Im Auftrag von Amnesty

Stell dir vor, es ist CSD und du traust dich nicht hin, weil du nicht weisst, ob du da heil wieder raus kommst – oder du kannst gar nicht erst hin, weil der Pride verboten wurde. Für uns Queers aus Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern ein scheinbar in weiter Ferne liegender Gedanke.

Dies war auch noch vor zwei Jahren meine Sichtweise, bevor ich im Frühling 2009 zum ersten Mal zu einem CSD in östlicher Nachbarschaft nach Riga fuhr, um den dortigen Baltic Pride zu unterstützen, und ich mich dort spontan der internationalen Amnesty-Delegation anschloss. In erster Linie wurde ich damals von meiner Neugier getrieben, denn ich hatte in einer Münchner Gruppe schon einiges an Amnesty-Luft geschnuppert, aber so ganz klar war mir noch nicht, ob dieser Verein tatsächlich etwas für LGBT-Menschen erreichen kann und ob ich dabei bleiben will.


Meine ersten Eindrücke in Riga: die besorgten Gesichter der Amnesty-Delegation beim vorbereitenden security briefing in der Hotellounge, auch bei den couragierten lettischen LGBT-Aktivist_innen und den eigens aus London eingeflogenen Amnesty-Profis vom Internationalen Sekretariat. Wie schaffen wir es zum kleinen, ingezäunten Stadtpark, wo die Parade stattfinden soll? Und wie kommen wir da heil wieder raus? Denn das einzige, was nach den Erfahrungen der Vorjahre sicher ist, ist, dass die Gegendemonstrant_innen zu allem bereit sind. Wir müssten sogar mit Brandsätzen rechnen, wurde gewarnt, manche haben deswegen Löschdecken dabei, und das geringere Übel wäre noch der polizeiliche Einsatz von Tränengas. Trotz aller Bemühungen im Vorfeld ist immer noch nicht sicher, wie sich die lettische Polizei verhalten wird. Deshalb müssen wir alle Register ziehen und uns tarnen. Wir teilen uns in Kleingruppen auf, wählen verschiedene Routen, Männlein und Weiblein tun sich zusammen und simulieren heterosexuelle Pärchen, damit wir ja nicht auffallen. Im worst case, so die gut gemeinte Ansage, sollten sich die Pseudopärchen küssen, um bei den Gegendemonstrant_innen den allerletzten Verdacht aus dem Weg zu räumen. Was tut man nicht alles, um die eigene Haut zu retten und für Menschenrechte einzutreten. Wir nehmen es mit Humor, auch wenn allen klar ist, dass dies wirklich kein Spaß ist. Vor allem nicht für die LGBTs, die hier leben und die nicht einfach nach dem Pride bequem in sichere, heimische Gefilde zurückfliegen können. Als wir es dann alle heil zum Stadtpark geschafft haben, kann es endlich losgehen mit der Parade.


Eine sehr kleine Menschenmenge im Verhältnis zum massiven Polizeiaufgebot und den zahlreichen Gegendemonstrant_innen, die mit hasserfüllten Gesichtern auf uns einbrüllen. Wir dürfen zwei Runden im eingezäunten Stadtpark drehen, vorneweg LGBTs aus Lettland und anderen baltischen Ländern, wir internationalen Gäste sollen nur den Druck erhöhen, damit die Veranstaltung überhaupt stattfindet und halten uns im Hintergrund. Ein paar Meter dürfen wir dann sogar auf offener Straße laufen, auf Tuchfühlung mit jenen, die meinen, ihren Hass und ihre Ängste auf uns projizieren zu müssen. Diese sind aber nicht nur Neonazis und Halbstarke – das Bild ist auch auf der Gegenseite vielfältig: da sind zum Beispiel die in sauberem Weiß gekleideten flammenden Katholikinnen, die sich im Namen der Kirche den Kampf für die Reinheit ihrer Kinder auf die Fahnen geschrieben haben und entschlossen gegen uns „Perverse“ auf die Straße gehen. Aber wir sind schon so frei, selbst laut zu werden, zunächst auf Englisch: Respect human rights!, dann nach spontaner Einweisung durch unsere lettischen Mitstreiter_innen auch radebrechend auf Lettisch. Am meisten freuen mich die mutigen Lettinnen und Letten, die uns aus der aufgebrachten Menge heraus zuwinken und ihre Sympathie zeigen. Und überhaupt, unversehrt kommen wir aus dieser Nummer nur deswegen wieder raus, weil uns die lettischen Polizist_innen mit aller Entschlossenheit schützen und dabei selber Kopf und Kragen riskieren. Als wir wieder im schützenden eingezäunten Park sind, erzählt uns eine Frau aus Riga mit Tränen in den Augen, dass sie hier ist, stellvertretend für ihre schwulen Freunde, die es dieses Jahr noch nicht hierher geschafft haben. Die osteuropäischen Länder haben ihre ganz eigene Geschichte, die zu den aktuellen Verhältnissen geführt haben, und sie haben auch das gute Recht, ihren eigenen Weg zu gehen und eine eigene Entwicklung zu durchlaufen – und das braucht Zeit.

 

Aber mindestens genauso berechtigt ist in meinen Augen die Freude bei uns Queers, die wir so stolz waren auf jeden Meter, den wir mit vereinten Kräften in diesem Klima in Riga zurücklegen konnten. Dort konnte man ganz hautnah erleben, was es bedeutet, wenn ein universelles Menschenrecht wie die Versammlungsfreiheit für eine Minderheit keine Selbstverständlichkeit ist. Queeres Leben erschöpft sich sicher nicht darin, einmal im Jahr einen Pride zu feiern. Das ist längst auch bei Amnesty International angekommen, aber es kann auch nicht verkehrt sein, wenn eine internationale Menschenrechtsorganisation elementare LGBT-Rechte von außen her und in enger Zusammenarbeit mit lokalen Menschenrechtler_innen gezielt unterstützt.

 

Ich habe nach Riga an mehreren Prides in osteuropäischen Ländern teilgenommen. 2011 auch ganz offiziell als Mitglied der deutschen Amnesty-Delegation in Bratislava und Budapest. Und eigentlich hätte ich für diesen Rundbrief hierüber berichten sollen. Aber meine allerersten Eindrücke aus Riga sind die lebendigsten und geben am besten das wieder, was ich auch 2011 erlebt habe und warum ich voller Überzeugung bei Amnesty geblieben bin.