Zhanar Sekerbayeva, 36, eine LBQ-Aktivistin aus Kasachstan, © Amnesty International
Zhanar Sekerbayeva, 36, eine LBQ-Aktivistin aus Kasachstan, © Amnesty International

Kasachstan: "Das Motiv für meinen Aktivismus ist nicht Freundlichkeit, sondern Wut."

Zhanar Sekerbayeva, 36, ist eine LBQ-Aktivistin aus Kasachstan. Sie wurde verhaftet, wegen geringfügigen Rowdytums angeklagt und wegen ihrer Sexualität und ihres Aktivismus angegriffen. Dennoch hat sie nie die Hoffnung verloren - oder ihren Sinn für Humor. Durch ihre Organisation, die kasachische Frauenrechtsgruppe "Feminita", ist Zhanar entschlossen, die Rechte von LBQ-Menschen in Kasachstan zu schützen.

AMNESTY INTERNATIONAL
 
Meine Regierung macht mich wütend. Die Polizei macht mich wütend. Homophobie macht mich wütend. Zum Glück motiviert mich Wut.

Ich bin nicht eines Tages aufgewacht und habe einfach beschlossen, Aktivistin zu werden. Ich wurde von einer älteren Frau inspiriert, die gegen die Abwertung der kasachischen Währung Tenge protestierte. Sie stand allein vor einer Bank. Sie erzählte den Menschen, wie sich der Wertverlust auf die Renten und das Alltagsleben der Menschen auswirken könnte, und so gingen meine Freundin und ich, Gulzada Serzhan, zu ihr auf den Platz.

Viele Leute schlossen sich uns an, aber bald kam die Polizei und verhaftete alle, auch ältere Menschen. Sie waren unhöflich und aggressiv und zogen uns zu Boden. Ich fing an aufzuzeichnen, was geschah, und das Video fand Verbreitung in den sozialen Medien. Die Behörden hielten mich für eine der Anführerinnen des Protests und mein Foto erschien am nächsten Tag in den Online-Medien. Leser_innen und Social-Media-Kommentator_innen, die die Nachrichten sahen, konnten nicht sagen, ob ich ein Mann oder eine Frau war, daher war dies ein entscheidender Moment, um LBQ-Menschen sichtbar zu machen.

Friedlich protestieren

Diese Erfahrung hinderte mich nicht daran, mich zu äußern oder friedlich zu protestieren. Letztes Jahr wurde ich erneut verhaftet, weil ich mich gegen die Stigmatisierung rund um das Thema Menstruation ausgesprochen hatte.

In Kasachstan können wir die Menstruation wegen der Tabus, die sie umgeben, immer noch nicht offen benennen. Stattdessen verwenden die Menschen Euphemismen wie Red Aunty ("Die rote Tante"), Red October  ("Roter Oktober") oder Red Army ("Rote Armee"). Meine Mutter ist Kinderärztin und als ich meine erste Periode hatte, warf sie mir ein Stück Stoff zu, ohne zu erklären, wofür es war oder wie man es benutzt. Vielleicht war sie zu schüchtern, um mir zu sagen, was ich tun sollte - ich habe sie nie dafür verantwortlich gemacht. In der Schule lacht jeder, wenn die Periode eines Mädchens bei ihren Kleidern durchsickert, und ihre Lehrerin schickt sie nach Hause. Einige Leute begraben ihr blutiges Höschen draußen, während andere verseuchte Lappen verwenden, die zu Fortpflanzungsschäden führen können.

Es muss etwas getan werden. Aus diesem Grund habe ich mich der Frauenrechtsgruppe "FemPoint" in Almaty, Kasachstan, angeschlossen, um an einem Fotoshooting teilzunehmen, das sich mit den Tabus rund um die Menstruation befasst. Wir haben handgezeichnete Plakate mit Slogans und Bildern sowie Blöcke mit roter Farbe genommen. Sieben Tage nach der Demonstration ging ich in ein Café, um eine andere feministische Aktivistin zu treffen. Als ich herauskam, warteten sieben Polizist_innen auf mich. Sie befahlen mir, zum Bahnhof zu gehen und sagten, wenn ich es nicht täte, würden sie körperliche Gewalt anwenden.

Sie haben mich wie eine Verbrecherin behandelt. Meine Hände zitterten während der ganzen Tortur, ich konnte nicht einmal meine Anwältin anrufen - Gulzada musste mir helfen. Wir hatten Glück, dass meine Anwältin Aiman Umarova zur Verfügung stand. Ich dachte, es wäre unmöglich, nach 18.30 Uhr mit jemandem in Kontakt zu treten. Die Richterin, die mich verhört hat, stellte Fragen wie: "Sind Sie verheiratet? Haben Sie Kinder? Sind Sie schwanger? Wenn Sie ein Hochschulstudium absolviert haben, warum haben Sie an dem Fotoshooting teilgenommen? Haben Sie einen Ehemann?"

Ich sagte ihr, ich sei offen lesbisch und sie solle mich nach einer Partnerin, nicht nach einem Ehemann, fragen, und die Richterin korrigierte sich. Es war eine interessante, wenn auch stressige und beängstigende Erfahrung. Doch wenn ich sehe, dass Menschen Ungerechtigkeiten ausgesetzt sind, muss ich handeln.

Für das Halten dieser Bilder wurde ich von den Behörden angeklagt und wegen geringfügigen Rowdytums zu einer Geldstrafe verurteilt, aber durch die Unterstützung von Organisationen wie Amnesty International fühlte ich mich viel weniger allein.

Vertretung der LBQ-Frauen

Als LBQ-Aktivistin und Journalistin war meine Arbeit nicht ohne Schwierigkeiten, wie Sie sehen können! Meine Mutter glaubte nicht, dass es möglich sei, Dinge zu ändern. Ihre Meinung war, dass die Bürger_innen "nur Steuerzahler_innen sind - wir dürfen nichts entscheiden." An der Universität hatten wir nicht die Möglichkeit, über LGBTI-Rechte zu diskutieren - man musste die Erlaubnis von Professor_innen einholen.

Als Lesbe wusste ich, dass ich LBQ-Frauen vertreten wollte. Ich wollte meine Gruppe, meine Community schützen, also gründeten Gulzada und ich die Feministische Initiative "Feminita" in Kasachstan. Wir konzentrieren uns hauptsächlich auf anwaltliche Fürsprache und strategische Gerichtsverfahren. In unserer Gesellschaft sind LBQ-Frauen schüchtern und stigmatisiert. Es ist wichtig, dass wir ihre Bedürfnisse durch Aufklärung und gemeinsame Erfahrungen ansprechen.

Es war eine Lernerfahrung und seit Beginn von "Feminita" haben einige Freund_innen ihre Abneigung gezeigt, mich zu treffen. Es ist verletzend. Ich war auch mit Herausforderungen von Fremden konfrontiert, da Männer es für in Ordnung halten, mir pornografische Bilder zu schicken und Kommentare zu meinem Aussehen abzugeben.

Aber Wut treibt mich voran. Wenn ich über ein Thema spreche, das mich verärgert, gibt es kein Halten. Wut ist meine Schwester.

Wirkung erzielen

Wut hat mir gute Dienste geleistet und wir erzielen jeden Tag Wirkung. Erst kürzlich haben wir eine Satzung angefochten, die einen abfälligen Absatz über die LGBTI-Kultur enthielt. Wir haben Briefe geschrieben und mit Botschaften und unseren Verbündeten auf der ganzen Welt zusammengearbeitet. Schließlich wurde das Gesetz ohne das Statut verabschiedet.

Wir haben auch Bedarfsanalysen für LBQ-Mitarbeiter_innen durchgeführt. Es war keine leichte Aufgabe. Wir mussten uns oft in Parks oder dunklen Gassen treffen. Einige Frauen halfen uns, andere wollten nicht angesprochen werden. Durch unsere Forschung beweisen wir, dass es Lesben, Bisexuelle und queere Menschen in unserer Gesellschaft gibt, und es ist Zeit, damit zu leben. Wir haben festgestellt, dass Frauen vor allem hilfsbereite Verbündete brauchen, darunter Anwält_innen und Fachärzt_innen. Sie wollen in der Lage sein, in Informationszentren zu gehen, und sie benötigen Zugang zu Menschenrechtsorganisationen.

Meine Kolleg_innen und ich haben seit 2017 versucht, "Feminita" als juristische Person zu registrieren, aber unser Antrag wurde mehrfach abgelehnt. Sie finden immer den einen oder anderen Grund, um uns mitzuteilen, dass wir nicht bereit sind oder dass wir gegen etwas verstoßen. Wie können gebildete, mutige LGBTI-Aktivist_innen gegen die Gesetze des Landes verstoßen? Im Gegenteil, wir fördern den Schutz der Menschenrechte. Ob die Regierung es will oder nicht, die Rechte von Lesben, Bisexuellen, Transsexuellen und queeren Frauen sind Teil davon.

Wir wollen nicht, dass Feminita nur eine Basisorganisation ist - wir wollen eine Denkfabrik schaffen, die ihre eigenen Forschungen durchführt. Es ist die Solidarität, die uns dabei geholfen hat, so weit zu kommen, und Kämpfe können nur gewonnen werden, wenn wir zusammenarbeiten. Also werden wir weitermachen!

Als ich jünger war, träumte ich davon, Detektivin zu sein. Ich wollte Kriminelle finden und Menschen helfen. Mein Vater besaß eine Hausbibliothek und ich las alle Geschichten von Agatha Christie und Arthur Conan Doyle. Jetzt bin ich froh, dass ich diesen Weg nicht eingeschlagen habe - ich hätte eine Polizistin sein können, die Leute bei friedlichen Treffen festnimmt. Eine Menschenrechtsverteidigerin zu sein, ist viel wichtiger - auch wenn mich das in den Augen der kasachischen Behörden zu einem "Hooligan" macht.