Belgrade Pride 2010, © Amnesty International
Belgrade Pride 2010, © Amnesty International

Erfolgreicher Belgrade Pride

Trotz massiver Gewalt von GegendemonstrantInnen konnte die Schwulen- und Lesbenparade in Belgrad dieses Jahr durchgeführt werden. Amnesty International war mit einer Delegation dabei und beurteilt den «Pride» als ein Zeichen der Hoffnung.

Der „Belgrade Pride 2010“ begann am 10. Oktober 2010 bei schönstem Wetter mit einem Aufruf zur Toleranz. Die Gewalt rund um den Anlass bewies allerdings, dass die Toleranz gegenüber Schwulen und Lesben in Serbien erst noch erkämpft werden muss.

Diese erste Demonstration seit fast zehn Jahren im Zentrum von Belgrad richtete sich vor allem gegen die Diskriminierung. Noch am Tag davor hatten nationalistische Organisationen und serbisch-orthodoxe Kirchenführer die Regierung in Demonstrationen aufgefordert, den Pride zu verbieten. Doch nach einem mühseligen Hindernislauf durch zahllose Polizeisperren und Kontrollen versammelten sich schließlich mehr als 1000 Menschen in einem zentral gelegenen Park und zogen anschließend, geschützt von einem massiven Polizeiaufgebot, durch die Strassen Belgrads. Unter ihnen waren LGBT-Engagierte aus den Nachbarländern, AktivistInnen von Amnesty International und solche aus anderen internationalen Organisationen, außerdem EU-BotschafterInnen, serbische PolitikerInnen und VertreterInnen der serbischen Zivilgesellschaft.

Beginn des Dialogs

Boban Stojanovic, Mitorganisator der Veranstaltung, zeigte sich in seiner Ansprache sehr zufrieden mit der großen Beteiligung und der Unterstützung, die die Parade vom Staat und von der Bevölkerung erhielt. Zurückhaltender war er, was die Beseitigung der Diskriminierung von LGBT-Menschen angeht: «Es wird immer gewisse Kreise in der Gesellschaft geben, die uns niemals akzeptieren wollen. Aber dies ist der Beginn des Dialogs.»
 Enthusiastisch äußerten sich junge AktivistInnen aus Bulgarien: «Die Parade ist großartig. So viele Leute sind gekommen! Und vor allem haben Mitglieder der Regierung ihre Unterstützung für die Veranstaltung zum Ausdruck gebracht und sind heute hier bei uns. Das ist weit mehr, als man über die bulgarischen Behörden sagen kann.»

Unter Polizeischutz

Linda Freimane von der lettischen LGBT-Organisation Mozaika zog Parallelen zu den Erfahrungen im Baltikum: „Am Anfang war es das Gleiche in den baltischen Ländern - zu viel Gewalt und zu viele PolizistInnen, um uns zu schützen. Allmählich begannen sowohl die Polizei wie auch die Gesellschaft im Allgemeinen sowohl uns wie auch unsere Forderungen zu akzeptieren. Ich bin sicher, in Serbien wird es sich ähnlich entwickeln.“

Zur gleichen Zeit warfen ExtremistInnen Steine und Sprengstoff gegen die Polizei und verletzten Dutzende von PolizistInnen. Gebäude und Fahrzeuge wurden in Brand gesetzt, das Zentrum von Belgrad wurde zur No-Go-Zone.

Historischer Moment

„Die Behörden ernten die Ergebnisse ihrer Politik“, kommentierte eine serbische LGBT-Aktivistin und erinnerte damit an bis heute fehlende Unterstützung der LGBT-Gemeinschaft.

Dennoch dürfe die Bedeutung des Pride 2010 nicht unterschätzt werden, hielt David Diaz-Jogeix von Amnesty International fest: „Heute war ein historischer Moment für Serbien - es war das erste Mal innerhalb eines Jahrzehnts, dass sich die LGBT-Gemeinschaft und ihre UnterstützerInnen frei versammeln und ihre Vielfalt feiern konnten - und dies unter vollem und aktivem Polizeischutz. Wir hoffen, dass dies in Zukunft die Messlatte für Dialog und Toleranz in Serbien sein wird.“
 
 Tobias Simon Mäder