Mal sichtbar, mal nicht - LGBTs in Polen

In meinem Land gibt es keine Gesetzgebung, die sich auf Homosexualität bezieht.Dies ist insofern von Vorteil, als Homosexualität nicht kriminalisiert und bestraft wird. Andererseits haben polnische Schwule und Lesben keine juristischen Mittel, um sich rechtlich gegen Diskriminierung zur Wehr zu setzen.

Ihnen werden ferner die Anerkennung und der Status vorenthalten, die Verheiratete verschiedenen Geschlechts genießen. Durch diese gesetzgeberischen Nachteile wird die Unsichtbarkeit von LGBTs im öffentlichen Leben widergespiegelt und zugleich verstärkt.

Unsere traditionelle Religiosität führte dazu, dass die überwiegend katholischen und unter starkem kirchlichen Einfluss stehenden Polen bis vor kurzem kaum über Sexualität sprachen, schon gar nicht über "abweichende" Formen. Mittlerweile wird Homosexualität gelegentlich von katholischen Priestern oder Laien angesprochen, aber nur im Kontext eines schmerzlichen Problems, das besonderen Mitleids bedarf. Und: Extreme Homophobie ist in der katholischen Kirche keinesfalls selten. Als ein Erzbischof beschuldigt wurde, Geistliche in einem Priesterseminar sexuell belästigt zu haben, wurde nicht der Machtmissbrauch thematisiert, sondern von katholischer Seite und in den Medien ein homosexueller Skandal geschürt. Auch das Erbe des prüden realsozialistischen Regimes wirkt nach. Im totalitären System konnte keine basisdemokratische LGBT-Bewegung entstehen. Ein Gefühl von Community gab es nicht, da wir vor Angst und Scham wie gelähmt waren. Schwule und Lesben wurden von der Polizei verfolgt, der Geheimdienst führte ''rosa Listen", die benutzt wurden, um Homosexuelle zu erpressen und einzuschüchtern.

In diesem Klima allgemeiner Unsichtbarkeit und gelegentlicher, aber unerbittlicher Feindseligkeit versuchen LGBTs in Polen, sich zu organisieren, Marginalisierung und Homophobie zu bekämpfen. Lambda Warszawa ist die älteste polnische LGBTOrganisation mit einem breitgefächerten Engagement. Lambda bietet persönliche und telefonische Beratung, Unterstützung in Gruppen, organisiert einen Filmclub und eine christliche Gruppe. Diskrimierung von LGBTs wird genau dokumentied, wobei die Fälle von körperlicher Gewalt und Bedrohung in der Familie und Gesellschaft bis zu systematischer Diskriminierung in öffentlichen Institutionen reichen. Die Organisation hat mehrere Berichte zu Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung veröffentlicht, die auf Umfragen beruhen. (Eine englischsprachige Ausgabe ist unter http://lambdawa.gejowo.pl/pliki/RD-2000-engl.pdf zu finden.) Lambda kooperiert mit der öffentlichen Verwaltung und betreibt dabei Lobbyarbeit für institutionelle Veränderungen sowie die Entwicklung von Schulprojekten und Gesetzesentwürfen.

Der polnische Zweig des International Lesbian and Gay Cultural Network (ILGCN) fördert Kunst und Literatur von LGBTS. Sein bedeutendster Beitrag zum öffentlichen Leben ist jedoch die an jedem 1. Mai im Zentrum Warschaus stattfindende "Parade für Gleichheit", durch die alle gesellschaftlich stigmatisierten Gruppen, einschließlich Menschen mit Behinderungen, mit HIV/AIDS und ethnischer Minderheiten, sichtbar gemacht werden sol-. len. Die Parade ist ein buntes, multikulturelles Ereignis nach dem Vorbild der CSDParaden in Westeuropa und den USA. Vorher gab es nur bescheidene Versuche, Pride Paraden zu organisieren. Die erste in den frühen Neunzigern war eher eine Parade der Scham, denn es kam nur eine Handvoll Schwuler zusammen, die ihre Gesichter mit Schals bedeckt hatten und Schilder mit ihren Berufsbezeichnungen um den Hals trugen.

Ein weiterer Versuch wurde von den städtischen Behörden verhindert, indem sie die Erlaubnis mit der Begründung verweigerten, Straßen, die von "Müttern mit kleinen Kindern" frequentiert würden, seien ein unangemessener Ort für eine Veranstaltung von Homosexuellen. In den letzten vier Jahren ist die " Parade für Gleichheit" jedoch gewachsen und hatte dieses Jahr 3000 Teilnehmerlnnen.

Die Kampagne gegen Homophobie (KPH) ist die politisch, engagierteste und wohl radikalste LGBT-Organisation in Polen. Sie orientiert sich an den angelsächsischen Vorbildern ACT UP und Outrage!. KPH greift sich Homophobie im öffentlichen Diskurs, in den Medien und der Politik heraus und versucht, durch Aktionen die Ansichten der Öffentlichkeit hinsichtlich Homosexualität zu beeinflussen und den öffentlichen Raum für LGBTs einzufordenn. Am spektakulärsten war bislang eine Posterkampagne unter dem Titel " Niech nas zobacza," (Lasst sie uns sehen). Die Poster zeigen Fotografien lesbischer und schwuler Paare, die Hand in Hand vor einem neutralen urbanen Hintergrund stehen. Die Fotografien sollten auf Plakatwänden in den vier größten polnischen Städten zu sehen sein, doch die Kampagne stieß auf Hass und Ablehnung. Städtische Behörden drohten mit Repressalien, Eigentümer von Plakatwänden traten von bereits geschlossenen Verträgen zurück.

Die wenigen plakatierten Poster wurden mit roter Farbe besprüht oder heruntergerissen. Galerien, in denen die Fotos ausgestellt werden sollten, überlegten es sich anders, den Besitzern einer kleinen Privatgalerie in Kraköw, die die Ausstellung zeigen wollten, wurde von der Stadt der Mietvertrag gekündigt.

Was als Geste der Assimilation gedacht war, rief starke Feindseligkeit und letztlich Konfrontation hervor. Polnischer LGBT-Aktivismus in all seinen Variationen baut auf importierten westlichen Vorstellungen homosexueller Identitäten auf und entwickelt sich parallel zu anderen gesellschaftlichen Veränderungen, die zuvor benachteiligte Gruppen einbeziehen: Frauen, Menschen mit Behinderungen, ethnische Minderheiten. Als eine Form zivilgeselischaftlichen und politischen Engagements bedeutet dieser Aktivismus eine Erweiterung des Spekt . rums pluralistischer, nicht-diskriminierender, partizipatorischer Demokratie. Gleichzeitig ist er kreativ, innovativ, unkonventionell und macht einfach Spaß.

Marcin Lakomski - Warschau, Polen 
Übersetzung aus dem Englischen: Anke Guido