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Das wir heute frei sind

Der Band zum 50. Jahrestag von Amnesty enthält Beispiele für Vielfalt und Fülle des Themas Menschenrechte, unterschiedlich in Art und Stil, doch klar und für ein großes Publikum verständlich formuliert und auch für jüngere Leser_innen geeignet.

Fakten- und informationsreiche Berichte von Fachleuten und Insi-der_innen etwa zu aktuellen Problemen, zu komplizierten Völkerrechtsfragen (Haager Strafgerichtshof), zur Verantwortung multinationaler Konzerne ebenso wie der globalen Akteure des Internets (Google, Yahoo!, Mi-crosoft) am Beispiel China. Auch der besonders lesenwerte Artikel „Wie Amnesty heute denkt und arbeitet“ zu Geschichte, Organisationsstruktur, Selbstverständnis und Alltagspraxis von Amnesty International gehört dazu. Erlebnisberichte aber, selbsterlebte von Opfern und denen, die ihnen geholfen haben, bilden den besonders beeindruckenden Teil. Weil hier die Ziele von Amnesty konkret werden: individuelle Schicksale, keine abstrakten „Fälle“, meist in einem Stil, bei dem die Grausamkeit der Fakten durch die Nüchternheit der Erzählung beson-ders Herz und Verstand treffen. Es geht um Hilfe für Kindersoldaten in Afrika, für lateinamerikanische Emigrant_innen, die auf dem Weg in die USA in Mexiko stranden, um Aidskranke und Aids-Aktivist_innen in Südafrika, es geht um Vergewaltigung von Mädchen und Frauen, um die historischen (und vergessenen) Opfer der Franco-Diktatur und um die drakonische Strafe eines chinesischen Journalisten, der 2005 an das Massaker auf dem Tiananmen-Platz erinnerte.

„Dass wir heute frei sind…“ betrifft aber auch in einem speziellen Sinn eine Gruppe, die noch zu Gründungstagen von Amnesty International diskriminiert und gar hierzulande von Zuchthausstrafe bedroht war: homosexuelle Männer und Frauen. Gemeinsam mit Transgendern und Bisexuellen empfinden sie die heutige Freiheit in der westlichen Welt als eine Verpflichtung, sich für die Rechte von LGBT einzusetzen. Auch dazu gibt es einen Artikel mit der Überschrift „Liebe ist ein Menschenrecht“, der sich prägnant und informativ mit Geschichte und Aktivitäten der seit 1994 gegründeten Amnesty-Gruppen zu diesem Thema befasst. Noch immer werden Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung verfolgt, werden auch in Europa bei Demos angegriffen, sind in vielen Staaten mit der Todesstrafe bedroht. Lesbische Frauen werden vergewaltigt, um sie „zu bekehren“, Transgender werden Opfer polizeilicher Gewalt.

Eine Frage bleibt am Ende: Gibt es angesichts der massiven Menschenrechtsverletzungen einen wirklichen Fortschritt? Das Buch beantwortet sie mit Bertolt Brecht: „Unsere Niederlagen nämlich/ Beweisen nichts, als dass wir zu /Wenige sind/ Die gegen die Gemeinheit kämpfen“.

Ulrich Schwarz

Hrsg. Von Urs M. Fiechtner und Reiner Engelmann. Sauerländer Verlag. 222 Seiten. Preis: 16,95 Euro