Mitglieder der Regierungspartei PIS am polnischen Unabhängigkeitstag 2018 © Barbora Cernusakova/AI
Mitglieder der Regierungspartei PIS am polnischen Unabhängigkeitstag 2018 © Barbora Cernusakova/AI

Polen: Stolz trifft auf Vorurteile

Vor zehn Tagen, als ich mich dem Hauptplatz der Stadt näherte, auf dem Bialstoks erster LGBTI-Pride beginnen sollte, wurde ich mit einer chaotischen Szene konfrontiert.

AMNESTY INTERNATIONAL

Kommentar von Mikołaj Czerwiński

Erschienen im Original bei Euronews


Tausende von wütenden Menschen standen den Demonstrant_innen gegenüber, riefen homophobe Beleidigungen und schlugen mit Fäusten, Stiefeln und Fahnenstangen.

Ich sah einen jungen Mann, der von Skinheads auf den Boden getreten wurde, und eine Frau, die auf die Straße gezerrt wurde. Eine junge Mutter eilte mit ihrem Kind an mir vorbei, und einem Jungen mit blutender Lippe wurde seine Regenbogenfahne aus den Händen gerissen und in Brand gesetzt. Die Polizei stand nur da und schaute zu.

Ich ging mit Kolleg_innen von Amnesty International zur Bialystok Pride, aber als Kopfsteinpflaster und Feuerwerkskörper um uns herum herunter kamen, stellte sich heraus, dass wir nicht in der Lage sein würden, unsere gewohnte Überwachung der Einhaltung der Menschenrechte durchzuführen. Stattdessen versammelten wir uns am Beginn des Aufzugs, um unsere Solidarität zu demonstrieren.

Bemerkenswerterweise behaupteten sich die Demonstrant_innen, obwohl sie vier zu eins unterlegen waren und einer Flut von Gewalt und Beleidigungen ausgesetzt waren. Trotzig und freudig tanzten die Menschen zu Musik, die fast laut genug war, um die Gesänge von "Verpisst euch Schwule!" zu übertönen. Und als die Organisator_innen die riesige Regenbogenfahne ausrollten, die den Zug anführen sollte, bekam ich Tränen in die Augen.

Für viele Pol_innen war das Ausmaß der Gewalt, das sie bei der Pride Parade in Białystok erlebten, ein Schock, der jedoch nicht von ungefähr kam. In den letzten Monaten verbreiteten die polnische Regierung und regierungsnahe Medien zunehmend homophobe und transphobe Propaganda und nutzten Homophobie als Vorwand für die bevorstehenden Parlamentswahlen.

Anfang des Jahres bezeichnete Jarosław Kaczyñski, Vorsitzender der regierenden "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) Partei, die "LGBTI-Ideologie" als eine importierte "Bedrohung der polnischen Identität, unserer Nation, ihrer Existenz und damit des polnischen Staates". Nachdem einige Städte, darunter Warschau, die Unterstützung für LGBTI erklärt hatten, sagte Premierminister Morawiecki, dass polnische Eltern nicht wünschen, dass ihre Kinder zu "homosexuellen Tendenzen" ermutigt würden, und einige regionale Parteibeamt_innen versuchten, Städte und ganze Provinzen für "LGBTI ideologiefrei" zu erklären.
Die Kampagne, die homophobe Rhetorik online und offline verbreitet hat, wurde von der Politik und den konservativen Medien mit Begeisterung aufgenommen. Eine Zeitung enthielt sogar "LGBTI freie Zone" -Aufkleber für ihre Leser_innen.

Aber in den zehn Tagen seit der Gewalt in Bialystok ist in Polen etwas Wunderbares passiert.

Vor zwei Tagen twitterte ein junger Mann namens Tomasz in einer Nachricht, dass LGBTI-Menschen Fotos von sich selbst posten "in der Schule oder auf der Arbeit, die zeigen, dass wir normale Menschen sind, die man überall treffen könnte: im Geschäft, auf der Straße, im Büro". Er fügte den Hashtag #jestemLGBT ("Ich bin LGBT") hinzu und in den letzten zwei Tagen war er auf dem polnischen Twitter die Nummer 1. Tausende drückten ihre Solidarität durch Twittern und Re-Twittern aus.

Die Pol_innen haben den Hashtag in den sozialen Medien genutzt, um zu zeigen, wer hinter den Etiketten steht: Studierende, Kellnerinnen, Feuerwehrleute, Ärzt_innen oder einfach nur Menschen, die im Bus neben einem sitzen oder einem auf der Straße begegnen. "Ich habe es satt zu sehen, wie die LGBTI-Community in Polen entmenschlicht wird", twitterte Alexandra, eine Studentin. "Ich bin nur ein normaler Mensch. Ich stehe auf, gehe zur Arbeit, komme nach Hause, mache Abendessen für mich und meine Freundin, gehe in eine Klasse und gehe dann ins Bett." Zehntausende von anderen machen mit und bieten Solidarität und Unterstützung, indem sie #jestemzLGBT (ich solidarisiere mich mit LGBTI) twittern, um Solidarität mit LGBTI-Menschen auszudrücken.

"Ich bin sehr froh, dass eine einfache Aktion so viel bewirkt hat", sagte Tomasz, als ich mit ihm sprach. "Viele Leute haben mich kontaktiert, um mir mitzuteilen, dass der Hashtag ihnen geholfen hat, den Mut aufzubringen, sich gegenüber Freund_innen zu outen. Trotz des Ausmaßes an Hass, dem LGBTI-Menschen ausgesetzt sind, haben die letzten Tage gezeigt, dass sie viel Kraft haben und sich ihrer nicht schämen."

Während ein Hashtag allein nicht ausreicht, um die festgefahrene gesellschaftliche Homophobie zu überwinden, hat die #MeToo-Bewegung gezeigt, dass soziale Medien ein wirksames Instrument sein können, Menschen zu stärken, Vorurteile herauszufordern und neu zu definieren, was in einer Kultur akzeptabel ist. Polen hat noch einen langen Weg vor sich und sollte zunächst die Teilnehmer_innen der Pride-Demonstrationen angemessen schützen, um sicherzustellen, dass die Gewalt, die in Bialystok aufbrach, sich nicht noch einmal zeigt.

Aber die Solidaritätsbewegung - getragen von einer riesigen Menschenmenge in den sozialen Medien - hat laut und deutlich gezeigt, dass es einen enormen Drang nach Veränderung gibt.

Eine polnische Frau twitterte heute neben dem Hashtag #jestemLGBT: "Ich könnte eines Tages deine Freundin sein. Ich könnte eines Tages deine Familie sein. Aber ich bin heute auch jemand."
Mikołaj Czerwiński ist Gleichbehandlungskoordinator bei Amnesty International Polen.

Weitere Informationen zu den Pride-Paraden finden Sie unter
https://www.amnesty.org/en/documents/eur37/0775/2019/en/