Unsichtbar – Lesben in Rumänien

Die Gesellschaft in Rumänien ist sehr patriarchal organisiert und Heterosexualität gilt als die einzig mögliche Lebensweise. Die Erwartung an Frauen, den traditionellen Lebensweg einzuschlagen, zu heiraten und eine Familie zu gründen geht mit der männlichen Dominanz und der großen sozialen und ökonomischen Abhängigkeit von Frauen einher.

So gibt es für Frauen wenige Wahlmöglichkeiten für die Gestaltung ihres persönlichen Lebens und noch weniger Rollenvorbilder, die andere Wege aufzeigen würden. Für lesbische Frauen haben die Unmöglichkeit, die erwartete Geschlechterrolle zu erfüllen, und die starke Homophobie der Bevölkerung große Isolation zur Folge, gepaart mit der Angst davor, "entdeckt" zu werden. Denn dies würde zum Ausschluss aus den meisten sozialen Milieus führen: Verlust von Familie, Freunden und sogar des Arbeitsplatzes. Infolgedessen sind Lesben gezwungen, ein "unsichtbares" Leben versteckt vor der Gesellschaft zu führen und die Konflikte zwischen gesellschaftlichen Normen und persönlichem Empfinden allein auszutragen. Dieses galt insbesondere in der Zeit, in der es unmöglich war, Kontakt mit anderen Homosexuellen aufzunehmen und in der es keinen Zugang zu Informationen gab – es sei denn zu Informationen folgender Art: "Homosexualität ist eine psychiatrische Krankheit" oder "Homosexualität ist illegal", kriminalisiert in Artikel 200 des rumänischen Strafgesetzbuches. Das Gesetz bestrafte private sexuelle Kontakte zwischen gleichgeschlechtlichen Erwachsenen und Vereinigungen, die eine homosexuelle Identität ausdrückten oder unterstützten.

Im Zuge der Beitrittsverhandlungen Rumäniens zur Europäischen Union hat die rumänische Regierung unter starkem Druck von EU und Europarat am 26. Juni 2001 den Artikel 200 per Dringlichkeitserlass Nr. 87 außer Kraft gesetzt und mit Zustimmung des Staatspräsidenten am 14. Januar 2002 endgültig aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Am selben Tag erhielt auch der Dringlichkeitserlass Nr. 137 vom 31. August 2001, ebenfalls per EU-Druck, die Zustimmung. Seitdem sind alle Formen von Diskriminierung in Rumänien verboten und strafbar, einschließlich der Diskriminierung wegen sexueller Orientierung. Rechtlich gesehen ist somit die Situation von Homosexuellen in Rumänien verbessert worden.

Aber die Homophobie ist tief verankert, nicht nur in den Reihen der Bevölkerung, sondern auch auf institutioneller Ebene, in der Justiz, im Gesundheitssystem und bei der Polizei. Umfragen über die Einstellung von Menschen aus osteuropäischen Ländern gegenüber Homosexuellen belegen dies: Zwar sind 28% der Bevölkerung der Auffassung, dass Homosexuelle geduldet werden müssten, aber 86% wollen keine Homosexuellen in ihrer Nachbarschaft haben. Außerdem ist die Mehrheit dagegen, dass Homosexuelle Positionen als LehrerInnen oder ProfessorInnen innehaben. Hinzu kommt, dass die Kirche in Rumänien eine große soziale und moralische Definitionsmacht hat und die tiefe Ablehnung von Homosexualität durch die Familien aufrechterhält, indem sie Homosexualität als die "größte Sünde" einstuft und Eltern vermittelt, sie seien Schuld und hätten ihr Kind falsch erzogen, wenn dies homosexuell wird.

Seit der Abschaffung des Artikels 200 haben die LGBT-Bewegung und ihre Organisationen zwar bessere Perspektiven, verfügen aber zumeist weder über einen festen Sitz noch über Räumlichkeiten, wo sich die Menschen treffen könnten. Dies hat nicht nur finanzielle Gründe, sondern dient auch dem Schutz ihrer Mitglieder. Diese arbeiten und kämpfen meist anonym unter dem Namen "Menschenrechtsorganisation" und auch nicht als Homosexuelle, sondern es wird gesagt: "Ich bin keine Lesbe, aber ich halte es aus Gründen der Menschenrechte für wichtig, dass...". Accept, 1996 in Bukarest als Nichtregierungsorganisation (NGO) gegründet, stellt insofern einen Sonderfall dar, als dass sie sich bereits in der Zeit, als Homosexualität noch illegal und strafbar war, offen für LGBT-Themen engagiert hat. So fand eine Kampagne zur Streichung des Artikels 200 aus dem Strafgesetzbuch statt, die durch die finanzielle und inhaltliche Unterstützung der internationalen ILGA-Institutionen und amnesty internationals möglich war – und nicht zuletzt, weil Rumänien bereits in die EU strebte und das Diskriminierungsverbot Voraussetzung für eine mögliche EU-Integration ist. Der EU-Druck führt heute jedoch auch oft dazu, dass Projekte als offizielles "Aushängeschild" vereinnahmt werden, tatsächliche politische und soziale Veränderungen aber ausbleiben.

Für Lesben stellt sich zusätzlich das Problem, dass die meisten Organisationen gemischt sind und von Männern/Schwulen dominiert werden. Es gab und gibt ohnehin nur wenige Frauenorganisationen und AktivistInnen, die sich für die Rechte von Frauen einsetzen. Die primären Ziele der Frauenbewegung sind die Gleichberechtigung der Frauen und ihre Chancengleichheit in Ausbildung und Beruf – das Thema "Lesben" war nie auf der Tagesordnung. In jüngerer Zeit haben sich feministische Forschung und frauenpolitische Aktivitäten vermehrt, doch nur auf theoretischer Ebene und ebenfalls ohne Bezugnahme auf Lesben.

Trotz vermehrter Versuche, Gruppen für Lesben zu organisieren und sich politisch zu engagieren und trotz der größer gewordenen persönlichen Sicherheit durch den gesetzlichen Schutz wird bis heute vorwiegend im informellen, nicht-öffentlichen Bereich agiert. Zwar hat sich die Vernetzung von Lesben verbessert, ist aber nur in Großstädten zu finden. Treffen finden nur in bestimmten, meist privaten, Zirkeln statt und die Information wird zuvor mündlich von einer Person zur anderen weitergegeben. Es gab Fälle, in denen die Kontaktaufnahme durch Organisationen für Lesben aus anderen Ländern ermöglicht wurde, die Kontakte in Rumänien hatten. Die persönlichen und ökonomischen Verluste, die einem öffentlichen Coming Out folgen, sind noch immer zu hoch, so dass nur wenige Lesben die Kraft und den Mut aufbringen, sich diesen Hindernissen entgegenzusetzen, als soziale AkteurInnen in der Gesellschaft aufzutreten und offen gegen ihre Diskriminierung zu kämpfen. Der Mangel an Unterstützung und Akzeptanz in der Bevölkerung und in den politischen Organisationen und die Fortsetzung der patriarchalen Strukturen führen dazu, dass es bis heute keine Institution gibt, die sich ausschließlich für Lesben einsetzt, geschweige denn eine Lesbenberatung, die eine wichtige Stütze sein könnte.

Theo Recorean, Berlin

(Hierbei handelt es sich um eine lektorierte und gekürzte Fassung. Der Originalartikel von Theo Recorean ist in der Berliner Lesbenberatung e.V. bei LesMigraS unter info[at]lesmigras.de erhältlich.)