Nepal, Metis und die Blue Diamond Society

Die nepalesische NGO Blue Diamond Society bietet Aufklärungs- und Gesundheitsprogramme sowie Hilfestellung bei HIV/Aids für Angehörige sexueller Minderheiten an und setzt sich für deren Rechte ein.

Sexuelle Minderheiten werden in Nepal häufig diskriminiert und eingeschüchtert. Die nepalesische NGO Blue Diamond Society bietet Aufklärungs- und Gesundheitsprogramme sowie Hilfestellung bei HIV/Aids für Angehörige sexueller Minderheiten an und setzt sich für deren Rechte ein.

In den letzten Jahren ist die Arbeit der Blue Diamond Society stark behindert worden, gewaltsame Angriffe auf Mitglieder und MitarbeiterInnen der NSO haben zugenommen. Die Behörden weigern sich offenbar, diese Übergriffe zu untersuchen. Berichten zufolge werden Angehörige sexueller Minderheiten von der Polizei häufig abgewiesen, wenn sie versuchen, Anzeige zu erstatten.

Das immer wiederkehrende brutale Vorgehen der nepalesischen Polizei gegen Metis  eskalierte im August 2004, als in Kathmandu 39 Metis1 verhaftet wurden. Alle Verhafteten waren Mitglieder der Blue Diamond Society. Der Organisation drohte ein Verbot ihrer Aktivitäten durch den Obersten Gerichtshof, nachdem eine Privatperson zuvor am 18. Juni 2004 Klage gegen die Blue Diamond Society eingereicht hatte, da diese den Versuch unternehme, „homosexuelle Handlungen zu legalisieren“. Das nepalesische bürgerliche Recht verbietet „unnatürliche sexuelle Handlungen“, definiert jedoch nicht klar, was darunter zu verstehen ist.

Polizisten der Hauptstadt Kathmandu sollen Berichten zufolge vier Metis, Jaya Bahadur Lama, Ramesh Lama, Binod und Madan, in den frühen Morgenstunden des 25. Juli 2004 vergewaltigt haben. Nach einem Zwischenfall auf einer Straße bei Jamal hielten Polizisten die vier Metis an und zwangen sie in einen Polizeitransporter. Dort schlugen sie sie und nahmen ihnen ihr Geld ab. Sie fuhren zunächst durch die Stadt, dann hielt der Transporter, woraufhin ein Polizist Jaya Bahadur Lama auf die Straße gedrängt, ihn geschlagen und sexuell missbraucht haben soll. Die Transvestiten wurden daraufhin zur Polizeiwache Gausala gebracht, wo Ramesh Lama in den Hinterhof geführt und ebenfalls misshandelt wurde. Zwar konnten Jaya Bahadur Lama und Ramesh Lama der Polizei entkommen, doch Binod und Madan mussten in dem Transporter bleiben und wurden ca. drei Stunden lang von etwa zwölf Polizisten geschlagen und vergewaltigt. Die Blue Diamond Society brachte diese Vorfälle bei der Polizeibehörde zur Anzeige. Amnesty international vermutete, dass die daraufhin im August 2004 erfolgten Festnahmen eine Vergeltungsaktion für diese Anzeige waren.

Amnesty reagierte auf diese Vorkommnisse mit einer Eilaktion, woraufhin sich die Haftbedingungen verbesserten und die Metis nach wenigen Tagen wieder aus der Haft entlassen wurden.2 

Interview mit Salina Tamang (s. Foto), National Program Officer der Blue Diamond Society geführt von Rupert Haag in Hauptniederlassung der Blue Diamond Society in Kathmandu, Nepal, am 31. Juli 2006.

Rupert Haag (H.): „Frau Tamang, können Sie uns bitte die Geschichte, Aufgaben und Zielsetzung der Blue Diamond Society (BDS) erläutern?“

Salina Tamang (T.): „Die Blue Diamond Society wurde von Sunil Pant im Jahr 2001 gegründet, damals noch mit einem Fokus auf HIV-Prävention. Gleichzeitig war aber immer auch unsere Vision, MSM („men who have sex with men“) und darüber hinaus die ganze LGBT-Community zu unterstützen und für sie eine Umwelt ohne Diskriminierung und Stigmatisierung zu schaffen. Vor kurzem dehnten wir unser Programm weiter aus und konnten Büros in weiteren sieben Städten Nepals etablieren. Ich arbeite nun bei der BDS seit zweieinhalb Jahren, und als Programmdirektorin entwerfe und koordiniere ich die nationale HIV-Prävention für MSM und male sex workers, möchte aber darüber hinaus auch den Menschenrechtsschutz von sexuellen Minderheiten in Nepal weiter vorantreiben.“

H.: „Welche Menschenrechtsarbeit leistet die BDS im Augenblick hinsichtlich des Schutzes von sexuellen Minderheiten ?“

T.: „Wir betreiben momentan verstärkt Lobbyarbeit, um den Schutz von sexuellen Minderheiten in der neuen nepalesischen Verfassung zu verankern. Wir versuchen sowohl auf nationaler wie internationaler Ebene bei zahlreichen öffentlichen Versammlungen und in Gremienarbeit unsere Anliegen darzustellen und hoffen darauf, dass unsere Stimme gehört werden wird.“

H.: „Wie genau verläuft diese Lobbyarbeit, bestimmt muss man hier andere Wege beschreiten als im Westen?“

T.: „In einem Land wie Nepal muss man natürlich bestimmte Beziehungen ausnutzen, es ist von großem Nutzen, wenn man schon gute Kontakte zu Politikern hat. Das Problem ist jedoch, dass, wenn man einmal einen guten Draht zu einem wichtigen Politiker aufgebaut hat, dieser im nächsten Moment schon wieder von seiner Position verdrängt sein kann, da die politische Lage hier in Nepal sehr instabil ist. Wir haben mittlerweile jedoch einen recht guten Rückhalt in den hiesigen Bezirksbehörden, die uns unterstützen, wenn unsere Mitarbeiter schikaniert oder Demonstranten belästigt und drangsaliert worden sind. Trotzdem gibt es bei den Demonstrationen natürlich immer noch Behinderung und Schikanen durch die Polizei.“

H.: „Kann in solchen Situationen die Unterstützung durch internationale Organisationen wie beispielsweise amnesty international von Nutzen sein?“

T.: „Ich bin davon überzeugt, dass internationale Solidarität tatsächlich wirkt. Wir haben in der Vergangenheit große Unterstützung durch ai erfahren, die Postkartenaktion beispielsweise war wirklich großartig und gab unserer gedrückten Stimmung wieder großen Aufschwung. Ein weiterer Punkt ist, dass internationale Geldgeber und Spendenorganisationen, die oft viel Geld in Nepal investieren, Druck auf die nepalesische Regierung ausüben sollten, dies kann auch die Rechte von sexuellen Minderheiten weiter vorantreiben.“

H.: „Bezüglich des Einflusses von westlicher Kultur und Medien sprechen ja viele Konservative in Schwellenländern davon, dass Homosexualität und Transgenderbewegung nur ein ‚Import’ aus dem Westen sei und keine Tradition in den lokalen Gesellschaften habe. Gibt es solche Tendenzen auch in Nepal?“

T.: „Ja, auf jeden Fall. Bevor es die BDS gab, passierte alles im Untergrund und im Verborgenen, niemand wagte es, sich zu outen, da es keinen öffentlichen Support gab und man nirgendwo um Hilfe ersuchen konnte. Jetzt haben wir mit der BDS eine Plattform der öffentlichen Diskussion von Rechten sexueller Minderheiten, sie bietet verschiedenste Serviceangebote im HIV-/Aids-Bereich. Die Betroffenen fühlen sich selbstbewusster und sicherer, trotzdem gibt es natürlich immer noch viele Angehörige sexueller Minderheiten, die aus Angst vor Stigmatisierung und Diskriminierung nicht den Schritt zu uns wagen. In diesem Zusammenhang taucht oft das Argument auf, dass durch all die neuen Fernsehkanäle und die anderen Medien wie das Internet das Konzept der Homosexualität einfach aus dem Westen kopiert würde. Wir wissen aber de facto, dass es in Nepal seit Jahrhunderten eine Kultur von sexuellen Minderheiten gibt, die auch in uralten Epen und historischen Quellen dokumentiert ist. Deswegen antworten wir solchen Vorwürfen mit einem unserer Lieblingssprüche: ‚Warum sollten wir einen Lebensstil kopieren, wenn dieser zu Diskriminierung und Stigmatisierung führt?’ Dann verstummen die Leute immer ganz schnell!“

H.: „Wenn man also die historisch gewachsene Kultur der sexuellen Minderheiten in Nepal betrachtet, wie unterscheidet sich diese vom westlichen Verständnis von Homosexualität und Transgender?“

T.: „Metis könnte man ganz knapp als (beim Sexualakt passive) Transgender bezeichnen, und Ta sind ihre (aktiven) ‚heterosexuell’ wirkenden Sexpartner. Ta bezeichnen sich auch selbst nicht als schwul, sie werden als Partner der Metis gesehen, die ja oft in einer weiblichen Identität leben oder leben wollen.3  Dann haben wir noch die Dohori, die sowohl Meti als auch Ta sein können, d.h. sie wechseln zwischen aktivem und passivem Part beim Sex. Bei den Lesben gibt es wiederum die eher dominanten, sie heißen Valei, und die eher femininen heißen hier Pothi. Wenn ich unsere Büros in den anderen Städten Nepals besuche, stelle ich fest, dass es dort immer wieder andere Bezeichnungen für diese Typen gibt, die Struktur ist aber dieselbe.“

H.: „Wenn man nun diese verschiedenen Typen von sexuellen Minderheiten betrachtet, wie unterscheidet sich ihr Lebensstil vom Mainstream, und gibt es auch Gemeinsamkeiten untereinander?“

T.: „Von den Metis arbeiten einige als Sexarbeiter, hauptsächlich in den Parks. Deswegen setzen wir dort auch verstärkt unsere Streetworker zur HIV-Aufklärung ein. Es gibt auch viele Metis, die von ihren Eltern verstoßen und aus dem Haus geworfen wurden, nachdem sie von deren Identität erfahren hatten. Andere wurden deswegen aus ihrer Schule oder Universität geworfen, oder wenn sie dort bleiben konnten, werden sie von Lehrkörper und Mitstudenten diskriminiert. Natürlich ist die Situation für Metis am schwierigsten, da sie so feminin wirken, sie können ihre Identität oft nur schwer verstecken, ganz im Gegensatz zu den Tas, denen man ja ihre sexuelle Orientierung nicht ansieht. Die Situation hängt auch davon ab, ob die Metis im Alltag weibliche Kleidung tragen oder nur auf Partys und im Nachtleben, was aufgrund der Diskriminierung viele mittlerweile bevorzugen. Früher gab es noch ein paar Meti-freundliche Nightclubs, doch entweder haben dort die Metis keinen Zutritt mehr oder Clubs wurden deswegen sogar geschlossen. Jetzt hängen die meisten Metis auf der Straße herum. Die Tas kommen aus ganz unterschiedlichen Gesellschaftsschichten, viele sind beim Militär, bei der Polizei, Nachttaxifahrer, Rikschafahrer. Und schließlich gibt es auch noch einige Hijras, aber nicht in Kathmandu, sondern hauptsächlich im Gebiet nahe der Grenze zu Indien, viele kommen auch von dort. Sie ähneln zwar äußerlich den Metis, sind aber oft kastriert und leben auch anders. Sie wohnen meist in Gruppen zusammen, tragen ständig Frauenkleidung und treten bei Hochzeiten und Feiern von neugeborenen Söhnen auf, tanzen dort und geben ihren Segen.“

H.: „Ist es für die Metis möglich, hier in Nepal eine Geschlechtsanpassung zu erhalten?“

T.: „Die gesetzlichen Rahmenbedingungen in Nepal machen es fast unmöglich. Manche nepalesischen Metis versuchen, die Operation in Indien durchführen zu lassen, doch dann verlangen sie dort Dokumente von den nepalesischen Regierungsbehörden. Die hiesigen Behörden stellen aber solche Papiere nicht aus und so ist für die Metis eine Geschlechtsanpassung auf legalem Wege nicht möglich. Viele lassen sich dann einfach illegal in Indien operieren, einige Ärzte dort machen das. Außerdem ist die Situation für die nepalesischen Metis sehr schwierig, da viele von ihnen noch bei ihren Eltern leben, das ist hier so der Brauch. Die Eltern haben aber meist keine Ahnung von der Identität ihrer Kinder, und eine Geschlechtsanpassung ist so undenkbar.

H.: „Ist es überhaupt möglich, dass Metis, Tas oder Lesben und Schwule bei ihren Eltern leben und dort geoutet sind?“

T.: „Ich kenne nur eine Hand voll Metis, die zuhause als solche akzeptiert sind. Und selbst wenn die Eltern über ihre Identität Bescheid wissen, wissen sie oft nicht, dass die Metis Sex mit anderen Männern haben. Viele Eltern, die von ihren Kindern erfahren, dass diese Meti oder Ta sind, fordern, dass ihr Sohn eine Frau heiratet, da sie deren sexuelle Identität oder Orientierung nur für eine vorübergehende psychische Krankheit halten, die durch eine Heirat behoben werden kann. Ich kenne jedoch einige Lesben, die von ihrem Elternhaus sehr unterstützt wurden. Sie leben sogar mit ihren Partnerinnen zusammen und haben sie (inoffiziell) ‚geheiratet’. Es gibt auch ein paar Metis, die so ihre Tas ‚geheiratet’ haben, aber viele haben sich auch wieder getrennt, denn viele Tas heiraten später wegen des Drucks von  Familie und Gesellschaft dann doch noch eine heterosexuelle Frau. Fast alle ‚verheirateten’ Metis und Tas leben getrennt in verschiedenen Wohnungen, oft in heterosexuellen Beziehungen, und es gab Fälle, wo heterosexuelle Ehefrauen Suizid begingen, nachdem sie die Identität ihrer ‚Ehemänner’ herausgefunden hatten.“

H.: „Outen sich manche Angehörige der sexuellen Minderheiten an ihrer Arbeitsstätte oder im Freundeskreis?“

T.: „Es gibt schon einige Heterosexuelle in Nepal, die nicht homophob sind und sexuelle Minderheiten unterstützen. Viele trauen sich aber dennoch nicht, diese Haltung in der Öffentlichkeit zu vertreten, aus Furcht, gleich selbst für schwul, lesbisch oder Meti gehalten zu werden. Unser Unterstützerkreis steigt aber immerhin langsam und kontinuierlich. Wir sind vernetzt mit verschiedenen anderen Organisationen, unser eigenes Netzwerk hat mittlerweile Niederlassungen in mehr als 20 Städten Nepals. Dennoch hat die große Mehrzahl der Bevölkerung immer noch beim Stichwort sexuelle Minderheit das Klischee von einem Kerl im Fummel vor Augen, aber das ist natürlich nur ein ganz kleiner Ausschnitt der komplexen Geschichte sexueller Minderheiten in Nepal. Also versuchen wir, die Gesellschaft weiter für die Problematik zu sensibilisieren, ein Bewusstsein dafür zu schaffen. Im Nationalen Strategieplan zur Bekämpfung von HIV/Aids wurden MSM und MSW nun offiziell als Hauptrisikogruppen verzeichnet, was als ein gewisser Support von Seiten der Regierung verstanden werden kann. Außerdem erfahren wir jetzt große Unterstützung durch das Büro des Hochkommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte in Nepal und ai. Als vor kurzem 22 MSM verhaftet wurden, wandten wir uns an die Nationale Menschenrechtskommission hier in Nepal. Als wir uns in früheren Fällen an sie gewandt hatten, hatten sie uns einfach nur davon gejagt. Als wir dieses Mal dort mit einer Gruppe der BDS eine Demonstration veranstalteten, baten sie mich, Sunil und zwei Metis zu einem Gespräch herein. Sie versprachen, uns zu unterstützen. Daraus entwickelte sich ein ständiger Kontakt, wir laden sie zu verschiedenen Aktivitäten ein, und ein Ansprechpartner, der dort für bestimmte Minderheiten zuständig ist, steht in regelmäßigem Austausch mit mir. Das ist sehr erfreulich!“

H.: „Ist die Einstellung gegenüber sexuellen Minderheiten unterschiedlich in den verschiedenen Schichten der nepalesischen Bevölkerung?“

T.: “Ja, wir betreiben unsere Öffentlichkeitsarbeit unterschiedlich, je nachdem, welche gesellschaftliche Gruppierung wir damit ansprechen wollen. Wir wissen, dass es z.B. sehr viele Lesben und Schwule in der Oberschicht gibt, die sich aus Furcht vor Verlust des Arbeitsplatzes und der Reaktion der konservativen Gesellschaft vor einem Coming Out scheuen. Diese Leute erreichen wir am besten über die Medien. Ähnlich sieht es mit der Mittelklasse aus. Schwieriger ist es mit den Angehörigen der  Unterschicht, sie sind wenig oder gar nicht gebildet, sie haben recht einfache Lebensmodelle wie ‚Ein Mann muss eine Frau heiraten!’, gleichgeschlechtliche Liebe ist für sie unvorstellbar. Unser Land ist sehr religiös und traditionell geprägt. Eine Änderung dieser Einstellungen ist sehr schwierig und nur langsam möglich – ein langer Weg steht uns noch bevor.“

H.: „Gibt es unterschiedliche Einstellungen gegenüber sexuellen Minderheiten bei den verschiedenen Religionsgemeinschaften Nepals?“

T.: „Auf jeden Fall. Ich denke, dass die Buddhisten toleranter sind. Bei uns gibt es einige muslimische Metis, für sie ist es sehr schwierig in ihrer Gemeinde. Diese Gruppierung konnten wir noch nicht erfolgreich in unsere Arbeit einbeziehen. Die sehr frommen Hindus haben viele Vorurteile gegenüber sexuellen Minderheiten, ich sprach mit einem Vertreter der Hindu Association darüber, der meinte, dass dieses Konzept aus dem Westen komme und wir es nur nachahmen wollten. Die heranwachsende Generation ist jedoch allgemein weniger traditionell orientiert.“

H.: „Wie genau sieht Ihre Netzwerkarbeit aus, auch in finanzieller Hinsicht?“

T.: „Ganz am Anfang der BDS war es sehr schwierig, irgend eine finanzielle Unterstützung zu erlangen. Das erste Problem war unsere offizielle Zulassung. Die ursprüngliche Zulassung erhielten wir als ‚Projekt für Sexuelle Gesundheit bei Männern’. Seit der Zeit wächst unser Netzwerk kontinuierlich, wir arbeiten z.B. mit dem United Nations Development Program, und Family Health International4, die uns auch seit langer Zeit finanziell unterstützten. Sunil hat im Ausland sehr viel Lobbyarbeit betrieben, dadurch ist auch die Zahl unserer internationalen Förderer und Unterstützer gewachsen. Am Anfang waren wir in der BDS sechs Beschäftigte, jetzt sind es ca. 70! Momentan ist unser wichtigster Geldgeber die DFID5 aus Großbritannien. Unser Netzwerk ist auf internationaler Ebene stärker ausgeprägt als auf nationaler Ebene, wo es hauptsächlich um HIV-Prävention geht. Wenn wir also Unterstützung bei Fällen von Verhaftungen oder bei Demonstrationen brauchen, gibt es nur eine Handvoll Leute anderer Organisationen, die uns dabei helfen. Wir brauchen aber noch mehr finanzielle Unterstützung, um unser Netzwerk zur HIV-Prävention in den Provinzen weiter auszubauen. Vor kurzem war ich beispielsweise in Janakpur, wo sie meinten, dass viel mehr Streetworker und Berater in den Dörfern und entlegenen Gebieten gebraucht werden. Leider haben wir bisher noch keine ausreichenden Gelder für Programme zum Schutz der Menschenrechte bekommen. Die HIV-Prävention ist aber erst dann ausreichend, wenn sie immer mit gleichzeitigem Schutz der Menschenrechte von sexuellen Minderheiten verknüpft ist.“

H.: „Mit was für Publikationen gestaltet die BDS ihre Öffentlichkeitsarbeit?“

T.: „Wir haben die Website www.bds.org.np, momentan suchen wir noch jemanden, der sie regelmäßig aktualisiert. Mit finanzieller Unterstützung der Britischen Botschaft begannen wir vor einem Jahr mit der regelmäßigen Veröffentlichung einer Zeitschrift - jetzt erscheint sie alle zwei Monate - die nicht nur sexuelle, sondern auch weitere gefährdete Minderheiten thematisiert, wie Drogenabhängige, weibliche Sexarbeiterinnen. Natürlich enthält sie auch Berichte zu LGBT-Themen, aber darüber hinaus auch zu gesellschaftlich relevanten Themen wie z.B. Politik und Religion. Ursprünglich arbeiteten daran Leute aus der community, aber vor kurzem stellten wir einen professionellen Autor als Chefredakteur dafür ein, der zuvor für ein sehr beliebtes nepalesisches Magazin arbeitete. Die Finanzierung durch die britische Botschaft läuft leider bald aus. Daher versucht er, die Zeitschrift noch populärer zu gestalten, damit sie sich bald selbst durch den Verkauf tragen kann. Als ich vor ein paar Wochen in die Provinz reiste, sah ich an einem kleinen Kiosk in einer ganz entlegenen Gegend unsere Zeitschrift ausliegen – ich war so verblüfft und stolz darauf! Sie wird jetzt an immer mehr Zeitungsgeschäfte und Buchhandlungen im ganzen Land vertrieben, sie wird sich also bald durch den Verkauf tragen können.

Darüber hinaus haben wir natürlich auch eine Reihe von Materialien und Broschüren für die Aufklärungsarbeit unserer Büros und Streetworker, die wir zu Anfang noch alle aus Geldmangel fotokopiert hatten. Glücklicherweise hat uns dann die DFID bei der Erstellung professionelleren Materials finanziell unterstützt. Ganz konkret sind das Broschüren zu HIV, Geschlechtskrankheiten, Pflege und Unterstützung und Gebrauch von Kondomen.“

H.: „Wie gestaltet sich die hiesige LGBT-Szene: gibt es vielleicht irgendwelche Treffpunkte oder beschränkt sich die Szene auf Parks und die Straße?“

T.: „Früher gab es ein paar Nachtclubs, wo man sich treffen konnte, aber das ist jetzt leider nicht mehr möglich. Hier im Haus gibt es eine Cafeteria für die Angestellten. Es gibt ein, zwei LGBT-freundliche Cafes. Es gibt aber keinen explizit queeren Treffpunkt für die Leute. Deswegen trifft man sie doch meist in Parks und auf der Straße, z.B. in Thamel6. Wir planten, irgendwann ein Restaurant als LGBT-Treffpunkt zu eröffnen, aber wir sind leider noch nicht so weit. Also kontaktieren sich die meisten Leute eben über das Internet beim Chatten oder in E-Groups. Oder bei uns hier im Haus.“

H.: „Passierte es wie in anderen Ländern auch schon in Nepal, dass solche Websites von der Regierung gesperrt oder geschlossen wurden?“

T.: „Leider funktioniert der Chatroom auf unserer eigenen Website nicht richtig, da wir im Augenblick nicht die technischen und finanziellen Ressourcen dafür haben. Aber auf den internationalen Websites, die die Leute sonst nutzen, habe ich noch nie von solchen Problemen gehört.“

H.: „Wie schätzen Sie die Bedeutung der internationalen Unterstützung der BDS und der verfolgten Metis bei deren Festnahme im Sommer 2004 ein?“

T.: „Es war wirklich eine sehr große Hilfe und wir sind amnesty international sehr dankbar dafür. Als im August 2004 die 39 Metis verhaftet wurden, startete ai eine Eilaktion und die nepalesische Regierung erhielt viele Briefe. Das war sehr effektiv. Die Metis waren zwar noch einige Tage im Gefängnis gewesen, aber aufgrund der Eilaktion wurden sie dort nicht mehr geschlagen, diskriminiert und misshandelt. Ihre Situation hat sich bedeutend verbessert, wir mussten nur noch das Essen täglich dort hin bringen. Und bei der großartigen Grußkartenaktion merkten wir, dass wir uns immer auf ai verlassen können. Die Leute hatten Tränen in den Augen, als sie so viele Grußkarten von überall auf der Welt kommen sahen. Das war definitiv eine ganz große Unterstützung durch ai.“

H.: „Welcher Art genau war die Misshandlung im Gefängnis gewesen?“

T.: „Ich selbst war auch dort gewesen und sah, dass einige von den Metis geschlagen und beschimpft wurden und obszöne Angebote erhielten. Außerdem wurde ein Journalist von der Polizei dorthin berufen, der die Metis fotografieren sollte. Die Metis veranstalteten einen Höllenlärm und protestierten dagegen, einige drohten mit Selbstmord, denn ihre Familien und Eltern sollten auf keinen Fall über die Medien von ihrer Verhaftung erfahren. Später wurden sie in verschiedene andere Gefängnisse verlegt. Sobald sie frei gelassen wurden, versorgten wir sie mit der nötigen medizinischen Behandlung, einige von ihnen hatten infizierte Wunden.“

H.: „Zum Abschluss die Frage nach dem größten Wunsch für die Zukunft?“

T.: „Alle sollten gleichberechtigt zusammen leben können. Begriffe wie ‚sexuelle Minderheiten‘ oder ‚Risikogruppe’ sollten nicht mehr nötig sein. Keine Diskriminierung mehr, keine Stigmatisierung. Eines Tages hört man von zwei Männern, die heiraten, und man sagt: ‚Na und?’„

H.: „Herzlichen Dank für das Interview und die besten Wünsche für die Zukunft!“

1 In Nepal traditionelle Bezeichnung für nach westlichem Verständnis Transsexuelle, selbst definieren sie sich als „cross-dressing males“, wobei jedoch die überwiegende Mehrzahl auch eine Mann-zu-Frau-Geschlechtsanpassung wünscht.

2 UA 245/04, ai-Index: ASA 31/153/2004 vom 11. August 2004

3  als schwul („gay“) im westlichen Verständnis bezeichnen sich in Nepal nur sehr wenige Männer, diese sind dann auch meist an westlichen Werten und Bildungsstandards orientiert, siehe z:B.: Paul Boyce, Sunil Pant (2004): Rapid Ethnography of Male to Male Sexuality and Sexual Health, Kathmandu.

4  NGO aus den USA, setzt sich u.a. umfangreich im HIV/Aids-Bereich weltweit ein.

5 Department for International Development (DFID), Regierungsprogramm aus Großbritannien, das im Bereich nachhaltige Entwicklungshilfe tätig ist.

6  Touristenbezirk in Kathmandu.

erstellt am: 01.02.2007