Gewalt in den Favelas von Rio de Janeiro, © 2014 Getty Images
Gewalt in den Favelas von Rio de Janeiro, © 2014 Getty Images

Der Mord an Marielle Franco muss aufgeklärt werden

Meine Kampfgefährtin Marielle Franco wurde am 14. März erschossen.Ich war im Ausland und arbeitete mit einer Gruppe von Aktivist_innen gegen die Tötungen schwarzer Jugendlicher durch die Polizei in Brasilien, Jamaika und in den USA. Wir hatten uns getroffen, um Strategien zu entwickeln, um die Welle von Tötungen durch die Behörden, die uns schützen sollen, zu stoppen.

AMNESTY INTERNATIONAL

Von Jurema Werneck

Die Nachricht über ihre Ermordung hat mich zutiefst erschüttert, mir wurde schwindelig und ich konnte nicht aufhören zu zittern. Meine Wut und meine Traurigkeit waren kaum zu unterdrücken.

In wollte sofort mehr darüber wissen und etwas tun, gleichzeitig erinnerte ich mich an meine Treffen mit Marielle. Ich erinnerte mich an einen sonnigen Nachmittag vor etwas über einem Jahr, als wir uns zufällig in einem Restaurant in Rio de Janeiro trafen. Marielle war gerade mit großer Mehrheit in den Stadtrat von Rio gewählt worden, und ich begann gerade meine Amtszeit als Leiterin von Amnesty International Brasilien.

Ich erinnerte mich an unser Lächeln und unsere Aufregung, denn wir wussten, dass wir "privilegierte Nutznießerinnen" des schwarzen Kampfes waren, besonders des Kampfes der schwarzen Frauen aus den Favelas. Unser Altersabstand beträgt zwei Jahrzehnte und wir beide erkannten die enorme Chance und Verantwortung, die vor uns lag: die schwarzen Frauen der Favelas und anderer Randgebiete in einer Umgebung zu vertreten und zu repräsentieren, in der Menschen wie wir nie eine Rolle spielten.

Ich wurde in der Favela der Cabritos Hügel in Copacabana geboren und begann nun ein neues Kapitel als Leiterin der brasilianischen Sektion einer der wichtigsten Menschenrechtsorganisationen der Welt. Unterdessen hatte Marielle, die aus der Maré Favela im Norden der Stadt kam, einen von 51 Sitzen im Stadtrat erhalten, nachdem sie mehr als 46.000 Stimmen erhalten hatte, das fünfthöchste Ergebnis in einem übervollen Feld von 1.625 Kandidaten.

An diesem Tag waren wir fröhlich, stolz und zuversichtlich angesichts der vor uns liegenden Herausforderungen und Aufgaben. Wir waren davon überzeugt, dass wir weiterhin Grenzen einreißen und überschreiten würden.

Das letzte Mal sah ich sie bei einer Veranstaltung zu Ehren des Stadtrates Conceição Evaristo, einem engen Freund und einem der größten Schriftsteller Brasiliens. Es war eine weitere Gelegenheit, um unsere Schwesternschaft zu feiern.

Entschlossen, die Gesellschaft zu verändern und sich für diejenigen einzusetzen, die Schutz brauchen, strahlte Marielle ein stetes Lächeln aus, das alles möglich erscheinen ließ.

Ich arbeitete in unmittelbarer Nähe zu Marielle, wir hatten gemeinsame Ziele und sie strahlte so offensichtlich Frische und Inspiration aus. Ihre Weigerung, die vielen Ungerechtigkeiten zu akzeptieren, die sie und andere wie sie in Rio erdulden mussten, wurde nicht zur Last, sondern zum Drang, sie zu überwinden.

Diese Ungerechtigkeiten machten Marielle nicht wütend, sondern fröhlich. Sie schwächten sie nicht, sondern bestärkten sie. Sie haben sie nicht klein gemacht, sondern stolz, dass sie für diejenigen einstehen kann, die keine Stimme haben.

Einen Monat nach ihrem Tod fühle ich mich entschlossener denn je zum Kampf und möchte Menschen mobilisieren, um Gerechtigkeit für Marielle zu fordern.

Die brasilianischen Behörden haben noch immer nicht die Mörder und die Anstifter zu dem Mord gefasst und auch nicht herausgefunden, warum sie getötet wurde. Aber je mehr wir darüber erfahren, was passiert ist - der Angriff beinhaltete Angreifer in zwei Fahrzeugen, die mindestens 13 Schüsse abfeuerten und Marielle vier Mal in den Kopf trafen - desto sicherer scheint, dass es sich um ein gezieltes Attentat handelt.

Ich zweifle nicht daran, dass Marielle wegen ihrer Herkunft getötet wurde: eine stolze schwarze Frau, geboren in einer Favela; eine lesbische Frau und eine Aktivistin gegen die Gewalt, die von den Militärs und der Polizei an armen Menschen verübt wird.

Sind wir so gefährlich, dass sie unsere Stimmen zum Schweigen bringen wollen? Wer wird die oder der nächste sein - eine Person aus den Favelas, die ein Ende der Polizei- und Militäroperationen fordern, um uns "zu beruhigen"? Eine meiner Schwestern in Frauenrechtsorganisationen, die gegen patriarchalische Gewalt kämpfen? Oder wird es eine_e Menschenrechtsverteidiger_in in Brasilien sein?

Es braucht viel Mut, Entschlossenheit und Solidarität, um unseren Ängsten zu begegnen und diese schmerzhaften Situationen ein für allemal zu beenden.

Die brasilianischen Behörden haben wahrscheinlich nicht mit der massiven weltweiten Reaktion auf das Töten von Marielle gerechnet.

Hier in Rio wissen wir, was wir tun müssen, um ihnen zu beweisen, dass sie uns nicht zum Schweigen bringen können: unseren Schmerz verarbeiten, uns trösten, neu gruppieren und gemeinsam gegen Straflosigkeit vorgehen. Wir sind dafür mehr als bereit.

Aber ich möchte an euch alle außerhalb meines Landes nochmals unseren Hilferuf "SOS" senden. Wir brauchen auch eure Stimmen, um diesen Kampf zu gewinnen. Ein Weg, dies zu tun, besteht darin, unsere Petition zu unterschreiben und eine Antwort von den brasilianischen Behörden zu verlangen.

Marielle wiederholte oft die Ubuntu-Philosophie: "ICH bin weil WIR sind" Jetzt ist es Zeit, dass wir uns für Marielle einsetzen. Wir sind, wer wir sind, wegen dem, was sie war.

Jurema Werneck ist Direktorin von Amnesty International Brasilien.

Unterzeichnet jetzt die Online-Petition von Amnesty International Brasilien! Fordert die brasilianischen Behörden auf, den Mord an Marielle Franco unverzüglich aufzuklären und die Verantwortlichen vor Gericht zu bringen!