"Art Speaks Louder Than Words": Künstler_innen für LGBTI-Rechte in Russland © Phil Wheeler / Anna Goodson Illustration Agency
"Art Speaks Louder Than Words": Künstler_innen für LGBTI-Rechte in Russland © Phil Wheeler / Anna Goodson Illustration Agency

"Jetzt gibt es keine Rettung mehr" - schwule Tschetschenen brauchen dringend Schutz

Vor zwei Monaten hat die russische Zeitung Novaya Gazeta von der furchtbaren Kampagne der tschetschenischen Behörden gegen schwule Männer berichtet, die das Land vor "nicht-traditioneller Orientierung" säubern soll und viele Männer wurden in Haft genommen, gefoltert und sogar getötet.

AMNESTY INTERNATIONAL

OP-ED

30. Mai 2017

Diese Nachrichten waren für den Rest der Welt schockierend. Für die verfolgten Schwulen Tschetscheniens sind die aktuellen Ereignisse nicht nur eine erschreckende Eskalation der gesellschaftlich verwurzelten Homophobie, die sie bereits ihr ganzes Leben lang kennen. Es ist eine neue Schauder erregende systematische Methode.

"Früher gab es einzelne homophobe Zwischenfälle", erzählte Akhmad*, der inzwischen untergetaucht ist, Amnesty International. "Aber jetzt gibt es keine Rettung mehr - das hier ist Verfolgung auf staatlicher Ebene."

Es ist schwierig, sich die Einsamkeit tschetschenischer Schwuler vorzustellen. Schlimm genug, dass sie offiziell überhaupt nicht existieren. Wiederholte Behauptungen der Behörden, dass es keine homosexuellen Menschen in Tschetschenien gibt, verurteilen zu einem Leben in Unsichtbarkeit, bei dem die Rechte straffrei mit den Füßen getreten werden können.

Vielleicht ist es sogar noch schlimmer, dass diese homophobe Verbitterung so tief in der Gesellschaft verwurzelt ist, dass die Identität vor der eigenen Familie und den engsten Freunden versteckt werden muss. Noch immer finden "Ehrenmorde" in Tschetschenien statt, um für die vermeintliche Befleckung der Familienehre, was gleichgeschlechtliche sexuelle Beziehungen einschließt, zu büßen. Ein Mann erzählte Amnesty International von einem homosexuellen Mann, der von seinen Verwandten erschossen und noch nicht einmal beerdigt wurde:

"Für einen Muslim ist es sehr schlimm, keine Beerdigung zu erhalten. Es ist so, als hätte diese Person nie existiert - als ob niemand das Recht hätte, sich an ihn zu erinnern."

Doch es gibt schwule Tschetschenen. Sie sind da und brauchen dringend Hilfe.

Es ist unwahrscheinlich, dass diese von einem Ort kommen, der nahe der Heimat liegt. Diese entsetzliche Verfolgung wird von Ramzan Kadyrov angeleitet, dem mächtigsten Mann in Tschetschenien, der schon seit Jahren für Menschenrechtsverletzungen nicht bestraft wurde. Es gibt bereits Berichte darüber, dass die tschetschenische Polizei plant, die Journalisten von Novaya Gazeta zu verklagen. Und obwohl Kadyrov Kooperation bei den Ermittlungen zugesagt hat, verleugnet er weiterhin die Existenz der von ihm verfolgten Menschen.

Während die tschetschenischen Behörden weiterhin in ihrer eigenen Version der Realität leben, haben schwule Tschetschenen mittlerweile keine Hoffnung mehr auf Schutz oder Gerechtigkeit in ihren Gemeinden und im gesamten Land. Amnesty International hat mit Zeugen gesprochen, die von Demütigungern erzählten, die Männern, welche in Verdacht standen, schwul zu sein, öffentlich zugefügt wurden, als sie von den Behörden abgeholt wurden. Sie wurden öffentlich von ihren Familien und Kollegen weggezerrt, was sie der Gefahr von Repressalien nach einer eventuellen Entlassung aussetzt.

Die giftige Mischung aus einer stark konservativen Gesellschaft und eines Klimas von Angst, das von Kadyrovs unterdrückerischer Herrschaft verursacht wird, hat zur Folge, dass die Behörden das auf offener Straße tun können, ohne davor Angst zu haben, zur Verantwortung gezogen zu werden.

Die schwulen Männern zugefügten Qualen soll sie sowohl demütigen als auch psychisch beeinträchtigen. Ehemalige Gefangene haben erzählt, wie Gefängniswärter sie dazu zwangen, den nationalen Frauentanz zu tanzen und weibliche Namen anzunehmen, und dass sie verhöhnt wurden, da sie sich homophoben und misogynistischen 'Idealvorstellungen' von Männlichkeit nicht anpassten. Einigen wurden Elektroden wie Ohrringe an den Ohrläppchen befestigt. Weitere, noch schockierendere Details, die zum Schutz der Identität der Betroffenen nicht veröffentlicht werden, liegen Amnesty International vor.

Doch schwule Männer sind weder die erste, noch werden sie die letzte Gruppe in Tschetschenien sein, die verfolgt wird. Tschetschenische Behörden überwachen und kontrollieren seit langem unterschiedliche Gruppen, die sie als Bedrohung für die Sicherheit und "traditioneller Werte" wahrnehmen. Sexualität und Beziehungen sind nur ein Bereich, der von Kadyrovs Regierung, welche gegen jeglicher Art von Kritik brutal vorgeht, streng überwacht wird. Menschenrechtsverteidiger_innen, Journalist_innen und politische Aktivist_innen sind Drohungen, Schikanen und oft körperlicher Gewalt ausgesetzt.

Davon sind auch alle Bürger betroffen, die es wagen, öffentlich zu widersprechen. Amnesty International sind Fälle bekannt, bei denen Einzelpersonen, welche sich geäußert haben, verschwanden und einige Tage später in Youtube-Videos wieder auftauchten, in denen sie sich bei Kadyrov und der tschetschenischen Bevölkerung entschuldigten. Männer wurden dazu gezwungen, in einigen dieser Videos ohne Hosen aufzutreten - die tschetschenischen Obrigkeiten betreiben bereits seit langem die Demütigung ihres Volkes.

Die breite internationale Verurteilung der Schreckenstaten hat sich immer noch nicht in konkrete Hilfe für die gefährdeten und in Angst versetzten schwulen Männer Tschetscheniens umgewandelt. Bislang wissen wir nur von einer handvoll Einzelpersonen, denen Asyl in sicheren Ländern gewährt worden ist. Laut Russlands LGBT-Netzwerk sind derzeit 40 Einzelpersonen in Russland untergetaucht und versuchen verzweifelt, aus dem Land zu fliehen.

Es ist gefährlich, in jedwedem Teil Russlands zu verbleiben. Ehemalige Gefangene bleiben in greifbarer Nähe der tschetschenischen Behörden. Außerdem besteht ein hohes Risiko für Ehrenmorde - es gibt Fälle, wo LGBTI-Personen bis in andere Regionen verfolgt und von ihren Verwandten angegriffen wurden.

Daher ist es unerlässlich, dass internationale Regierungen für schwule Männer, die aus Tschetschenien fliehen müssen, ihre Türen öffnen. Es ist unabdingbar, dass die Regierungen, die korrekterweise diese Schreckenstaten verurteilt haben auch sicherstellen, dass diejenigen Tschetschenen, welche internationalen Schutz suchen, faire Asylverfahren erhalten können.

Natürlich sind besonders die tschetschenischen und russischen Behörden in der Pflicht, diesen Schreckenstaten ein Ende zu setzen. Sie müssen endlich alle aus der Haft entlassen, die allein dafür gefangen genommen wurden, dass sie sind, wer sie sind. Der internationale Druck muss aufrechterhalten werden, bis die tschetschenischen und russischen Behörden diese Säuberung und weitere Verbechen, die gegen das Volk begangen werden, anerkennen und die notwendigen Schritte machen, um die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.

Doch für die in Tschetschenien gefangenen und bedrohten Männer ist Gerechtigkeit wie ein Wunschtraum. Für sie ist am wichtigsten, dass sie freikommen. Die internationale Gemeinschaft muss daran mitwirken, dass ihre Sicherheit gewährleistet wird. Es ist nicht genug, für LGBTI-Rechte ein Lippenbekenntnis abzulegen, während Menschen im Schatten von Qual und Tod leben.

* Namen geändert