Nationalpalast in Port-au-Prince, Haiti © Amnesty International
Nationalpalast in Port-au-Prince, Haiti © Amnesty International

Urgent Action: Haiti: Angriff auf LGBTI-Büro

MITGLIEDER UND AKTIVISTiNNEN DER LGBTI-ORGANISATION KOURAJ

Das Büro der haitianischen LGBTI-Organisation Kouraj ist von drei bewaffneten Männern überfallen worden. Sie griffen zwei Mitglieder der Organisation für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender und Intersexuellen tätlich an, durchsuchten die Büroräume und eigneten sich vertrauliche persönliche Daten an. Seither erhalten AktivistInnen von Kouraj außerdem homophobe Drohungen per Telefon.

Am 21. November griffen bewaffnete Männer das Büro von Kouraj an. Kouraj ist eine Organisation, die sich für die Förderung der Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgendern und Intersexuellen in Haiti einsetzt und eine öffentliche Diskussion über die Diskriminierung und die Stigmatisierung gleichgeschlechtlicher Paare anstößt. Gegen 13 Uhr erzwangen sich drei mit Macheten und Schusswaffen bewaffnete Männer Zutritt zum Büro der Organisation in Port-au-Prince. Sie taten dort ihre Überzeugung kund, dass das Büro nicht betrieben werden dürfe. Darüberhinaus schlugen und fesselten sie die beiden anwesenden Mitglieder von Kouraj und beschimpften sie mit homophoben Äußerungen. Anschließend durchsuchten die Angreifer das Büro und eigneten sich Büromaterial, darunter zwei Laptops und persönliche Gegenstände, an. Die Mitarbeiter von Kouraj befürchten, dass diese Männer auch Dateien und Unterlagen mitgenommen haben, die Kontaktdaten, wie Adressen, E-Mail-Adressen und Telefonnummern der Mitglieder der Organisation enthalten. Es ist nicht bekannt, wie viele Daten entwendet wurden und daher auch nicht, wie viele Mitglieder der Organisation in Gefahr sein könnten, ebenfalls angegriffen zu werden.

Wenige Tage vor dem Angriff hörten Kouraj-AktivistInnen, wie Personen vor dem Büro sagten, dass dies ein Homosexuellenbüro sei und drohten, das Büro bald anzugreifen. Seit dem Überfall haben AktivistInnen von Kouraj mehrere anonyme Drohanrufe erhalten in denen sie mit homophoben Äußerungen beschimpft werden und weitere Angriffe angedroht werden. Das Büro von Kouraj ist seit dem Angriff geschlossen. Ein Friedensrichter (juge de paix) hat die Büroräume aufgesucht, um einen Bericht über den Vorfall zu verfassen, und Kouraj hat den Vorfall auch der Polizei gemeldet.

Die Demonstrationen gegen gleichgeschlechtliche Beziehungen im Juli und August 2013 und die damit einhergehende Debatte über Homosexualität in Haiti hat die Bekanntheit der Organisation Kouraj und ihres Einsatzes für LGBTI erhöht. Nach diesen Demonstrationen erhielten Kouraj-AktivistInnen auch bereits zahlreiche Drohungen.

SCHREIBEN SIE BITTE

E-MAILS UND LUFTPOSTBRIEFE MIT FOLGENDEN FORDERUNGEN

  • Führen Sie bitte eine unabhängige, umfassende und unparteiische Untersuchung der Durchsuchung des Büros von Kouraj und den tätlichen Angriff auf zwei der Mitglieder, sowie die telefonischen Drohungen gegen AktivistInnen der Organisation durch. Sorgen Sie bitte dafür, dass die Ergebnisse veröffentlicht und die Verantwortlichen vor Gericht gestellt werden.
  • Bitte leiten Sie umgehend die erforderlichen Maßnahmen ein, um die AktivistInnen von Kouraj in Absprache mit Ihnen in vollem Umfang zu schützen. Schützen Sie bitte auch all diejenigen Personen, deren persönliche Daten bei dem Überfall auf das Büro bekannt wurden.
  • Ich möchte Sie daran erinnern, dass MenschenrechtsverteidigerInnen - dazu gehören auch Menschen, die für die Rechte von Schwulen, Lesben, Bisexuellen, Transgender und Intersexuellen eintreten - das Recht haben, ihrer Arbeit ohne unzulässige Einschränkungen oder Furcht vor Vergeltungsmaßnahmen nachzugehen, wie in der UN-Erklärung zum Schutz von MenschenrechtsverteidigerInnen festgelegt.

APPELLE AN

POLIZEIDIREKTOR
Godson Orélus
Directeur Général de la PNH
Police Nationale d'Haiti
Port-au-Prince, HAITI
(Anrede: Monsieur le directeur / Dear Director / Sehr geehrter Herr Polizeidirektor)
E-Mail: godore68[at]hotmail.com

MINISTERIUM FÜR JUSTIZ UND ÖFFENTLICHE SICHERHEIT
Jean Renal Sanon
Ministre de la Justice et de la Sécurité publique
18 avenue Charles Summer, Port-au-Prince, HAITI
(Anrede: Monsieur le Ministre/ Dear Minister/ Sehr geehrter Herr Minister)
E-Mail: secretariat.mjsp[at]yahoo.com

KOPIEN AN
NICHTREGIERUNGSORGANISATION
Kouraj
E-Mail: info[at]kouraj.org
Twitter: @KOURAJayiti

BOTSCHAFT DER REPUBLIK HAITI
Herrn Pierre M. Kerby Lacarriere
Geschäftsträger a.i., Gesandter-Botschaftsrat
Uhlandstraße 14
10623 Berlin
Fax: 030-8862 4279
E-Mail: amb.allemagne[at]diplomatie.ht

Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort eintreffen. Schreiben Sie in gutem Haitianischen Kreolisch, Französisch, Englisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 7. Januar 2014 keine Appelle mehr zu verschicken.

HINTERGRUNDINFORMATIONEN

Kouraj (Haitianisches Kreolisch für "courage" - Mut) wurde 2009 unter dem Namen "Amis-Amis" (Freunde-Freunde) gegründet und im Dezember 2011 in Kouraj umbenannt. Es handelt sich um AktivistInnen, "die sich für die Förderung der Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgendern (LGBT)" (auf haitianischem Kreolisch bekannt als M for Masisi, Madivin, Makomer oder Mix) auf Haiti einsetzen und ein öffentliches Bewusstsein für die Diskriminierung und die Stigmatisierung ihrer Gemeinschaft schaffen wollen.

Im vergangenen Sommer fanden in Port-au-Prince und anderen Teilen des Landes Demonstrationen gegen gleichgeschlechtliche Beziehungen und Ehen in Haiti statt. Sie führten zur Bedrohung von LGBTI-MenschenrechtsverteidigerInnen und zu Angriffen und der Schikanierung von LGBTIs und Menschen, die als LGBTIs wahrgenommen werden. So erhielten beispielsweise Kouraj-AktivistInnen und insbesondere ihr Vorsitzender Drohungen, nachdem religiöse VertreterInnen zu einer ersten Demonstration gegen Homosexualität aufgerufen hatten (siehe UA-186/2013 und weitere Informationen http://www.amnesty.de/urgent-action/ua-186-2013/lgbti-aktivistinnen-gefa...). Sie wurden per Telefon, über Facebook und in ihrem Büro in Port-au-Prince bedroht. Daraufhin beschlossen sie, das Büro zu verlegen. In den neuen Büroräumen sind sie jetzt überfallen worden.

AktivistInnen von Kouraj berichteten Amnesty International, wie sich die Situation von LGBTI-Menschen seit dem Erdbeben am 12. Januar 2010 verschlechtert hat, besonders dadurch, dass viele religiöse Gruppen aus Nordamerika nach Haiti gekommen sind. Viele dieser religiösen Gruppen nennen Homosexualität auf Haiti als einen der Gründe für das Erdbeben und den Ursprung der Probleme des Landes.

PLEASE WRITE IMMEDIATELY

  • Calling for an independent, thorough and impartial investigation into the attack on Kouraj's office and assault of its members, as well as into the telephone threats received, with the results made public and those responsible brought to justice.
  • Urging the authorities to take immediate steps to provide full protection to Kouraj activists in accordance with their wishes and protection to all those whose details may have been leaked and are at risk of attack.
  • Asking the authorities to publicly acknowledge the legitimacy and relevance of human rights defenders, including LGBTI rights defenders, who have the right to carry out their activities without any unfair restrictions or fear of reprisals, as set out in the UN Declaration on Human Rights Defenders.