Rupert Haag von MERSI.
Rupert Haag von MERSI.

Liebe ist ein Menschenrecht

Im vergangenen Juni erhielt die bundesweite Themengruppe der deutschen Sektion von amnesty international „Menschenrechte und sexuelle Identität“ (MERSI) im Zuge der Verleihung des Ossip-K.-Flechtheim-Preises den Anerkennungspreis des Humanistischen Verbandes Deutschlands. Das HvD-Magazin "Diesseits" bat die Initiative, sich seinen Lesern vorzustellen.

In ihrer Arbeit setzt sich die MERSI-Gruppe für die Menschenrechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender- Menschen ein. Denn die sind keineswegs überall garantiert. In vielen Ländern gelten noch immer auch religiös begründete Gesetze und Traditionen, werden diese Menschen verurteilt, verfolgt, verhaftet sogar getötet. Wenn die großen Weltreligionen auch im Detail recht unterschiedliche Positionen zu diesen Formen der sexuellen Orientierung beziehen, so ist ihnen gemeinsam, dass auch hier fundamentalistische Kreise besonders „engagiert" Erscheinung treten. Im Hinduismus beispielsweise existieren Jahrtausende Mythen, in denen homosexuelle und transsexuelle Praktiken als göttlich verehrt werden. Nichtsdestotrotz leugnen neokonservative Kräfte diese Tradition und verurteilen von der „Norm" abweichende sexuelle Spielarten als „Import des Westens". Sowohl in Indien als auch in Nepal sammeln sich fundamentalistische Hindugruppierungen und verfolgen zum einen traditionell in der Gesellschaft verankerte Formen der Transsexualität. Zum andern werden aber auch westlich orientierte Bürgerbewegungen wie Coming-Out- Gruppen oder AIDS-Aufklärungsgruppen mit verbaler, polizeilicher und körperlicher Gewalt bedroht verfolgt.

Brutaler Racheakt
Unter dem Deckmantel religiöser Frömmigkeit und nationalistischer Rückbesinnung macht hier eine fundamentalistische Front Jagd auf Angehörige sexueller Minderheiten, die nicht in das eng begrenzte Weltbild eines unaufgeklärten Hinduismus passen wollen. In diesem Zusammenhang muss wohl auch die auf Metis (nepalesische Ausprägung der traditionellen Transvestiten im hinduistischen Raum) gesehen werden, bei der in der nepalesischen Hauptstadt Katmandu im vergangenen August 39 Metis verhaftet wurden, die allesamt Mitglieder der lokalen Organisation „Blue Diamond Society" sind. Diese lokale Organisation bietet Aufklärungs- und Gesundheitsprogramme sowie Hilfestellung HIV/AIDS für Angehörige sexueller Minderheiten an und setzt sich für ihre Rechte ein. Das nepalesische bürgerliche Recht verbietet „unnatürliche sexuelle Handlungen", und dieser Paragraf wird teilweise recht willkürlich angewandt: Verhaftungsaktion war wohl ein Racheakt für die Anzeige der „Blue Diamond Society" gegen einen brutalen Polizeiübergriff auf Metis im Juli, bei dem 4 Metis Polizisten mehrfach vergewaltigt, ausgeraubt und misshandelt wurden. Die eskalierte, als auf einen anderen Meti, Jaya Ram, ein Mordversuch verübt wurde. Eine aufgebrachte Menge hatte ihn in der Öffentlichkeit angegriffen und versucht, ihm die Kehle durchzuschneiden, doch die Polizei kam nicht zu Hilfe. Die verhafteten 39 Metis konnten Ende August dank der Proteste von MERSI und anderer internationaler Organisationen und gespendeter Gelder auf Kaution entlassen werden. Der Prozess steht jedoch noch aus. Eine derart ausufernde Verfolgung von sexuellen Minderheiten konnte in früheren Jahren in der Region nicht beobachtet werden und geht wohl eindeutig Hand in Hand mit dem Erstarken der konservativen religiösen Nationalisten im südasiatischen Raum.

Der Koran muss herhalten
Eine ähnliche Entwicklung ist im moslemischen Raum zu verfolgen, wo fundamentalistische Strömungen versuchen, jegliche Andersartigkeit als unislamisch zu diffamieren und gesetzlich zu verfolgen. Dabei ist die Ausgrenzung sexueller Minderheiten nicht eindeutig im Koran festgelegt, und die einzigen relevanten Stellen beziehen sich auf die sexuellen Ausschweifungen in der Stadt Sodom, die auch für die Verurteilung der Homosexualität in Christentum und Judentum herhalten müssen. Eine aufgeklärte Interpretation dieser Texte hingegen sieht darin nur eine Verurteilung von sexueller Gewalt und keine Bezugnahme zu homosexueller Liebe. Die massive Verfolgung sexueller Minderheiten in arabischen und anderen moslemischen Ländern bedient sich also einer völlig veralteten Auslegung heiliger Schriften und ist eher kulturellen und ethnischen, denn religiösen Ursprungs. Quasi als Zugeständnis an diese erzkonservativen Schulen der moslemischen Welt ist auch die Verhaftung von 52 meist recht jungen Schwulen auf einem ägyptischen Partyschiff zu verstehen. Im Mai 2001 wurden sie auf dem Nilboot in Kairo verhaftet mit der Begründung, sie hätten sittenwidrig gehandelt und die islamische Religion verspottet. Ein Vorwurf, der zu den rückwärts gewandten Moralvorstellungen breiter Kreise islamischer Theologen passt. Denn in den Jahrzehnten zuvor hatte nicht nur in Kairo, sondern in vielen Metropolen des Orients eine lebendige homosexuelle Kultur geblüht, die zwar nicht gerade propagiert, so doch aber immerhin geduldet wurde. Der Prozess zog sich über fast zwei Jahre hin, und ein Großteil der Verhafteten ist inzwischen dank unzähliger internationaler Protestaktionen, auch von MERSI, wieder auf freiem Fuße. Nichtsdestotrotz verschlechtert sich die Situation von Homosexuellen in Ägypten zusehends.  

Die Polizei hat dabei eine federführende Rolle und nimmt eine Position fern rechtsstaatlicher Vorstellungen ein. So melden sich beispielsweise Polizisten inkognito auf Kontaktanzeigen von Schwulen im Internet und verhaften den Inserenten sofort bei Erscheinen am Treffpunkt. Weiterer Beistand für die Verfolgten in Ägypten tut Not, zumal sie nicht auf die Unterstützung lokaler Menschenrechtsorganisationen hoffen können, die beim Thema sexuelle Minderheiten um Schäden für ihr Image fürchten.

Keuschheitsgelübde für Homosexuelle
Vergleichsweise harmlos nimmt sich hingegen das Christentum aus, wo der Heilige Stuhl im Vatikan seine homophobe Haltung in diversen Enzykliken und politischen Veröffentlichungen zum Ausdruck bringt. Zwar verzichtet der Papst mittlerweile darauf, Homosexualität an sich zu verteufeln und bezeichnet nur noch die Ausübung derselben als Sünde. Auch rückte er von einem Berufsverbot für homosexuelle Priester wieder ab und lässt diese unter Umständen zur Ordination zu, wenn sie nur keusch leben. Doch höchst bizarre Koalitionen entstanden anlässlich der 60. Sitzung der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen: Brasilien hatte hier eine begrüßenswerte Resolution über „Menschenrechte und sexuelle Orientierung" eingebracht, die die Rechte dieser Personen schützen sollte. Schon im Vorfeld bemühten sich diverse Gruppen um eine Durchsetzung des Antrags. Doch diese Lobbyarbeit, bei der sich auch die MERSI-Gruppe intensiv einbrachte, wurde zunichte gemacht durch die Blockadepolitik einer konservativ-religiös motivierten Allianz: Der Vatikan und die Organisation der Islamischen Konferenz, der Staaten wie Pakistan und Saudi-Arabien angehören, nutzten alle ihre Einflussmöglichkeiten, um Brasilien zum Rückzug zu bewegen. So wurde schließlich der Entwurf zurückgezogen und auf die nächste Sitzungsperiode im Jahr 2005 vertagt.

Dann wird die MERSI-Gruppe erneut den politischen Kampf aufnehmen, um die Menschenrechte von Angehörigen sexueller Minderheiten weltweit zu stärken. Die bisherigen Erfolge in dieser Arbeit sind der beste Beweis dafür, dass sich der fortdauernde Einsatz lohnt.

Rupert Haag

 Quelle: http://www.humanismus.de/aktuellediesseitausgabe.htm

Erstellt am: 08.12.2004