Belgrad aktuell - Ein Bericht zur Lage in Serbien

An diesem Tag fand der erste CSD in Belgrad statt, organisiert von Labris (Lesbische Menschenrechtsorganisation) und Gayten-LGBT, ihren FreundInnen sowie weiteren schwul-lesbischen Gruppen.

Was unter dem Motto 'Es gibt Platz für uns alle' auf dem zentralen Platz von Belgrad als ein Fest für die Vielfalt geplant war, endete als gewaltsames Fiasko, denn etwa eintausend Angehörige pro-faschistischer, religiöser oder nationalistischer Gruppen attackierten die Demonstrierenden sowie VertreterInnen von Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs), und auch Personen, die zufällig vor Ort waren, wurden in Mitleidenschaft gezogen. Insgesamt wurden 40 Personen verletzt und die CSD-Parade endete abrupt. Die Mehrheit der jugoslawischen Medien verurteilte diese Ausschreitungen als die drastischsten Angriffe auf die Menschenrechte im Jahr 2001.

Für LGBT-Organisationen und die lesbischwule Bewegung in der Bundesrepublik Jugoslawien war das Jahr 2001 sehr bedeutsam. Während des totalitären Regimes von Slobodan Milosevic hatte die Zivilgesellschaft unter starkem Druck gestanden, alle NGOs waren als pro-westlich, anti-serbisch und anti-patriotisch angesehen und des Verrats bezichtigt worden. Lesbischen und schwulen Gruppen war es untersagt, sich als Vereine zu konstituieren. Homophobie und Hasstiraden waren in den regimetreuen Medien ständig präsent.

Allerdings hat sich durch die jüngsten politischen Veränderungen der Raum für die Achtung der Menschenrechte auch für LGBTs nicht wesentlich vergrößert: Auch in diesem Jahr haben nationalistische und religiöse Gruppen sowie Einzelpersonen medienöffentlich mit homophoben Äußerungen agiert und gegen Lesben und Schwule als Individuen Drohungen ausgesprochen. Darüber hinaus hat es körperliche Übergriffe gegen LGBTs gegeben. Dazu, dass hier grundlegende Menschenrechte verachtet worden sind, hat es weder von politischen Parteien noch von den Regierungen der Bundesrepublik Jugoslawien oder Serbiens offizielle Stellungnahmen gegeben. 

Eigene LGBT-Kampagne ab November 2002

Angesichts der aktuellen politischen und sozialen Lage in der Bundesrepublik Jugoslawien vertritt Labris die Auffassung, dass der beste Weg ist, die Kooperation unter gleichgesinnten Gruppen regional zu intensivieren und so neue Kraft zu schöpfen. Wir werden Projekte zur Bildung von Frauengruppen und eine schwul-lesbische Medienkampagne ins Leben rufen, deren Ziel es ist, unser Selbstverständnis als LGBTs zu stärken, Menschenrechtsarbeit zu leisten und zu dokumentieren, wie und wo Gewalt und Diskriminierung gegen LGBTs stattfindet, sowie die Gründung neuer Gruppen zu fördern, die zu LGBT-Rechten arbeiten. Diese Kampagne starten wir im November 2002. 

Unterstützung jeder Art willkommen 

Im Rahmen der allgemein positiven Haltung gegenüber den europäischen demokratischen Werten und Institutionen muss unsere Gesellschaft ihre Position neu definieren, wenn es um LGBT-Rechte und sexuelle Identitäten geht. Wir sehen uns einer riesigen und schwierigen Aufgabe gegenüber, bei der es darum geht, in einem Klima, das in großem Ausmaß von Homophobie und Vorurteil geprägt ist, für die Artikulation von positiven Ansprüchen zu arbeiten und im Sinne der Stabilisierung unseres Bewusstseins als Schwule und Lesben zu handeln. Wir wollen erreichen, dass unsere Identitäten sich im sozialen Raum leichter zum Ausdruck bringen können, ohne die Diskriminierung oder körperliche Gewalt befürchten zu müssen, die wir leider alle erlebt haben; und jede Art von Unterstützung ist für uns von großer Bedeutung.

Vedrana V. für Labris - Lesbische Menschenrechtsgruppe in Belgrad

(aus dem Englischen übersetzt und redaktionell bearbeitet von Claudia Koltzenburg. Den Artikel in voller Länge erhalten Sie auf Anfrage bei: lgbt2918[at]amnesty.de)