Hiker Chin aus Taiwan gründete die "Organization Intersex International", © Amnesty International
Hiker Chin aus Taiwan gründete die "Organization Intersex International", © Amnesty International

Taiwan: "Ich wollte kein Monster sein."

Hiker Chin hat erst mit 42 Jahren herausgefunden, dass er/sie eine intergeschlechtliche Person ist. Er/sie ist sowohl mit männlichen als auch weiblichen reproduktiven Organen geboren worden.

Er/sie gründete die "Organization Intersex International", um Wissen und Akzeptanz von intergeschlechtlichen Personen in Taiwan zu fördern. Für diesen Valentinstag hofft er/sie, dass jeder Mensch Liebe finden kann.

Wann und wie hast du deine wahre Geschlechtsidentität herausgefunden?

Ich fühlte mich ständig seltsam, besonders während der Pubertät, als meine biologischen Veränderungen anders als die von den anderen Mädchen waren. Meine Mutter hat mir nur erzählt, dass ich mit "zwei Sätzen" geboren wurde. Ich war mir zu der Zeit nicht bewusst, dass es Intergeschlechtlichkeit gibt. In meinem Tagebuch aus der Grundschule schrieb ich, dass ich mich wie ein Monster fühlte. Ich wollte kein Monster sein. Meine Eltern fühlten sich hilflos. Die Ärzte konnten nichts tun, um mir wirklich zu helfen.

Ich fand mit 42 Jahren heraus, dass ich intergeschlechtlich bin, als ich meinen medizinischen Akte noch einmal las, in der es um die Operation ging, die ich mit sechs Jahren hatte, als meine "vergrößerte Klitoris" entfernt wurde. Dann googlete ich meinen Zustand und fand heraus, dass ich als ein gesundes Baby zur Welt kam, bis auf die Tatsache, dass ich zwei Sätze an reproduktiven Organen hatte.

Erkennt die Gesellschaft von Taiwan die Existenz von intergeschlechtlichen Personen an?

Chinesische Gesellschaften wissen mehr oder weniger von der Existenz von intergeschlechtlichen Personen, doch aufgrund des traditionellen binären Geschlechtskonzepts kommt es zu Diskriminierung gegen Personen, die weder männlich noch weiblich sind. Da intergeschlechtliche Personen als unfruchtbar angesehen werden und chinesische Werte sehr stark darauf fokussieren, die Familienblutlinie weiterzuführen, denken viele Familien, dass intergeschlechtliche Personen nutzlos seien. Es gibt zudem Religion und Aberglauben, denen zufolge ein intergeschlechtliches Baby das Resultat schlechter Handlungen der Eltern sei.

Als die westliche Medizin in den 1950ern erstmals in Taiwan angewandt wurde, gab es das Konzept, intergeschlechtliche Babies vor dem zweiten Lebensjahr zu operieren. Dies sollte den Babies "helfen", ihre "weder männlich noch weiblich"-Kondition aufzulösen, sodass sie in die Gesellschaft integriert werden und die "Scham" der Eltern vermieden wird. Intergeschlechtliche Personen sind beinahe komplett aus der Gesellschaft "eliminiert". Seitdem ich mich ungefähr 2010 öffentlich geoutet habe, habe ich nicht viele Nachrichten von intergeschlechtlichen Personen in Taiwan erhalten.

Was kann getan werden, um die Situation intergeschlechtlicher Personen in Taiwan zu verbessern?

Es ist sehr wichtig, dass wir unsere Eltern unterstützen. Meine Eltern haben fast ihr ganzes Leben lang mir gegenüber Trauer, Schuld und Leid gefühlt. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, warum mein Körper so eine schmerzvolle Angelegenheit für meine Eltern sei. Meine Geburt brachte ihnen so viel Schmerz und Leid.

Jetzt weiß ich, dass Intergeschlechtlichkeit eine biologisch natürliche Variation ist. Ich hoffe, dass Eltern verstehen, dass intergeschlechtliche Babies natürlich sind. Ihre intergeschlechtlichen Merkmale sind keine Krankheit und benötigen keine unnötige Behandlung. Eltern müssen sich deswegen nicht traurig fühlen.

Es muss mehr Aufklärung für die allgemeine Öffentlichkeit geben, die sie wissen lässt, dass es intergeschlechtliche Personen nicht selten sondern recht häufig gibt. Sie sollten uns nicht diskriminieren und als "beschämend" betrachten. Warum sollen wir und unsere Eltern die Konsequenzen der gesellschaftlichen Vorurteile ertragen müssen?

Auch Ärzte müssen ihre Mentalität ändern. Die ärzlichen Interventionen haben mir nicht wirklich geholfen. Sie müssen überdenken, wie intergeschlechtliche Personen bessere Betreuung erhalten können. Sie müssen unsere Zustimmung und die Selbstbestimmung unseres eigenen Körpers respektieren und aufhören, Intergeschlechtlichkeit wie eine Krankheit zu behandeln.

Die Regierung hat noch kein ausreichendes Verständnis von intergeschlechtlichen Personen. Sie müssen darüber nachdenken, wie man aktiv eine positive Umgebung für uns schaffen kann und die Öffentlichkeit aufklärt, sodass wir als wertvolle Mitglieder der Gesellschaft akzeptiert werden. In der Vergangenheit war die Vorstellung, die die Menschen von Geschlecht hatten, ziemlich eng und begrenzt. Jetzt müssen sie ihren Geist öffnen und intergeschlechtliche Personen anerkennen.

Wie hat dein Aktivismus die Situation verändert?

Ich verändere das Bild, dass Taiwan von intergeschlechtlichen Personen hat, und ermutige jeden dazu, zu hinterfragen, ob es angemessen ist, intergeschlechtliche Babies zu operieren, ohne dass man ihnen eine Wahl gibt. Es hilft auch, dass in Taiwan das "Gender Movement" jetzt an einem relativ gutem Punkt ist ist und die Toleranz der Gesellschaft gegenüber Geschlechtervielfalt sich verbessert hat.

Alles, was ich durch meine Bewegung vermitteln möchte, ist Liebe. Intergeschlechtliche Personen sind auch Menschen. Wir lieben, wir brauchen Liebe und wir verlangen danach, geliebt zu werden. Es ist die Bedeutung meines chinesischen Namens - liebe das Gras auf einem Hügel. Meine Eltern haben mich aus ganzem Herzen geliebt und mir dabei geholfen, zu erreichen, was ich heute erreicht habe.

Glaubst du, dass intergeschlechtliche Personen in Taiwan genauso wie andere lieben können?

Es ist für intergeschlechtlichen Personen möglich, zu lieben, doch wenn die Gesellschaft immer noch eine negative Meinung über uns hat, ist es schwierig für uns, eine Beziehung zu beginnen. Für mich ist es nicht so schwierig, weil ich mich nicht als sonderlich anders sehe. Doch ich habe Freunde, die diese Verwirrung haben, ob die Beziehung homosexuell oder heterosexuell sein soll. Wir haben auch Druck wegen der Kinder bekommen.

Was hältst du vom Valentinstag?

Der Valentinstag vermittelt die Hoffnung auf Liebe. Ich hoffe, dass jeder seine bzw. ihre Liebe finden kann.

Nach meinem Coming-Out fragten viele meiner Freunde in Festland China, ob ich für sie Partner aus unserer Gemeinschaft finden kann, da es schwierig für sie ist, einen verständnisvollen Partner zu finden. In Festland China herrscht immer noch großer Druck auf Personen, zu heiraten und Kinder zu bekommen. Die meisten Menschen können nicht wirklich die körperlichen und mentalen Gefühle von intergeschlechtlichen Personen nachvollziehen. Wir können die generellen Erwartungen von gewöhnlichen Menschen, die Beziehungen, die Ehe, Reproduktion und sexuelles Verhalten betreffen, nicht erfüllen.

Wir sollten kreativ sein statt in der traditionellen Mentalität von Ehe und Kinderkriegen gefangen zu bleiben. Liebe gibt es in unterschiedlichen Arten und Weisen. Ich schätze unsere zukünftige Lebenswelt optimistisch ein, da die Gesellschaft ein besseres Verständnis entwickelt.