Mexiko: Machismo und Lesbenpower

Im August dieses Jahres fand in Mexiko die Internationale Ratstagung von amnesty international statt.

Im August dieses Jahres fand in Mexiko die Internationale Ratstagung von amnesty international statt. Über 200 Delegierte aus 66 Ländern, darunter acht TeilnehmerInnen aus Deutschland, trafen sich zum Gedankenaustausch und beschlossen die Richtlinien zum weiteren weltweiten Einsatz für die Menschenrechte.

Irene Khan, die Generalsekretärin von ai, besuchte VertreterInnen der aufständischen LehrerInnen und Indigenen im Bundesstaat Oaxaca, um darauf hinzuweisen, dass auch im Gastgeberland die Menschenrechte verletzt werden.

Die Diskriminierung von LGBT in Mexico hat in den vergangenen Jahren mehrmals international für Aufmerksamkeit gesorgt, so etwa der Fall von Hiram Oliveros und Mario Medina. Die beiden schwulen Männer waren im Jahr 2004 festgenommen worden, Medina wurde kurz darauf im Gefängnis von einem Mitgefangenen ermordet. MERSI hatte sich für eine Aufklärung des Falles eingesetzt.

Die „Grupo 44“ ist die mexikanische LGBT-Gruppe von amnesty international. MERSI sprach mit Mitgliedern der Gruppe über die Situation von Lesben, Schwulen und Transgender in Mexico.

MERSI: Seit wann existiert die Grupo 44 und wie ist sie strukturiert?
Grupo 44: Die Gruppe wurde vor zehn Jahren von fünf Lesben gegründet. Davon ist heute leider nur noch eine in der Gruppe, die allerdings ein „Urgestein“ der mexikanischen LGBT-Bewegung ist und über ein enormes Hintergrundwissen verfügt. Jetzt sind mehr Schwule in unserer Gruppe vertreten. Wir bestehen aus 15 aktiven Mitgliedern, unter ihnen auch zwei Heterofrauen!

Zu welchen Themen arbeitet die Grupo 44?
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Wir arbeiten z.B. schon seit letztem Jahr zu Nicaragua. So demonstrierten wir z.B. vor der nicaraguanischen Botschaft, die uns sogar empfing. Das brachte uns große Anerkennung bei der mexikanischen Sektion ein, die gegenüber LGBT-Themen gegenüber ohnehin sehr aufgeschlossen ist. Zum Stonewall Report (der Gewalt gegen LGBT in den USA dokumentiert, Anm. d. Red.) organisierten wir eine große Pressekonferenz mit MenschenrechtsverteidigerInnen. Des Weiteren führten wir für ai-Mitglieder einen internen Workshop zum Thema Transgender durch. Natürlich beteiligten wir uns auch wieder am großen CSD in Mexiko-Stadt, der dieses Jahr immerhin schon zum 29. Mal stattfand.

Wie ist die Situation von LGBT in Mexiko?
Das kommt ganz auf die Region an. In Mexiko-Stadt gibt es eine ganz normale Szene wie in anderen Metropolen der Welt auch. Aber auch hier gibt es zuweilen Diskriminierung, die auf dem Land jedoch viel ausgeprägter ist. In kleineren Städten leben LGBT immer noch im Untergrund. In Städten mit mehreren Millionen Einwohnern gibt es zwar ein oder zwei offene Gay-Bars, diese sind für viele jedoch zu teuer. Auch Sicherheit ist teuer: Wer genug Geld hat, kann sich private Wachleute leisten, die die Wohnung oder das Haus vor homophoben Angriffen schützen. Das grundlegende Problem an der Diskriminierung ist hier also eher ein ökonomisches: Lesben und Schwule mit hohem Einkommen können sich in einer besser situierten Gegend ansiedeln, wo Respekt und Toleranz weiter verbreitet sind – zumindest nach außen. Wer das Geld hat, kann sich auch Kabelfernsehen leisten, wo ausländische Fernsehsender ein differenzierteres Bild der LGBT-Gemeinde vermitteln. Das durchweg privatisierte mexikanische TV zeigt völlig klischeehafte Bilder von effeminierten Schwulen und unattraktiven Lesben als Witzfiguren. Am härtesten trifft es die Transgender. Sie können kaum einer geregelten Arbeit nachgehen und enden häufig in der Prostitution. Viele Schwule können nur mit einer gewissen Akzeptanz rechnen, wenn sie sich in ein vorgegebenes Rollenklischee einfügen: Obwohl sie eigentlich nicht Transgender sind, leben sie als Transvestiten, um dann Sex mit einem nach außen hetero wirkenden Mann zu haben. Und letzterer bezeichnet sich dann oft noch als „richtigen Heterokerl“ – so funktioniert der mexikanische Machismo!

Gibt es auch Fälle von Gewalt gegenüber LGBT in Mexiko?
! Besonders schwer ist die Situation für Transgender. Sie sind auf dem Straßenstrich oft körperlicher Gewalt ausgesetzt. Aber auch für MenschenrechtsverteidigerInnen ist die Arbeit oft gefährlich, besonders außerhalb von Mexiko-Stadt. Vor zwei Jahren gab es den Fall eines HIV-Aktivisten in Queretaro, der vermutlich wegen seiner Aktivitäten ermordet wurde. Seit über zwei Jahren laufen nun schon die polizeilichen Ermittlungen, aber noch immer gibt es keine offizielle Anklage in dem Fall. Das ist ganz symptomatisch für die Justiz in Mexiko. Ähnlich wie bei den bekannten Frauenmorden in Ciudad Juárez verhindern Korruption, mafiöse Strukturen in der Verwaltung und die Behinderung der Arbeit von AnwältInnen die Aufklärung vieler Fälle.

In Mexiko-Stadt gibt es seit kurzem eine Art eingetragener Partnerschaft. Wie bewährt sich das neue Gesetz in der Praxis?
!  Das war natürlich ein großer Fortschritt für uns. Man muss aber auch bedenken, dass sich dieses Gesetz nicht allein auf Homosexuelle beschränkt. Diese Partnerschaft kann man z.B. auch mit einem Verwandten eingehe, allein der wirtschaftlichen Sicherheit wegen. Trotzdem ist die neue Regelung bei Homopaaren mittlerweile so gut angekommen, dass sogar schon schon viele Paare aus anderen Bundesstaaten hierher gezogen sind, um sich hier verpartnern zu lassen. Wie bei Heteropaaren findet die Zeremonie auch auf dem Standesamt statt. Gleichgeschlechtliche Paare werden beim Erbrecht gleich behandelt; ein Adaptionsrecht ist für sie aber nicht vorgesehen. Im nördlichen Bundesstaat Coahuila gibt es seit kurzem erstaunlicherweise ein Gesetz, das sich im gesetzlichen Rahmen sogar noch weiter der Ehe annähert. Der Norden Mexikos gilt eher als konservativ. Viele vermuten, dass dieses Gesetz nur aus taktischen Gründen vor den Wahlen erlassen wurde, um neue Wählerstimmen aus bestimmten Kreisen zu gewinnen. Das erste Paar, das sich dort nach dem neuen Gesetz verpartnern ließ, kam aus einem anderen Bundesstaat und kehrte nach der Zeremonie wieder in diesen Landesteil zurück, obwohl die Partnerschaft dort nicht anerkannt wird. Sie hatten es nur der Liebe wegen getan.

Wir danken für das Interview und wünschen alles Gute für die zukünftige ai-Arbeit!

Das Interview führte Rupert Haag

erstellt am: 01.12.2007