Ich hab nichts gegen Lesben, ABER ....

Gewalt gegen Lesben - ein Projekt der Europäischen Union zum Abbau der Gewalt gegen lesbische Frauen.

Ein lesbisches Paar wird mit den Worten "Haut ab ihr Tuntenpack" aus einem Gartenlokal geworfen. Eine offen lesbische lebende Persönlichkeit des öffentlichen Lebens erhält folgenden Brief: "Wann hast du deiner Freundin zum letzten Mal die geile Fotze geleckt und das Arschloch ausgesaugt. Hoffentlich bekommst du Drecksau Aids und verreckst endlich. An den Galgen mit euch Schwulen- und Lesbenpack." Einem Lesbenzentrum werden die Fensterscheiben eingeworfen. 


Die Daphne Initiative der Europäischen Union 
Seit 1999 fördert die Europäische Union im Rahmen der Daphne Initiative ein internationales Projekt zu Gewalt gegen Lesben. Trägerin des Projekts Lesben gegen Gewalt ist die Lesben Informations- und Beratungsstelle e.V. Frankfurt/M. Das Projekt arbeitet mit Kooperationspartnerinnen in Österreich (Wiener Antidiskriminierungsstelle), Belgien (Garance asbl in Brüssel), England (SOLA in London) und Deutschland (Lesbenberatung Berlin und Frankfurter Frauenreferat) zusammen. Der Förderzeitraum beträgt vier Jahre. 


Gewalt gegen Lesben - eine Bestandsaufnahme
Verschiedene deutsche und britische Studien zeigen, dass fast jede lesbische Frau aufgrund ihrer psychosexuellen Identität Opfer von Gewalt oder Diskriminierung geworden ist: 98% der befragten lesbischen Frauen haben verbale Übergriffe erlebt, 44% sexualisierte Gewalt und 24% körperliche Angriffe (Universität Bielefeld 1999). 


Der in den Studien angewendete Gewaltbegriff beruht auf der Erkenntnis, dass Gewalt ein Mittel darstellt, Macht und Kontrolle zu etablieren und aufrechtzuerhalten. Das kann auf personaler, aber auch auf struktureller Ebene erfolgen. Weiterhin kann sich Gewalt und ihre Folgen materialisieren, zum Beispiel physische Gewalt. Immer größere Bedeutung gewinnt in westlichen Gesellschaften die Immaterialität von Gewalt, so müssen sich Drohungen nicht notwendigerweise körperlich niederschlagen, können aber dennoch zu einer schweren psychischen Beeinträchtigung des Opfers führen (Depressionen, Schlafstörungen, Angstgefühle usw.). Gewalt ist folglich ein Verhalten oder ein Verhältnis (z.B. mittelbare Diskriminierung), das negative Auswirkungen auf das psychische und physische Wohlbefinden lesbischer Frauen hat. Im Allgemeinen wird zwischen Diskriminierung und Gewalt unterschieden, auch wenn Diskriminierung in westlichen Gesellschaften das "moderne Gesicht der Gewalt" darstellt. 


Entwicklung eines Präventions- und Interventionskonzepts 
In Westeuropa etabliert sich ein neuer politischer Ansatz, die "Politik der Verschiedenheit" als Grundlage des "Mainstreaming". Dieser Ansatz ermöglicht eine differenzierte Analyse der Gewalt gegenüber spezifischen Zielgruppen, so lesbischen Frauen. Als Grundlage für ein Präventions- und Interventionskonzept unter Berücksichtigung der besonderen gesellschaftlichen Situation lesbischer Frauen wurden folgende Annahmen getroffen: 


Lesben und Schwule ...

  • erleben unterschiedliche Formen von Gewalt aufgrund ihrer psychosexuellen Identität. 
  • erfahren die erlebte Gewalt unterschiedlich. 
  • entwickeln unterschiedliche Strategien, mit den Gewalterfahrungen umzugehen. 

Lesbische und heterosexuelle Frauen ...

  • erleben unterschiedliche Formen von Gewalt. 
  • erfahren die erlebte Gewalt unterschiedlich. 
  • entwickeln unterschiedliche Strategien, mit den Gewalterfahrungen umzugehen.

Der Blick auf Gemeinsamkeiten und Differenzen in der Gewalterfahrung, dem Gewalterleben und der Verarbeitung konnte ein zielgruppenspezifisches Präventions- und Interventionskonzept entwickelt werden. Verschiedene Aspekte wurden umgesetzt. 

Gewalt gegen Lesben wird ebenso wenig wie Lesben wahrgenommen. Sie werden in der Regel entweder unter Homosexualität/Homosexuelle oder unter Frauen subsumiert. Beide Kategorien erweisen sich als zu allgemein, um ihre besondere Situation in westlichen Gesellschaften angemessen beschreiben zu können. Vielmehr werden diese Kategorien benutzt, um Lesben in die Unsichtbarkeit zu drängen.


Ich hab nichts gegen Lesben, ABER ... 

  • meine Tochter soll keine sein! 
  • die haben doch nur keinen abgekriegt! 
  • ganz normal sind die doch nicht. 
  • müssen die wie Männer rumlaufen? 
  • Kinder brauchen einen Vater. 

In Frankfurt und Berlin wurden über einen Zeitraum von 4-6 Wochen Plakate gehängt. In Wien wurden Aufkleber für die Straßenbahnen gefertigt, die ebenfalls 4 Wochen hingen. 


In Belgien wurden die Plakate in niederländischer und französischer Sprache den sozialen Einrichtungen zur Verfügung gestellt und eine Fachkonferenz durchgeführt. Folge dieser Konferenz ist, dass in Belgien das Thema Gewalt gegen lesbische Frauen und Gewalt in gleichgeschlechtlichen Beziehungen in den Nationalen Plan gegen Gewalt aufgenommen werden soll. 


Die negative Resonanz in Deutschland und Österreich bezog sich vor allem auf das Plakat: "Ich hab nichts gegen Lesben, ABER Kinder brauchen einen Vater": "Moral hat wohl überhaupt keinen Platz mehr in dieser Gesellschaft. Ich meine, wo kommen wir denn hin, wenn Lesben heiraten dürfen. Aber zwei Lesben und ein adoptiertes - oder gar im Reagenzglas gezeugtes - Kind, DAS IST KEINE FAMILIE. Homosexualität stellt einen Verstoß gegen eines der ELEMANTARSTEN Gesetze der Natur dar. Ich frage mich nur, wann Pädophilie legalisiert wird!". "Die Nachricht geht an alle von denen genannten Kranken. Wie Sie werben, das ist einfach nur pervers, das ist einfach nur krank. ... Wenn diese Scheiße nicht bald aufhört, dürfen Sie sich nicht wundern, wenn Sie demnächst massive Probleme kriegen!" 


Diese Beispiele zeigen deutlich, dass sich die vermeintlich größere Toleranz gegenüber Lesben und Schwulen auf dünnem Eis bewegt. Die Argumentation beruht in der Regel auf zwei Grundlagen, dem Nationalismus und dem christlichen Glauben. Die Angst vor tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen bildet nicht nur in Deutschland den Nährboden für christlich-fundamentalistische Organisationen wie "Wüstenstrom", "Offensive junger Christen" oder das "Weiße Kreuz".