch verschärft wurden.

Ein Hauptproblem ist der Mangel an trans-spezifischer Gesundheitsversorgung, wodurch die Menschen auf Online-Foren oder die Erfahrungen anderer Trans-Personen angewiesen sind, um wichtige Entscheidungen über Medikamente und Behandlung zu treffen. Dieses Peer-Support-System ist wertvoll, aber es birgt auch Risiken. Rumi Dalle, eine Trans-Frau im Libanon, erzählte uns, dass die Menschen oft das Gefühl haben sie müssten rezeptfreie Medikamente und Hormonspritzen vom Schwarzmarkt ohne medizinische Aufsicht nehmen. Ähnliche Geschichten über mangelnde medizinische Unterstützung und Aufsicht von Trans-Menschen habe ich auf den Philippinen, in Tansania, Pakistan, Indien, Sri Lanka und im Kosovo gehört.

In einigen Ländern Europas und in den Vereinigten Staaten, in denen eine gewisse transspezifische Gesundheitsfürsorge zur Verfügung steht, wurden geschlechtsspezifische Behandlungen und Operationen verschoben, als die Gesundheitsfürsorge neu priorisiert wurde um auf die Pandemie zu reagieren. Die führte zu einer Reihe physischer und psychischer Herausforderungen. Für Menschen, die in andere Länder reisen müssen um eine Behandlung oder Gesundheitsversorgung zu erhalten, haben sich auch Reisebeschränkungen ausgewirkt. Dies ist häufig der Fall, wenn die rechtliche Anerkennung des Geschlechts in ihren eigenen Ländern nicht möglich ist und die medizinische Unterstützung dafür nicht zur Verfügung steht.

 

Fehlende Unterstützung

Als wir Trans-Personen fragten, ob sie während der Pandemie staatliche Unterstützung erhalten hätten, antworteten viele mit Unglauben. Eine philippinische Trans-Frau bezog sich auf den Mord an Jennifer Laude, deren Mörder begnadigt wurde, nachdem er nur die Hälfte seiner Strafe verbüßt hatte:

"Präsident Duterte begnadigte die Mörderin einer Trans-Frau. Das ist die schlimmste Ohrfeige, die wir als Trans-Frauen bekommen können[...] Wenn das Töten von Transvestit*innen so einfach gemacht wurde, was können wir dann [während der Pandemie] von der Regierung erwarten? Überhaupt keine Unterstützung".

In Ermangelung spezifischer staatlicher Hilfs- oder Konjunkturpakete waren viele Trans-Menschen auf die Hilfe anderer Trans-Menschen oder breiterer LGBTI-Gemeinschaften angewiesen. Es gibt einige ermutigende Beispiele dafür, dass Trans-Aktivist*innen und Gemeinschaften in lokalen Bemühungen zusammenkommen, um die Bedürftigsten zu unterstützen. In Lateinamerika schuf die Organisation RedLacTans ein Solidaritätsnetzwerk, das 18 Länder in der Region verbindet, und stellte begrenzte Mittel zur Verfügung, um Grundbedürfnisse wie Nahrungsmittel zu decken. In Pakistan kamen Trans-Aktivist*innen zusammen, um ein grundlegendes Bewusstsein für Hygiene und Desinfektion zu schaffen, verteilten Desinfektionsmittel, Immunverstärker und Gesichtsmasken.

Doch die Aktivist*innen sollten nicht in die Lücken treten müssen, in denen Staaten versagt haben. Die Regierungen müssen sich eingehend mit dem Schaden befassen, den die Pandemie Trans-Personen zugefügt hat, und unverzüglich Maßnahmen zum Schutz ihrer Rechte ergreifen.

Das bedeutet, dass sie die institutionalisierten, systemischen Barrieren mit denen Trans-Personen konfrontiert sind in Frage stellen und niederreißen müssen. Die Regierungen müssen Zugang zu einer formellen Beschäftigung und den damit verbundenen Vorteilen bieten, und sich dafür einsetzen, dass sie eine angemessene und rechtzeitige Gesundheitsversorgung, Nahrungsmittelsicherheit und Unterkunft bieten, wenn sie Trans-Personen vor Gewalt und Belästigung schützen wollen.

Die Achtung und Förderung der Menschenrechte von Trans-Personen ist die nationale und internationale Verpflichtung jeder Regierung. Während die Pandemie weltweit um sich greift, müssen die Regierungen ihre Verantwortung erkennen, diejenigen, die bereits am Rande der Gesellschaft stehen, davor zu bewahren, abzustürzen.