Emile Affolter, Pressesprecher der niederländischen Sektion von Amnesty, © Amnesty International
Emile Affolter, Pressesprecher der niederländischen Sektion von Amnesty, © Amnesty International

Montenegro: Das ist nur der Anfang für LGBTI-Rechte

Der Pressesprecher der niederländischen Sektion von Amnesty Emile Affolter lobt den Mut derjenigen, die an Montenegros LGBTI-Parade 2014 teilgenommen haben, nachdem die Veranstaltung im letzten Jahr von schockierender Gewalt geprägt war.

7. November 2014

An einem sonnigen Sonntagmorgen marschierten ca. 160 Personen durch die Straßen der Hauptstadt Montenegros. Dies mag scheinbar nichts Außergewöhnliches sein, doch es wäre schwierig, die Bedeutung dieses besonderen Marsches zu überschätzen. Diese 160 Personen waren Teil der zweiten LGBTI-Parade in Podgorica, welche von einer Kommission von Aktivisten und NGO Queer Montenegro veranstaltet wurde. Sie gingen auf die Straßen, um Gleichberechtigung für sexuelle Minderheiten und Respekt für grundlegende Menschenrechte zu fordern.

Im letzten Jahr war die Montenegro-Parade in Podgorica der Schauplatz für gewaltsame Gegen-Demonstrationen. Mehr als 60 Personen einschließlich der Polizei und Teilnehmer_innen wurden verletzt. Obwohl die Polizei mit voller Gewalt anwesend war, um die Teilnehmer des Marsches zu beschützen, kam es nie wirklich zu einer strafrechtlichen Verfolgung derjenigen, die für diese gewaltsamen Angriffe verantwortlich waren.

Traditionell stolz

An diesem Sonntag gab es im Gegensatz zu letztem Jahr keine Gewalt. Menschen marschierten friedlich und trugen dabei Banner mit Sprüchen wie "Lasst uns alle einander lieben", "Das ist nur der Anfang" und "Traditionell stolz". Sie wurden von 1800 Polizisten geschützt, die ihre Arbeit fachgerecht ausführten. Dies wurde in den Reden der Veranstalter gelobt.

Vor der Veranstaltung war die Atmosphäre angespannt gewesen. Am Vortag der Parade war einem vom LGBT Forum Progress geleiteten Gemeindezentrum, eine lokalen NGO, geraten worden, aufgrund der steigenden Anspannungen für den Tag zu schließen. Seit ihrer Eröffnung im Januar war dieses Zentrum mehr als zwanzig Mal mutwillig beschädigt worden. Diese Angriffe reichen von zerschmetterten Fenstern bis zur gegen Besuche_innen gerichteten Verwendung von Tränengas.

Stevan Milivojevic, der geschäftsführende Direktor der LGBT Forum Progress, ist mehrfach belästigt und angegriffen worden. Stevan zufolge sei die Art und Weise, mit der die Polizei und der Staatsanwalt die Angriffe auf die LGBTI-Gemeinschaft handhaben, sehr problematisch. Sie klassifizieren die Angriffe als "Мissetaten" statt Straftaten und machen keinen Gebrauch von dem bestehenden Gesetz für Hassverbrechen.

Bemerkenswerter Mut

Die Veranstalter berichten, dass sich die Zusammenarbeit mit der Polizei sich im Laufe des letzten Jahres stark verbessert hat. Es ist jedoch noch viel Arbeit zu tun. Ca. 70% von Montenegros Bevölkerung sieht Homosexualität noch als Krankheit an. Anfang der Woche wurde der anstehende Parademarsch vom Bischoff Amfilohije der Serbischen Orthodoxen Kirche als "Parade des Todes und der Selbstzerstörung" bezeichnet. Bedenkt man dies, so ist der Mut derjenigen, die durch die Straßen von Podgorica zogen, noch bemerkenswerter.

Hoffentlich ist diese Parade ein weiterer Schritt zu einem Montenegro, das die LGBTI-Gemeinschaft nicht nur während der Veranstaltung schützt, sondern sie auch das ganze Jahr beschützt und akzeptiert. Diese 160 engagierten Personen, die letzte Woche durch in den Straßen von Podgorica demonstrierten, haben eine eindeutige Nachricht versandt: Das ist nur der Anfang.

Autor: Ben Beaumont