Cristel auf einem Markt in Tapachula, Mexiko, © Amnesty International / Josefina Salomon
Cristel auf einem Markt in Tapachula, Mexiko, © Amnesty International / Josefina Salomon

Kein Ort zum Flüchten: Trans*frau zwischen El Salvadors Banden und Trumps Amerika gefangen

Amnesty International

15. Januar 2018

von Josefina Salomon, Medienmanagerin für Amerika bei Amnesty International

Als die 25-jährige Cristel* eines Morgens auf dem Boden eines eiskalten 2x2 Meter großen Raumes im April 2017 aufwachte, dachte sie, dass sie den tiefsten Punkt in ihrem Leben erreicht hätte: ihre Kleidung war verschmutzt, sie war hungrig, da ihre tägliche Ernährung lediglich aus drei Burritos bestand, ihre Augen schmerzten wegen Lichtmangels, sie konnte mit niemandem reden, und ihre Zukunft lag im Dunkeln.

Acht Tage zuvor war Cristel in Tijuana von der amerikanischen Einwanderungs- und Zollbehörde verhaftet und ins Otay Mesa Untersuchungsgefängnis in San Diego, Kalifornien in Einzelhaft gebracht worden. Keine Erklärung wurde gegeben. An dem kalten Morgen war sie nahe daran, die extreme Gewalt zu vergessen, die ihr Leben in ihrer Heimat El Salvador bestimmt hatte:

Die ständigen Morddrohungen, die sie nachts nicht schlafen ließen, die hohen Erpressungen, die ihr kein Geld für Essen ließen und die Kugel, die ihren Freund nur einige Monate zuvor getötet hatte. Alles Gründe, warum sie wusste: In El Salvador zu bleiben käme einem Selbstmord gleich.

Sie dachte, sie hätte das Ende erreicht. Dass nach fünf Jahren des Herumirrens keine Optionen für sie übrig waren. Dass es keinen Ort mehr gäbe, wohin sie flüchten könnte. Sie konnte den Gedanken nicht ertragen, dass man sie dazu zwingen würde, nach El Salvador zurückzukehren - zu dem Leben, das sie so fürchtete.

Wir trafen Cristel in einem Zeitraum von anderthalb Jahren ungefähr sechs Mal. Zuerst in ihrer Heimat El Salvador, dann in Mexiko und an unterschiedlichen dazwischenliegenden Orten. Jedes Mal wurde ihre Geschichte verstörender und wir waren fassungslos, wie eine einzige Person so viel Gewalt und Unsicherheit aushalten kann.

Angst, Erschöpfung und Frustration zeigten sich in vielfacher Weise. Da gab es körperliche Veränderungen wie Gewichtsverlust und die sich bei jedem Treffen mit Cristel verstärkenden Augenringe. Die massiven Tränenausbrüche während jedem unserer Gespräche. Und Wochen, in denen unsere Whatsapp-Nachrichten nicht beantwortet wurden und uns in Angst versetzten, ob etwas passiert sei, ob sie sogar getötet worden wäre. Offene und wiederkehrende Fragen kamen bei jedem Treffen auf - "Was wird mit mir passieren?"

Leben in der Hauptstadt der Morde

Es gibt ein eigenartiges Gefühl, das einen überfällt, wenn man durch die Straßen von San Salvador, der Hauptstadt von El Salvador, geht. Obwohl sie eine der höchsten Mordraten hat - 81.2 aus 100 000 Einwohnern im Jahre 2016 laut offizieller Zahlen, weit über dem Weltdurchschnitt - bleibt die Gewalt trotzdem auf irgendeine Art und Weise im Trubel der zentralamerikanischen Großstadt versteckt.

"In der einen Minute ist es ruhig und in der nächsten Minute werden Menschen direkt vor einem getötet. So funktioniert das", erzählte mir ein Taxifahrer einmal.

Jede Wohngegend wird von einer kriminellen Bande kontrolliert, die lokal als "Mara" bekannt ist. Ein Weg, mit dem sie die Bevölkerung kontrollieren, geschieht durch Erpressung - mächtige "Steuern", zu denen Einzelpersonen und Geschäfte gezwungen werden. Eine Zahlung zu versäumen kann den Tod bedeuten.

Wir treffen Cristel zum ersten Mal im März 2016.

Die Fahrt zu ihrem Zuhause, das in einer der brutalsten Gegenden der Stadt liegt, benötigte einiges an Planung. Erst mussten wir einen Fahrer finden, der sich dazu bereit erklärte, uns dorthin zu fahren und einen Fluchtplan im Voraus erstellen.

Wir reisten in Zweierteams - Berichterstatter und Fotograf - die Autofenster stets ganz offen. Lokale Bandenmitglieder wollen sehen, wer genau die Gegend betritt und verlässt, und mögen keine Auswärtigen.

Der Fahrer wartete, mit laufendem Motor, an der Haustür auf uns. Wir hatten nicht mehr als 30 Minuten Zeit.

Cristel hieß uns in ihrem Heim mit einem breiten Lächeln willkommen. Sie war seit Kurzem mit ihrem festen Freund Daniel* in einen kleinen doch behaglichen, bunten Raum vorne in einem alten Haus eingezogen. In einer Ecke waren Cristels Arbeitsutensilien - eine Sammlung an Pinseln, Haarnadeln und Nagellacken. Das Paar war sehr glücklich, obwohl sie im Eingangsbereich und Korridor aller Hausbewohner schliefen.

Und das waren nicht die einzigen harten Umstände.

Obwohl Cristel in einem Schönheitssalon 5 US-Dollar pro Tag verdiente, zwang sie die Mara Bande, 35 US-Dollar pro Woche zu zahlen.

"Wie soll ich denn so viel Geld bezahlen?", fragte sie. "Ich habe gesehen, wie einige Menschen getötet wurden, weil sie die Erpressungsgelder nicht zahlten. Wir können das nicht einmal der Polizei melden, weil sie mit den Banden zusammen arbeiten. Es ist eine Qual, in El Salvador zu leben."

Doch das Leben war nicht immer eine Tortur.

Cristel wuchs in San Salvador als glückliches Kind auf. Sie wusste schon immer, dass sie eine Frau ist. Nach der High School entschied sie sich nicht nur, die Kleidung zu tragen, in der sie sich wohl fühlte. Sie ließ sich die Haare wachsen, nahm Hormone, schminkte sich und änderte ihren Namen. Ihre Familie war dabei stets unterstützend.

Doch als Trans*frau in El Salvador zu leben ist nicht einfach. Die Banden sind sehr frauenfeindliche Verbände und es ist für sie eine" Ehrensache", eine Trans*frau anzugreifen.

Die zivilgesellschaftliche Organisation COMCAVIS TRANS registrierte 28 schwerwiegende Angriffe, zumeist Morde, in El Salvador gegen Trans*personen zwischen Januar und September 2017.

Als ein lokales Bandenmitglied einige Jahre zuvor versuchte, mit Cristel auszugehen und realisierte, dass sie eine Trans*frau war, wurde sie mit Mobbing und Drohungen konfrontiert, gefolgt von Erpressungen und Angriffen. Schließlich wurden ihr 24 Stunden gegeben, das Land zu verlassen.

"Er sagte mir, dass er mich töten würde, wenn ich nicht gehe. Er gab mir nur Zeit, eine kleine Tasche zu packen und dann begann eine Reise ins Ungewisse. Ich musste nur aus dem Grund fliehen, weil ich eine Trans*frau bin", sagte Cristel.

Die Gefahren der Flucht

Als wir sie trafen, hat Cristel El Salvador bereits zwei Mal verlassen.

Das erste Mal war in 2014. Sie schaffte den Weg in die USA, doch kehrte wegen einer ernsthaften Erkrankung ihrer Mutter wieder zurück. Eine Freundin, mit der sie reiste, lebt jetzt in den USA.

Die Reise dorthin war viel traumatischer, als sie es sich jemals hätte vorstellen können.

Zusammen mit der Freundin, die auch von Bandenmitgliedern bedroht worden war, überquerte sie den flachen Grenzfluss zu Mexiko und hielten dann ein Taxi an, um zur Grenzstadt Tapachula zu fahren. Von dort aus wollten sie nach Mexiko-City und dann in Richtung Tijuana an der US-Grenze, um sich endlich in Sicherheit zu befinden.

Aber Tapachula ist ein Ort, wo viele Pläne schief gehen können.

"Ich begann mich zu sorgen, warum das Taxi durch dunkle Straßen fährt", erklärt Cristel. Sie verstand bald, dass sie gekidnappt wurden.

Die beiden Frauen wurden zu einem verlassenen Haus gebracht, ausgeraubt und tagelang sexuell missbraucht. Als ihre Kidnapper sich eines Nachts betranken und vergaßen, die Tür abzuschließen, flüchteten sie. Eine Frau fand sie auf der Straße und brachte sie zu einer lokalen Polizeistation.

Eine polizeiliche Ermittlung folgte nie. Nach drei fürchterlichen Monaten in Mexiko kehrte Cristel nach El Salvador zurück.

Nirgendwo ist es sicher

Als Cristel Daniel traf, hoffte sie, dass alles sich endlich zum Guten wenden würde. Sie waren zusammengezogen und das Bandenmitglied, das ihr gedroht hatte, war im Gefängnis. Doch diese Ruhepause sollte nicht lange dauern.

Schon bald darauf organisierten die Bandenmitglieder aus dem Gefängnis heraus Erpressungen. Dies schien üblich zu sein.

2017 reichte der Job beim Schönheitssalon nicht mehr aus, um die monatliche "Steuer" zu bezahlen. Sie hatte keine andere Wahl als nachts auf der Straße zu arbeiten.

Erpressungsraten für Sexarbeiter*innen sind sehr hoch. Sie wurde auch wiederholt von Banden angegriffen. Als sie zur Polizei ging, wurde ihr klar, dass diese zusammen arbeiteten. Sie fühlte sich in einer Zwangslage.

Doch sie hätte sich nicht im Geringsten vorstellen können, was als Nächstes passieren würde.

Im Februar 2017 töteten die Mara Daniel. Er wurde am helllichten Tag auf der Straße erschossen. Er hat Drohungen von den Banden erhalten, die sagten, dass sie ihn töten würden, falls er Cristel nicht verlassen würde.

"Du bist als Nächstes dran", sagte ihr eine Stimme am Telefon, wenige Tage nachdem Daniels Körper gefunden worden war. "Du weißt ganz genau, dass du zwei Kugeln dafür verdient hast, dass du uns nicht bezahlt hast."

Alles, was Cristel tun konnte, war, zu versprechen, dass sie bezahlen würde.

Sie sammelte genug Geld für einen Monat. Ihre Mutter versuchte dann, das Geld für den nächsten Monat zu leihen, konnte aber nicht alles bekommen.

Als Cristel zur Polizei ging, um die Situation anzuzeigen, sah sie einen Polizeibeamten, der mit einem der Männer sprach, die sie bedroht hatten.

Cristel hatte keine Optionen mehr. Es war wieder Zeit, zu gehen.

Eine endlose Reise

Wir trafen Cristel als Nächstes in Tapalucha - der Ort, an dem sie drei Jahre zuvor gekidnappt und sexuell missbraucht wurde. Der letzte Ort, an dem sie sein wollte.

Sie steht bei der Einwanderungsbehörde in der Schlange, und zwar mit Männern, Frauen und Kindern aus Zentralamerika, Kuba, Haiti, Indien und Bangladesch.

Sie kommen morgens und abends und versuchen, die mexikanischen Behörden davon zu überzeugen, dass sie eine Chance verdienen, im Land als Flüchtlinge zu bleiben, oder zumindest ein einjähriges humanitäres Visum zu bekommen - Mexikos vorübergehende Lösung für die wachsende Flüchtlingskrise.

Es sind erst ein paar Monate vergangen, dass wir Cristel das letzte Mal gesehen haben, doch ihr äußeres Erscheinungsbild hat sich verändert. Sie sieht erschöpft und mager aus.

"Ich habe ein humanitäres Visum bekommen", erzählt sie ohne Begeisterung, was davon kommt, wenn man sich nicht sicher fühlt.

Als wir bei Cristels Zuhause ankommen - ein spärlich möblierter Raum in einer sicheren Gegend von Tapalucha - bricht sie in Tränen aus.

"Ich muss jetzt gehen", sagt sie, ihre Hände zitternd und ihr Gesicht von Angst verzerrt.

"Ich habe einige der Männer gesehen, die von derselben Mara sind, die mich in El Salvador bedroht haben. Ich kann hier nicht bleiben."

Cristel ist von einem jungen Mann angesprochen worden, der sie im Stadtpark wiedererkannt hat, wo Asylbewerber sich versammeln.

"Wenn du dachtest, dass wir dich nicht finden, hast du dich geirrt. Ich weiß, dass du hierher gekommen bist, weil du uns nicht bezahlt hast. Wir haben dir viele Chancen gegeben, doch es sieht so aus, als ob du das nicht verstehst", sagte er zu ihr.

Zurück zum Anfang

Sobald sie es sich leisten konnte, fuhr Cristel in einem Bus nach Tijuana über Mexiko-City, dann über die US-Grenze.

Doch die politische Landschaft hat sich verändert, seitdem Cristel diese Reise zuletzt im Jahr 2014 gemacht hatte. In Präsident Trumps Amerika würde es viel schwieriger sein, Asyl gewährt zu bekommen.

Nachdem sie die Grenze zu den USA überschritten hatte, wurde sie von der amerikanischen Einwanderungs- und Zollbehörde verhaftet und in Einzelhaft im Otay Mesa Untersuchungsgefängnis in San Diego, Kalifornien, gebracht. Von dort wurde sie in ein anderes Untersuchungsgefängnis in Arizona verlegt, in Handschellen gelegt, in ein Flugzeug gebracht und zurück in ihren schlimmsten Albtraum geschickt.

Als Cristel in El Salvador landete, stellte ihr niemand Fragen. Niemand wollte wissen, warum sie so oft gegangen ist, warum sie Angst hatte oder ob sie Schutz brauchte. Beamte gaben ihr nur zwei Pupusas (eine dicke Maistortilla, ein typisches Gericht aus El Salvador) und eine Dose Sodawasser.

Beim letzten Treffen mit Cristel war sie wieder im Haus sie ihrer Mutter, bei den gefährlichen Straßen, den unmöglich hohen Erpressungen.

"Ich dachte, dass Trans*frauen in den USA respektiert werden. Ich habe gesehen, wie einige meiner Freund_innen lebten, bevor Trump gewählt wurde, doch die Dinge sind nicht mehr so, wie sie waren. Sie behandelten mich wie einen Parasiten, wie eine Verbrecherin", erzählt mir Cristel.

"Ich bin es leid, dazu gezwungen zu werden, zu bezahlen, um zu leben. Ich möchte gehen, aber es gibt keinen Ort, an den ich gehen kann. Ich arbeite und lebe, um die Erpressungsgelder zu bezahlen. Alles dreht sich um die Erpressung."

Jedes Mal, wenn sie zu spät ist - auch, wenn es nur ein oder zwei Tage sind - wird sie brutal geschlagen.

Cristels Geschichte ist kein Einzelfall.

Die Flüchtlingskrise Zentralamerikas manifestiert sich in unzähligen ähnlichen Reisen: fünf Schritte vorwärts, zehn Schritte zurück. Menschen machen dieselbe Reise ein Dutzend Male. Sie werden ausgewiesen und versuchen es noch einmal. Es ist die Verzweiflung, die sie vorantreibt.

Cristel verkörpert eine der Flüchtlingskrisen, die auf der Welt am meisten übersehen werden. Ein Opfer historischer Diskriminierung, misslungener Einwanderungspolitik und in der neuen Trumpschen Welt werden die Schutzlosesten als Kriminelle stigmatisiert und ausgerechnet die, die ihnen helfen sollten, bringen die Menschen in Gefahr.

"Ich möchte nicht illegal sein. Ich möchte nur leben und sicher sein", bittet Cristel dringend.

"Aber sie werden mich töten", sagt sie immer wieder, schluchzend, als ob sie bei ihrer eigenen Beerdigung sei.

Beteiligt Euch an unserer Petition an die Regierungen Zentralamerikas und von Mexiko!