Alina Maria Tiphagne, indische LGBT-Aktivistin und Fotografin, © Alina Maria Tiphagne
Alina Maria Tiphagne, indische LGBT-Aktivistin und Fotografin, © Alina Maria Tiphagne

"Heute befindet sich die indische LGBT-Gemeinde in einer Art prekärem Schwebezustand"- Interview mit der indischen LGBT-Aktivistin Alina Tiphagne

2013 machte eine Entscheidung des obersten Verfassungsgerichts in Indien internationale Schlagzeilen, die ein bahnbrechendes Urteil rückgängig machte, das 2009 von einer niedrigeren Instanz in Delhi getroffen worden war und einvernehmlichen gleichgeschlechtlichen Sex zwischen Erwachsenen entkriminalisiert hatte. Wir sprechen mit der indischen Menschenrechtsverteidigerin Alina Tiphagne über die aktuelle Situation von LGBT-Menschen in Indien.

Queeramnesty: Wie sieht derzeit die Situation der LGBT-Gemeinde in Indien aus, ins Besondere im Hinblick auf die Entscheidung des Verfassungsgerichts von 2013?

Alina Tiphagne: Zunächst einmal möchte ich sagen, dass sich rechtlich gesehen nicht viel geändert hat, seit das Oberste Gericht 2013 das Urteil des Delhi High Court bezüglich des Paragraphen 377 des indischen Strafgesetzbuches aufgehoben hat, ein Gesetz, das "widernatürlichen" Geschlechtsverkehr kriminalisiert. Der Beschluss des Obersten Gerichts hatte zur Folge, dass Homosexualität im gesamten Land kriminalisiert wurde. Um es mit einfachen Worten zu sagen, gelten alle Homosexuellen in Indien als kriminell.

Allerdings hatte das Oberste Gericht in seinem Urteil kategorisch erklärt, dass die Angelegenheit im Parlament verhandelt werden müsse, um eventuelle Verwirrungen aufzuklären. Seitdem ist das Gesetz im Parlament zweimal zur Sprache gekommen und beide Male abgewehrt worden, da eine überwältigende Zahl von Parlamentsmitgliedern gegen dessen Einführung gestimmt hatte. Der südindische Bundesstaat Kerala wird wahrscheinlich der erste Bundesstaat im Land sein, der einen Änderungsantrag bezüglich des Paragraphen 377 durchbringen wird. In einem kürzlich geführten Interview hat der Justizminister von Kerala bestätigt, dass ein Gesetzesentwurf in Vorbereitung sei und bald eine entsprechende Vorlage eingebracht werde.

In den letzten Jahren hat sich die Situation der LGBT-Gemeinde in Indien erheblich verschlechtert. Laut einem kürzlich erschienenen Bericht in der Zeitung The Sunday Guardian wird der Paragraph 377 missbraucht; so seien in den Jahren 2015 und 2016 in Delhi insgesamt fast 100 Personen von der Polizei aufgegriffen worden, nachdem man "herausgefunden" habe, dass diese sich an homosexuellen Handlungen "beteiligt" hätten, wie die Zeitung schreibt. Allerdings liege die Verurteilungsrate in solchen Fällen in einem sehr niedrigen Bereich, so die Einschätzung von Rechtsanwält_innen, da die Staatsanwaltschaft solche Handlungen nur schwer beweisen könne.

Die indische LGBT-Gemeinde lebt in ständiger Angst, da wir durch das Gesetz angreifbar sind. Unsere Rechte und Entscheidungsfreiheit werden nicht respektiert; die Polizei schikaniert uns, die Gesellschaft blickt auf uns herab, und in den meisten Fällen werden die Mitglieder unserer Community von ihren Familien verstoßen. Nachdem der Delhi High Court im Jahr 2009 den Paragraphen 377 gestrichen und Homosexualität entkriminalisiert hatte, outeten sich mehrere Menschen in der Hoffnung und im Glauben, sie hätten das Gesetz auf ihrer Seite. Diese Zwischenphase erlaubte es der LGBT-Gemeinde zudem, sich zu organisieren, Unterstützer- und Selbsthilfegruppen, telefonische Anlaufstellen, Crowdsourcing-Projekte und ähnliches zu gründen. Sogar Familien waren in dieser Zeit bereit, ihre Kinder zu akzeptieren.

All das änderte sich jedoch beinahe schlagartig, als das Oberste Gericht das Urteil des Delhi High Court kippte: Die Stimmung in der Arbeitswelt wurde wieder feindselig, und die Sicherheit zahlreicher Mitglieder der LGBT-Gemeinde war gefährdet. Viele Menschen, die sich mit gewalttätigen Übergriffen, Vergewaltigung, körperlicher und psychischer Belästigung konfrontiert sahen, fanden sich in einer Situation wieder, die es ihnen nicht erlaubte, sich an die Behörden zu wenden, um Anzeige zu erstatten. Familien fingen wieder an, ihre "unnatürlichen" Söhne und Töchter zu verstoßen, was dazu führte, dass mehrere junge Paare von zu Hause wegliefen. Einige begingen sogar Selbstmord.

Queeramnesty: Wenn Sie auf die vergangenen zehn Jahre zurückblicken, wie hat sich die Situation von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgeschlechtlichen verändert? Hat sich die Lage insgesamt eher verbessert oder verschlechtert?

Alina Tiphagne: Heute befindet sich die indische LGBT-Gemeinde in einer Art prekärem Schwebezustand. Obwohl die Leute heutzutage eher bereit sind, sich zu outen als früher, leben sie trotzdem in ständiger Angst vor einem plötzlichen, harten Durchgreifen der Regierung gegenüber Homosexuellen. Wenn es so weit käme, dann wären wir in großen Schwierigkeiten. Viele von uns führen weiterhin ein offenes Leben und weigern sich, ihre Homosexualität erneut zu verbergen, was aber dazu führt, dass wir den Reaktionen der Gesellschaft viel zu sehr ausgesetzt sind. Allerdings wäre es falsch zu behaupten, die Situation hätte sich überhaupt nicht verändert. Die LGBTQ-Gemeinde hat nämlich in der jüngeren Vergangenheit erlebt, dass sie in der Öffentlichkeit wesentlich realistischer dargestellt wird als vorher. Theaterkünstler und -regisseure etwa nutzen die Bühne, um den Paragraphen 377 und damit eine Situation, in der die Menschenrechte einen immer kleineren Raum einnehmen, in Frage zu stellen und dagegen zu protestieren. 2016 sind zwei erfolgreiche Bollywood-Filme erschienen, die insofern bemerkenswert sind, als sie schwule Identitäten positiv darstellen. Zum einen handelt es sich um Aligarh, einen Film, der ein Schlaglicht auf die Schikanen wirft, denen die Leute aufgrund ihrer sexuellen Orientierung ausgesetzt sind. Der andere Film heißt Kapoor & Sons. Eine besondere Erwähnung verdient der Stummfilm Sisak von Faraz Arif Ansari, weil er auf elegante und wirksame Art und Weise die Beziehung zwischen zwei Männern in einem Regionalzug in Mumbai einfängt. Obwohl die Männer während des ganzen Films kein einziges Wort miteinander sprechen, schaffen die Darsteller es dennoch irgendwie, das Publikum mit Leichtigkeit in ihre Unterhaltungen hineinzuziehen. Auch Werbetreibende sind sich inzwischen der Darstellung von Mitgliedern der LGBTQ-Gemeinde stärker bewusst, und einige Firmen und Marken bemühen sich sehr, damit die Community in einem positiven Licht gezeigt wird.

Auch einige Fotograf_innen haben ihre Objektive auf die Community gerichtet. Sie versuchen auf visuelle Weise, was hunderte andere mit Worten tun: protestieren, Widerstand leisten, nach Gleichberechtigung verlangen, und nach der Freiheit zu lieben, wen man möchte. Dazu fällt mir ein kürzlich erschienener Bildband von Sunil Gupta und Charan Singh ein, "Delhi: Communities of Belonging", dessen Inhalt momentan in der sepiaEYE-Galerie in New York gezeigt wird. Darin sind 150 Fotos von Mitgliedern der indischen LGBT-Gemeinde abgebildet, begleitet von Interviews und Erfahrungsberichten. Da ich Fotografin bin, liegt mein Hauptinteresse auf Bildern und visuellen Projekten. Eine weitere Fotoreihe, die mir einfällt, ist die zehnte Ausgabe von Elska, ein alle zwei Monate erscheinendes Buchmagazin, das sich der Kultur und der Fotografie widmet und in jeder Ausgabe eine andere Stadt portraitiert. Die zehnte Ausgabe stellt vierzehn Männer aus Mumbai vor, mit Fotografien des Gründers und Herausgebers Liam Campbell.

Nach meinem Coming-out 2013 wendete ich mich der Fotografie als künstlerisches Mittel zu, um meiner eigenen Identität bewusster zu werden. Ich dachte, wenn ich eine bestimmte Art und Weise finde, wie ich die Welt betrachte und sehe, könnte mir das helfen, auch meinen Blick auf mich selbst zu schärfen. Ich habe viele Jahre gebraucht, dieses Konzept zu begreifen, und ich trainiere weiterhin meinen Blick dahingehend, dass ich die Dinge wirklich erkenne und eine Art Rahmen finde, der eine Geschichte erzählt. 2009, im ersten Semester in der Graduate School in Bangalore, nahm ich erstmals meinen Mut zusammen und lief bei meiner ersten Pride-Parade (Anm. d. Übersetzers: CSD) mit. Ich weiß noch, dass ich mit einem Freund am Rande der Parade mitlief, denn wir hatten beide zu viel Angst, zusammen mit den Mitgliedern der Community zu laufen. Nachdem ich mich bei meinen Eltern geoutet hatte, brauchte ich fast ein Jahr, bis ich es schaffte, mich als Lesbe in der Öffentlichkeit, am Arbeitsplatz und sogar gegenüber meinen Freund_innen zu bekennen. Plötzlich fühlte ich mich, als ob jemand ein schweres Gewicht von meinen Schultern genommen hätte. Ich bin meinen Eltern und meiner Schwester dankbar, dass sie mir unaufhörlich Kraft und Unterstützung geben - mehr hätte ich mir nicht wünschen können. 2013 zog ich nach Delhi und habe seither keine Gelegenheit ausgelassen, um Teil der LGBT-Gemeinde zu sein. Ich war bei fast jeder Veranstaltung und fast jeder Demonstration dabei, die von der Community organisiert wurden. Ich nahm an Protesten teil, an Bücher- und Dichterlesungen, Empowerment-Veranstaltungen, Tagungen, Diskussionen und Benefizveranstaltungen. Drei Jahre in Folge fotografierte ich ausgiebig auf der Schwulenparade. In dieser Zeit ist mir aufgefallen, dass immer mehr Community-Mitglieder bereit sind, sich vor der Kamera zu zeigen, und immer weniger Leute verstecken sich hinter einer Maske. Viel mehr als früher wollen die Leute gesehen und gehört werden, und dass ihre Namen unter den Fotos stehen. Das gibt mir Hoffnung und Zuversicht, dass die Community langsam aus dem Schneckenhaus herauskommt und bereit ist, beim Kampf für ihre Rechte und Freiheiten größere Risiken auf sich zu nehmen.

Ich bin als Mädchen in Madurai aufgewachsen, einer Kleinstadt in Südindien, und ich hatte immer angenommen, dass es viel einfacher sei, als homosexueller Mensch in einer Großstadt wie Delhi, Mumbai, Kalkutta oder Bangalore zu leben. Einige Jahre lang war das auch so, da es in großen Städten mehr Möglichkeiten gab, mit Gleichgesinnten in Kontakt zu treten und Mitglieder der LGBT-Gemeinde zu treffen. Mit der Zeit habe ich jedoch erkannt und mitbekommen, dass es der Community als Gemeinschaft gelingt, Einzelpersonen und Gruppen aus Kleinstädten stärker in den Vordergrund zu bringen, die früher absolut im Geheimen agierten. Im Bundesstaat Kerala etwa führen die Betreiberinnen und Betreiber einer früher geheimen Facebook-Seite namens Queerala inzwischen die Schwulen- und Lesbenbewegung an und organisieren Workshops, leiten Diskussionsveranstaltungen und werben an Schulen und Hochschulen für die Rechte von LGBTQ. Täglich kommen mehrere solcher Beispiele an die Oberfläche. Einen seltenen Schritt gingen kürzlich Eltern von Kindern aus der LGBTQ-Community, als sie einen Film per Crowdsourcing produzierten, der sich mit Coming-out und gesellschaftlicher Akzeptanz auseinandersetzt.

Meiner Meinung nach ist momentan für homosexuelle Menschen in Indien eine aufregende Zeit. Denn obwohl man einerseits als kriminell eingestuft wird und in ständiger Angst vor Verfolgung, Belästigung, Vergewaltigung oder Übergriffen lebt, ist andererseits eine wachsende Bewegung entstanden; eine Wut, die sich zusammenbraut, eine Kampfbereitschaft wie einst beim Stonewall-Aufstand, eine Revolution, die von jedem Coming-out und jeder geteilten Geschichte lebt.

Indem ich meine Geschichte mit anderen teile, will ich meinen Teil dazu beitragen, dass mehr Menschen ermutigt werden, ihre eigene zu erzählen.

Queeramnesty: Was sind die größten Hindernisse, die überwunden werden müssen, damit die indische Gesellschaft gegenüber Mitgliedern der LGBT-Gemeinde eine tolerantere Haltung einnimmt?

Alina Tiphagne: Das ist eine komplexe Frage, aber ich werde versuchen, sie so gut wie möglich zu beantworten. Die indische Gesellschaft mitsamt ihren Empfindungen ist viel zu unterschiedlich und facettenreich, als dass man sagen könnte, es handle sich um eine Einheit. Aus diesem Grund gibt es auch sehr unterschiedliche Hindernisse. Das ländliche Indien unterscheidet sich stark vom urbanen Indien, und daher werden in diesen beiden geografischen Räumen sehr unterschiedliche Probleme thematisiert. Allerdings bleibt die gender- und sexualitätsbezogene Debatte weiterhin ein sehr urbanes, ja sogar "ultra-urbanes" Konzept. Dies, für sich genommen, ist meiner Meinung nach das größte Hindernis, vor dem die indische LGBT-Gemeinde steht. Denn je stärker die Gesellschaft den Eindruck bekommt, dass das Schwul- oder Lesbisch-Sein ein Privileg reicher Leute sei, desto unwahrscheinlicher ist es, dass sie die Rechte der LGBT-Community unterstützen, weil sie dabei schlicht an das Thema Menschenrechte denkt. Die Community muss, genauso wie sie es in den wohlhabenden Schichten getan hat, die Räume der unteren Mittelschicht und der Mittelschicht erobern, anstatt dort nur zu protestieren, denn nur so sorgen wir dafür, dass die Menschen ein echtes Verständnis dafür entwickeln, dass Homosexuelle - im Gegensatz zu den Behauptungen von religiösen Vertreter_innen, politischen Parteien und sogar von juristischer Seite - keine abnormalen Leute sind, die entweder in alternativenVierteln oder in Penthouse-Wohnungen im Stadtteil Andheri in Mumbai leben, sondern dass es sich bei ihnen genauso gut um den Gemüseverkäufer handeln kann oder den Zeitungsjungen, der täglich an unserer Haustür klingelt. Oder ein Mädchen an der Bushaltestelle, das einem sein Handy leiht, damit man schnell mal telefonieren kann. Eine Person in der Metro, die es leid ist zu stehen und einen deshalb auffordert aufzustehen, weil der Platz für weibliche Passagiere reserviert ist und man bereits über die Hälfte der Strecke gesessen hat, als Mann. Es könnte auch der Freund deiner Tochter oder deines Sohnes sein, oder deine Tochter oder dein Sohn.

Über die Jahre hinweg haben sich die Parteien und Regierungen der politischen Mitte davor gescheut, die Rechte von LGBT im Land in Angriff zu nehmen. Dies trifft auch auf die gegenwärtige Regierung unter der Führung von Premierminister Narendra Modi zu, die 2014 ins Amt gewählt wurde. Während sich die Regierung um Modi zum Thema immer noch nicht äußert, haben sich politische Anführer_innen innerhalb des regierenden Parteienbündnisses, der National Democratic Alliance (NDA), mehrmals im Rundfunk zu Wort gemeldet und etwa Folgendes gesagt: "Homos haben eine genetisch bedingte Behinderung." Das politische Zentrum scheint in einer peinlichen Lage zu sein, was die Rechte von LGBT angeht. Denn der Finanzminister sagte zwar in den Medien: "Wenn Millionen Menschen auf der ganzen Welt alternative sexuelle Präferenzen haben, dann ist es von vorgestern zu behaupten, sie gehörten eingesperrt." Doch der Innenminister ließ wissen, die Bharatiya Janata Party (BJP) befürworte "unmissverständlich" den Paragraphen 377, weil "Homosexualität ein krimineller Akt ist und man sie deshalb nicht unterstützen kann." Die derzeitige Regierung sitzt zwischen zwei Stühlen: zwischen ihrem Bestreben, dem Land ein Image als moderne, liberale Demokratie zu verpassen, und der Realität. Als die Vereinten Nationen (UN) den einzelnen Mitgliedsstaaten zur Wahl stellte, ob die UN ihre Arbeitnehmer_innen, die einen gleichgeschlechtlichen Ehepartner haben, zukünftig gleich behandeln soll wie ihre Arbeitnehmer_innen mit nicht-gleichgeschlechtlichen Ehepartnern, schloss sich Indien den Ländern Saudi Arabien, Pakistan, Syrien, Russland, Iran und China an und stimmte dagegen. Im Juli 2016 enthielt sich Indien während der Abstimmung über eine Resolution zur Schaffung eines Überwachungsbeauftragten für LGBT-Rechte im UN-Menschenrechtsrat. Allerdings skizzierte im Februar dieses Jahres das Gesundheitsministerium einen Plan zur Aufstellung von 160.000 so genannten Peer Educators, die sich um die Beantwortung der Fragen der 253 Millionen Jugendlichen im Land kümmern sollen; dabei wurden die Teilnehmenden mit einem "Baukasten", bestehend aus mehreren Leitfäden, ausgestattet, um sie während der Startphase des Programms zu unterstützen. In diesen Leitfäden steht, dass die sexuelle Anziehungskraft zwischen Mitgliedern des jeweils anderen Geschlechts zwar eine Tatsache sei, dass jedoch ähnliche Gefühle für Mitglieder des eigenen Geschlechts genauso "normal" seien. Man kann nur hoffen, dass Indien und seine Regierung sich weiterhin an Maßnahmen beteiligen wird, um in der Bevölkerung ein Bewusstsein für das Thema zu schaffen und dabei zu helfen, dass die LGBT-Gemeinde in der Gesellschaft stärker toleriert wird als bisher.

Queeramnesty: Arbeiten die Gruppen, die sich um die Propagierung der Rechte für Schwule und Lesben kümmern, eng mit denjenigen zusammen, die auf die Probleme von Transgender spezialisiert sind? (In Deutschland wird dieses Thema oft diskutiert, da bei uns die unterschiedlichen Gruppen manchmal hauptsächlich für ihre jeweils eigenen Anliegen zu kämpfen scheinen und dabei die Bedürfnisse anderer Gruppen in der Community ignorieren.)

Alina Tiphagne: Von allen Fragen, die ich beantwortet habe, ist dies wahrscheinlich die wichtigste. Die traurige Antwort lautet: nicht besonders. Die einzelnen Gruppen, die sich für die Rechte von LGBT einsetzen, arbeiten tendenziell getrennt voneinander. Überdies ist die Community in den meisten Fällen unterteilt in diejenigen, die die Rechte von Transgender propagieren und diejenigen, die sich für die Gesundheit von LGBT einsetzen, insbesondere was die Sensibilisierung für HIV und AIDS betrifft. [Hierzu muss man wissen, dass mehrere Jahre lang Homosexualität einzig und allein im Kontext von HIV und AIDS diskutiert werden durfte.] Allerdings hat die LGBT-Gemeinde in den letzten Jahren erkannt, dass die einzelnen Menschenrechtsgruppen zusammenhalten und sich gegenseitig unterstützen müssen. In den vergangenen Monaten haben sich die politischen Gruppen an den Hochschulen dahingehend verändert, dass nicht mehr nur hochschulbezogene Angelegenheiten angesprochen werden; stattdessen sind landesweite Bewegungen entstanden, und das hat die Grenzen zwischen diversen Gruppierungen verschwimmen lassen: die Dalits (die Nachfahren der indischen Ureinwohner), die Queer-Gruppe, Frauen, Muslime, behinderte Menschen, die Gewerkschaften - sie alle haben sich in der jüngeren Vergangenheit zusammengetan, um der wachsenden Intoleranz gegenüber menschenrechtsbezogenen Problemen im Land etwas entgegenzusetzen und um für die Befreiung von allen Formen der Unterdrückung zu kämpfen. Dieser Trend muss sich fortsetzen, wenn Indien auf die Schaffung einer gesunden und mitbestimmenden Demokratie hoffen will, die eine Kultur der Menschenrechte vorantreibt und fördert, welche nicht nur die Rechte von LGBT propagiert, sondern die Minderheitenrechte aller, und den anfälligsten und angreifbarsten gesellschaftlichen Gruppen Schutz garantiert. Ich möchte gerne mit einem Zitat von Albert Camus schließen, das irgendwie zum Kodex geworden ist, nach dem ich mein Leben ausrichte: "Du kannst mit einer unfreien Welt nur fertig werden, wenn du so absolut frei wirst, dass deine bloße Existenz zum Akt der Rebellion wird."