Ima mesta za sve nas - ''Es gibt einen Platz für uns alle''. LGBT-Situation in Serbien: Belgrade-Pride abgesagt!

Mit großem Engagement gingen die OrganisatorInnen der für den 17. Juli 2004 geplanten 2. Belgrade-Pride ans Werk. So genannte Promo-Parties wurden organisiert, viele Gespräche geführt, Kontakte ins Ausland geknüpft, eine Promotion-Tour durch Österreich und Deutschland veranstaltet .... und dann das.

Als Antwort auf die neu aufgeflammten schweren Unruhen im Kosovo im März diesen Jahres zogen Hooligans randalierend durch Belgrad. Dabei wurden mehrere (Polizei-)Autos zerstört und angezündet, Schaufenster zerstört, die Polizei tätlich angegriffen. Als unrühmlichen Höhepunkt lieferten sich ca. 200 Personen mit 15 schlecht ausgerüsteten Polizisten eine ungleiche Schlacht um die fast 500 Jahre alte Bajrakli-Moschee, die einzige in Belgrad. Die Moschee wurde im Inneren zerstört. Fast 10.000 Bücher fielen den Flammen zum Opfer, die Räumlichkeiten im Gebäude neben der Moschee, darunter ein Schulzimmer, wurden ebenfalls völlig zerstört.

Es hat sich nicht viel geändert seit damals

Seit damals, als am 30. Juni 2001 die erste Pride in Belgrad stattfand. Das heißt, stattfinden sollte. Rund einhundert Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender (LGBT) gingen in Belgrad für ihre Rechte auf die Straße. Sie wurden mit massiver Gewalt von rund 1.000 Hooligans konfrontiert, ohne dass die Polizei die Angegriffenen schützte. Erst als die – schlecht ausgerüstete und vollkommen überforderte - Polizei selbst angegriffen wurde, versuchten Spezialeinheiten, die Ausschreitungen - teils mit Waffengewalt - unter Kontrolle zu bekommen.

Das Ergebnis waren an die 50 verletzte Personen, darunter mehrere Polizisten. Die Parade endete, bevor sie richtig begonnen hatte. Die Situation hat sich in den letzten zwei Jahren in Serbien nicht bedeutend geändert, die gesellschaftliche und politische Lage ist zur Zeit als eher desolat zu bezeichnen. Die Hooligans, damals wie heute, rekrutieren sich hauptsächlich aus den Fanklubs der großen Fußballvereine Belgrads - Roter Stern und Partizan.

Ein Killer für den schwulen Sohn Einem schwulen Jugendlichen wurde an einer Schule der Unterricht verweigert, dessen Mutter einen Killer beauftragte, ihren schwulen Sohn samt Freund zu töten. Der Mutter ging es um die Wiederherstellung der 'Familienehre'.

In der Knez Mihailova, der Prachteinkaufsstraße Belgrads, wurde ein Schwuler – auf offener Straße, bei Tageslicht und vor mehreren PassantInnen – mit einem Skateboard angegriffen und schwer verletzt. Weder wurde der Täter von PassantInnen festgehalten, noch wurde dem am Boden Liegenden die nötige Erste Hilfe zuteil. Er leidet heute noch an seinen schweren Kopfverletzungen.

In den Medien werden solche Ereignisse entweder gar nicht oder als "Negativ-Promotion" für die LGBT-Szene erwähnt. So wurde zum Beispiel ein Journalist, der für einen Artikel über die "Szene" recherchierte, selbst zum Opfer und in einem Park in der Nähe seiner Wohnung krankenhausreif geschlagen. Zwei Schauspielerinnen probten während Filmdreharbeiten etwas abseits vom Set eine Kuss-Szene. Und wurden prompt durch zwei Passanten tätlich angegriffen und mussten von Kollegen beschützt werden.

Relativ unbehelligt bleiben die monatlichen Parties, bei denen sich LGBTs ebenso wie Gay-Friendly-People treffen und die unter Bezeichnungen wie First Fi(r)sting Party oder Two as One stattfinden. Doch auch die ständig anwesende Security – bestehend aus bezahlten und nicht selten bewaffneten (Ex-)Polizisten und/oder (Ex-)Soldaten muss nach eigenen Aussagen "ständig mit einem Angriff rechnen". Schließlich kann eine von bis zu 300 Leuten besuchte Party nicht ganz geheim bleiben. 

Menschenrechtliches Verständnis und Bewusstsein in der Bevölkerung bezüglich LGBT ist recht selten anzufinden. Traumatisierung nach zwei Kriegen und die mehr als schlechte Wirtschaftslage – hervorgerufen durch Kriegsschäden und Sanktionen – und die daraus resultierende Armut und hohe Arbeitslosigkeit (inoffizielle Quellen sprechen von bis zu 30 Prozent) sowie homophobe Äußerungen von nationalistischen und/oder religiösen Gruppen in den Medien schaffen auch nicht gerade ein gesellschaftliches Klima der Toleranz und Offenheit, sondern heben das Aggressionspotential gegen alles "Andere" erheblich. Die nach dem Fall des Milosevic-Regimes wieder erstarkte orthodoxe Kirche hat in vielen Parteien – vor allem den radikalnationalistischen – erheblichen Einfluss gewonnen.

Auch die jüngsten Unruhen in Belgrad, die als Antwort auf die albanischen Übergriffe auf die serbische Minderheit im Kosovo zu werten sind, könnten – bezogen auf Teile der Politik, der Polizei und der Kirche - als "zumindest geduldet" bezeichnet werden.

"Unser Land ist einfach noch nicht soweit."

Als Reaktion auf eben diese Unruhen und auf das zur Zeit herrschende gesellschaftliche Klima haben sich die OrganisatorInnen der Belgrade-Pride 2004 zur Absage entschlossen.

Erstens wäre es zu einem massiven BesucherInnen- Schwund gekommen. Vor allem auch befreundete Organisationen im europäischen Ausland können ihren Mitgliedern nicht ruhigen Gewissens empfehlen, zur Pride nach Belgrad zu reisen und Solidarität zu zeigen. "Die erschlagen uns", meint eine der Organisatorinnen, die von Anfang an kein Vertrauen in eine gelungene Neuauflage der Belgrade-Pride hatte. "Unser Land ist einfach noch nicht soweit."

Zweitens wären – auf Grund mangelnder Kooperations-Bereitschaft der Polizei – für den Schutz der Veranstaltung bis zu 500(!) Security-Leute notwendig. Die Mittel dafür – mehr als 20.000 EUR – können nicht aufgetrieben werden. Auch entspräche eine derart massiv bewachte Veranstaltung nicht dem Charakter einer Pride.

Und Drittens zeigt sich auch nach endlich erfolgter Regierungsbildung niemand dafür zuständig, demokratische Rechte (wie das der freien Meinungsäußerung im Falle Belgrade Pride) zu verteidigen. Von einem Anti-Diskriminierungsgesetz ganz zu schweigen. Das gibt es nur für Diskriminierung auf Grund der Herkunft (betrifft vor allem Roma), und leider nur auf dem Papier. Auch gibt es keine spezielle Rechtsvertretung LGBT betreffend. TäterInnen kommen meist ohne Strafe davon.

Das Motto der geplanten Pride Ima mesta za sve nas ("Es gibt einen Platz für uns alle") bleibt dieses Jahr leider ein Wunschtraum. Mittlerweile wird an Ideen für Informationsveranstaltungen in anderer Form gearbeitet. In geschlossenen, leicht zu schützenden Räumlichkeiten.

Christian Müller (Arbeitet als Webmaster bei ai Österreich in Wien und als Fotojournalist in Wien und Belgrad)