Wei und Ran, zwei der im Bericht von Amnesty International interviewten Trans-Personen © Amnesty International
Wei und Ran, zwei der im Bericht von Amnesty International interviewten Trans-Personen © Amnesty International

China: Zugang zu medizinischer Versorgung für Transpersonen muss verbessert werden

"Ich war sehr glücklich und verängstigt. Ich hatte Angst, weil ich so stark blutete, dass ich hier und jetzt sterben könnte. Ich hatte auch Angst, weil ich immer noch als Mann sterben würde, da ich nur einen Teil der Operation gemacht hatte."

 

In diesem Artikel werden Transfeindlichkeit und Selbstverletzung thematisiert. Der Name der interviewten Person wurde geändert.

von Moritz Roemer


Huiming erzählt Amnesty International gegenüber von ihrem Versuch, die Operationen, die für sie nicht zugänglich waren, und die sie unbedingt wollte, selbst durchzuführen. Trotz ihrer Angst sei sie sehr glücklich gewesen, da sie endlich ihre „männlichen“ Geschlechtsmerkmale loswerden konnte. Huiming ist 30 Jahre alt, lebt in Hangzhou, an der Ostküste Chinas, und ist eine Transfrau.

Wie Huiming geht es vielen Transpersonen in China. Ein neu erschienener Amnesty International Bericht beleuchtet die vielen Hürden, denen sich Transpersonen stellen müssen, wenn sie psychologische und medizinische Hilfe in Anspruch nehmen möchten. Dies führt zu Fehlinformationen, Diskriminierung und Stigmatisierung, psychologischer Belastung sowie zu Versuchen, die Transition in die eigenen Hände zu nehmen – sei es durch Hormone aus dem Internet oder durch selbstdurchgeführte Operationen.

Niemand weiß genau, wie viele Transpersonen in China leben – Schätzungen liegen zwischen „über 100,000“ und „etwa 4 Millionen“. Wie fast überall auf der Welt werden sie sehr häufig Opfer von Gewalt, Diskriminierung und gesellschaftlichem Ausschluss. Eine der wenigen Studien zur Transbevölkerung Chinas des Beijinger LGBT-Zentrums und der Beijing-Universität zeichnet ein düsteres Bild: Von jeweils zehn Transpersonen gab nur eine_r an, von der eigenen Familie voll und ganz akzeptiert zu werden. Fast alle Befragten, deren Eltern oder Erziehungsberechtigte von ihrer Geschlechtsidentität wussten, gaben an, Opfer häuslicher Gewalt geworden zu sein. Die Arbeitslosigkeit unter Transpersonen in China ist hoch, viele berichten über Mobbing am Arbeitsplatz, in der Schule oder der Universität. Auch in der Öffentlichkeit kommt es immer wieder zu Überfällen. All dies schafft ein allgemeines Klima der Angst und Unsicherheit und beeinflusst die psychische Gesundheit von Transpersonen negativ.

Nur etwa 1% aller in diesem Bericht befragten Personen gab an, dass der Geschlechtsvermerk auf ihren Dokumenten mit ihrem tatsächlichen Geschlecht übereinstimmt. Zu den wenigen Glücklichen gehört Jin Xing, Chinas einzige bekennende Transprominente. Sie ist Tänzerin, Schauspielerin und TV-Persönlichkeit – doch obwohl der chinesische Star sich bereits in den 1990er Jahren öffentlich aus trans outete, ist für Menschen, die nicht über Jins Berühmtheit oder Geld verfügen, eine medizinische Versorgung und legale Anerkennung nach wie vor fast unmöglich.

Genau darum geht es in dem Bericht von Amnesty International: den schwierigen Zugang zu professioneller Beratung und Betreuung. Seit dem Aufkommen der ‚modernen‘ Medizin in Europa und Amerika und der Bildung des Begriffes „trans“ (damals noch – inzwischen veraltet und von vielen Menschen als beleidigend wahrgenommen - „transsexuell“) ist das Verhältnis von Medizin und Transpersonen ein schwieriges: Einerseits möchten Transpersonen oft eine medizinische Transition, z.B. durch Hormonbehandlungen oder geschlechtsbestätigende Operationen durchführen. Andererseits waren und sind Ärzt_innen, Psycholog_innen und Psychater_innen Hauptakteur_innen in der Stigmatisierung und Pathologisierung von Transpersonen. Sie legen fest, wer Zugang zu Behandlungen bekommt und wer leer ausbleibt. Das setzt sich bis heute fort: Die beiden weltweit am häufigsten verwendeten Nachschlagewerke zur Diagnose von Krankheiten definieren Transidentität und -erfahrungen als psychische Störung.

Der Zugang zu einer medizinischen Transition ist in China nicht einfach. „Transsexualität“ wird von offizieller Seite als psychische Krankheit eingestuft. Staatliche und private Krankenkassen bewerten geschlechtsbestätigende Operationen als kosmetisch und übernehmen sehr oft die Kosten für diese nicht. Fachpersonal verfügt oft über keine ausreichenden Informationen, um Betroffenen zu helfen – auch weil es kaum Vorschriften für Angebote, die über chirurgische Eingriffe hinausgehen, gibt. Deshalb müssen sich Transpersonen Informationen auf anderem Weg beschaffen.

Huiming berichtet, dass sie in ihrer Jugend keinen Internetzugang hatte und nicht online gehen konnte, um weitere Informationen zu Transpersonen zu erhalten. Ihre einzige Informationsquelle waren einige illegale Berichte über Geschichten von "Ladyboys" aus Thailand. Erst als Huiming im letzten Schuljahr war, hatte sie ihren ersten internetfähigen Computer. Aber auch hier gab es damals nur sehr begrenzte Informationen. Als sie mit der Hormonbehandlung begann, wusste sie nicht, dass sie einen Arzt um Rat fragen konnte. Basierend auf Informationen, die sie online gesammelte, begann Huiming mit der Selbstmedikation.

Huiming wollte unbedingt ihre Geschlechtsmerkmale mit ihrer Geschlechtsidentität in Einklang bringen, also nahm sie extrem hohe Dosen von Hormonen. Eines der Medikamente war ein Verhütungsmittel, das die viele Frauen nur einmal im Monat einnehmen – Huiming konsumierte es täglich. Die Veränderungen an ihrem Körper waren drastisch, aber auch der Anstieg ihrer Stimmungsschwankungen war dramatisch. Sie versuchte, ihren sich schnell verschlechternden mentalen Gesundheitszustand vor den Menschen in ihrem Umfeld zu verbergen, aber schließlich musste sie das Medikament nach weniger als einem Monat absetzen, weil die Nebenwirkungen zu stark waren.

Offiziellen Vorschriften folgend müssen Personen, um Anspruch auf eine geschlechtsbestätigende Operation haben, viele Voraussetzungen erfüllen. Ein_e ausichstreiche_r Kandidat_in ist mit "Transsexualität" diagnostiziert, unverheiratet, über 20 Jahre alt und nachweislich chirurgisch geeignet. Sie_er muss auch über ein eintragsfreies Strafregister und eine familiäre Einwilligung zur Durchführung der Operation verfügen und seit mehr als fünf Jahren den Wunsch haben, sich einer solchen Operation zu unterziehen. Psychologische und psychiatrische Behandlungen müssen sich ebenfalls seit mindestens einem Jahr als unwirksam erwiesen haben.

Amnesty International kritisiert, dass viele dieser Voraussetzungen nichts mit der eigentlichen Operation zu tun hätten. So hat der Familienstand einer Person beispielsweise nichts mit ihrem Wunsch zu tun, sich geschlechtsbestätigenden Operationen zu unterziehen. Wer verheiratet ist und es auch bleiben will wird diskriminiert, da solche Personen gezwungen sind, zwischen ihrem Recht auf Gesundheit und ihrem Recht auf Heirat und Familienleben zu wählen. Diese Anforderungen können zu Barrieren werden, die einige Transpersonen, die sich einer Operation unterziehen möchten, möglicherweise nicht erfüllen können.

So auch im Fall von Huiming. Die Angst vor der Ablehnung ihrer Familie trieb sie dazu, nach einem Weg zu suchen, sich geschlechtsbestätigenden Operationen zu unterziehen, ohne dass ihre Familie davon erfahren würde. Eine Operation in einem chinesischen Krankenhaus kam damit nicht für sie in Frage, da diese eine familiäre Einwilligung erfordern.

Aus diesem Grund versuchte Huiming erfolglos, ihre „männlichen“ Geschlechtsorgane selbst loszuwerden. Sie versuchte, Eis auf ihre Genitalien zu legen, um ihre Funktion einzuschränken, und buchte sogar eine Operation bei einem unangemeldeten Arzt, der aber verhaftet wurde, bevor ihre Operation durchgeführt werden konnte. Damals konnte sie es sich nicht leisten, zur Operation ins Ausland zu gehen. Überzeugt, dass es keinen anderen Ausweg gab, versuchte Huiming Mitte 2016 schließlich, sich selbst zu Hause zu operieren. Huiming bedeckte die Wunde anschließend mit einem dicken Stapel Papiertücher und nahm ein Taxi zur Notaufnahme. Sie bat den dortigen Arzt, ihre Familie anzulügen und zu sagen, dass sie einen Unfall gehabt habe. Infolgedessen hatten Huimings Eltern nach diesem Vorfall immer noch keine Ahnung von der Geschlechtsidentität ihres Kindes.

Die dramatische Geschichte von Huiming bestätigt die Ergebnisse des Amnesty Berichts. Dieser konzentriert sich auf drei Hauptprobleme, denen Transpersonen in China aktuell gegenüber stehen. Erstens herrscht ein Mangel an Informationen, wie und wo geschlechtsbestätigende Behandlungen in Anspruch genommen werden können. Jede Transperson ist anders – deswegen ist es wichtig, dass darüber, ob und welche Behandlungen in Anspruch genommen werden sollen, ausreichend Informationen vorliegen. Nur so können Transpersonen eine selbstbestimmte Entscheidung treffen. Zweitens sind die Vorrausetzungen, die Transpersonen erfüllen müssen, um die bestehenden Behandlungen in Anspruch zu nehmen, extrem streng. Dies hat oft zur Folge, dass Transpersonen die Behandlung in die eigenen Hände nehmen – was schwere gesundheitliche Folgen haben kann. Drittens stellen das weitverbreitete Stigma und Diskriminierung eine zusätzliche Hürde für eine kontinuierliche Behandlung da.

Die meiste akademische Diskussion über Gesundheitsleistungen für Transpersonen in China konzentriert sich nach wie vor auf chirurgische Eingriffe, die oft als die einzige oder beste "Heilung" für "Transsexualität" gelten. Erst seit kurzem gibt es eine offenere Diskussion über einen integrierten Ansatz zur Betreuung von Transpersonen. Ein integrierter Ansatz bedeutet, dass die Gesundheitsversorgung von Transpersonen nicht mit einer Operation gleichgesetzt wird. Es beinhaltet die Zusammenarbeit verschiedener Expert_innen und die Berücksichtigung von einer Vielzahl von Faktoren und kombiniert Gesundheitsdienstleistungen, einschließlich Primärversorgung, mit Beratung und anderen Behandlungen.

Für Huiming war es auch nach ihrer Operation nicht einfach, ihre Selbstzweifel zu überwinden, ihre Identität zu akzeptieren und sich ihrer Familie gegenüber zu outen. Trotzdem habe die Operation ihr geholfen, herauszufinden, wer sie wirklich war und wie sie sich wirklich fühlte. Wie die Jugendlichen, die Huiming zuvor jahrelang online ermutigt hatte und denen sie Rat gab, erhielt sie Unterstützung und Inspiration von anderen in der Trans-Community. Eine Offline-Sharing-Sitzung veränderte die Art und Weise, wie sie sich selbst sah:

"Eine nicht-binäre Transperson hielt einen Redebeitrag. Diese Person zeigte mir die Möglichkeit, mit der Geschlechtsidentität zu leben, die ich habe. Ich war nicht „unnormal“. Jemand anderes war genauso "unnormal" wie ich."

Sie erkannte langsam, dass sie und andere ihre Identität akzeptieren konnten. Huiming schaffte es schließlich, ihre Angst zu überwinden, und outete sich bei ihrer Mutter, bevor sie 2017 zu einer weiteren geschlechtsbestätigenden Operation nach Thailand ging. "Sie war ein wenig frustriert, aber sie akzeptiert mich", erinnert sie sich.


 

 

 

 

Geschlechts-was? Eine kleine Erklärung zu häufig benutzen Begriffen


cis = Personen, die sich mit dem ihnen bei der Geburt zugeordneten Geschlecht identifizieren


geschlechtsbestätigende Behandlung = Eine ganze Reihe von medizinischen und nicht-medizinischen Behandlungen, denen sich einige (aber nicht alle!) trans Personen unterziehen wollen. Dazu gehören auch Hormonersatztherapie und geschlechtsbestätigende Operationen.


Geschlechtsausdruck = Die unterschiedlichen Arten, durch die eine Person ihre Geschlechtsidentität ausdrückt. Dazu können die Kleidung, Make-Up, Sprechweise, Gestik und operative und hormonelle Behandlungen gehören.


Geschlechtsidentität = Die individuelle und tiefgreifende Erfahrung des eigenen Geschlechts. Bei manchem Menschen entspricht diese dem bei der Geburt zugeordneten Geschlecht – bei anderen Menschen nicht. Zu dieser Erfahrung des eigenen Geschlechts gehören Wahrnehmung des eigenen Körpers sowie der Geschlechtsausdruck.


Geschlechtsinkongruenz = Wahrnehmung eines Unterschiedes zwischen der eigenen Geschlechtsidentität und dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht.


geschlechtlich nicht-konform = Begriff, der Personen beschreibt, deren Geschlechtsidentität, -rolle oder –ausdruck von den normativen Vorstellungen einer bestimmten kulturellen und historischen Periode an das zugewiesene Geschlecht abweicht.


Hormonbehandlung = Im Kontext von geschlechtsbestätigenden Behandlungen wird hier bei Personen, die sich für eine medizinische Bestätigung entschieden haben, die endogene (= vom eigenen Körper) Hormonproduktion unterdrückt. Als Folge entwickeln sich sekundäre Geschlechtsmerkmale, die nicht mit dem zugewiesenen Geschlecht assoziiert werden. Obwohl Hormonbehandlungen nicht für alle geschlechtsbestätigenden Operationen eine Voraussetzung sind, sind sie es für bestimmte Arten, wie zum Beispiel genitalen Operationen.



nicht-binär = Überbegriff für Personen, deren Geschlechtsidentität nicht so einfach in die Kategorien „Mann“ und „Frau“ passen. Nicht-binäre Identitäten sind sehr vielfältig und können Personen beinhalten, die sich mit einigen Aspekten binären Identitäten identifizieren, während andere diese komplett ablehnen.


Primäre Geschlechtsmerkmale = Primäre Geschlechtsmerkmale sind die Gonaden, die Geschlechtsausführgänge und auch die Begattungsorgane, sofern sie direkt an der Geschlechtsöffnung liegen. Diese können bei einigen Menschen für die Fortpflanzung benutz werden.


Sekundäre Geschlechtsmerkmale = Merkmale, die sich im Verlauf des Heranwachsens nach und nach entwickeln, üblicherweise während der Pubertät, und die mit hormonellen Entwicklungen und physischem Wachstum in Zusammenhang stehen. Dazu gehören Gesichts- und Körperbehaarung, der Menstruationszyklus, die Entwicklung von Brüsten, Körpergröße sowie die Verteilung von Muskeln und Körperfett.


Geschlechtsmerkmale = körperliche Eigenschaften oder Organe, die häufig mit dem Geschlecht einer Person in Verbindung gebracht werden. Sie werden in primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale unterteilt.


trans = Überbegriff für Personen, die sich nicht oder nur teilweise mit dem ihnen bei der Geburt zugeordneten Geschlecht identifizieren oder sich dementsprechend ausdrücken.