Interview mit Anna Kirey aus Bishkek/Kirgistan

Anna Kirey stammt zwar aus der Ukraine, lebt aber seit Ihrem Studium, d.h. seit 5 Jahren, in Bishkek, der Hauptstadt Kirgistans und beobachtet dort im Auftrag der BBC die einheimischen Medien. Sie ist in der ai-Gruppe der Uni Bishkek und in der Gruppe LABRYS, einer Organisation lesbischer Frauen aktiv.

Bewegte Zeiten erlebte Kirgistan seit seiner Unabhängigkeit. So erschütterte eine steckengebliebene "Revolution", von der man noch nicht weiß, ob sie wirklich etwas in der ehemaligen Sowjetrepublik verändert hat, das zentralasiatische Land in diesem Jahr - die Fernsehbilder von den massiven Plünderungen gingen um die Welt.

Auch für Lesben, Schwule und andere sexuelle Minderheiten hat sich einiges seit dem Zerfall der Sowjetunion geändert - vor allem gibt es mehr Freiraum, sich zu organisieren. Lesben und Schwule asiatischer Volksgruppen in Kirgistan (z.B. Kirgisen, Uiguren, Usbeken) und solche europäischer Abstammung (z.B. Russen, Ukrainer, Armenier, d.h. Angehörige von Volksgruppen, die zu Sowjetzeiten nach Zentralasien kamen und auch nach dem Zerfall der Sowjetunion z.T. in Kirgistan blieben), machen z.T. recht unterschiedliche Erfahrungen. Eine Erfahrung ist z.B. die der Gewalt. Mehr als die Hälfte der 50 schwulen Männer, die an einer Studie der Organisation Oasis teilgenommen haben, hatten schon einmal physische oder verbale Gewalt auf Grund ihrer Homosexualität erfahren.

Anna Kirey stammt zwar aus der Ukraine, lebt aber seit Ihrem Studium, d.h. seit 5 Jahren, in Bishkek, der Hauptstadt Kirgistans und beobachtet dort im Auftrag der BBC die einheimischen Medien. Sie ist in der ai-Gruppe der Uni Bishkek und in der Gruppe LABRYS, einer Organisation lesbischer Frauen aktiv. Auf der Rückreise von einer Konferenz mit anderen LGBT-Organisationen in Straßburg traf sie sich mit Mitgliedern der MERSI-Gruppe Frankfurt. Thomas Kolb sprach mit ihr.

Als „Insel der Toleranz für Lesben und Schwule“ umgeben von repressiven Staaten habe ich Kirgistan beschrieben gefunden. Lesben und Schwule aus Turkmenistan und Usbekistan, in denen Homosexualität unter Strafe steht, würden sogar hierher fliehen, heißt es in einem Bericht des Büros für Humanitäre Angelegenheiten der Vereinten Nationen. Ist Kirgistan also eine Insel der Glückseligen?

Die Leute sind in Kirgistan im Vergleich mit den Nachbarländern relativ tolerant. Ich denke, Nomaden sind vielleicht toleranter, ihre Wertvorstellungen sind nicht so strikt. (Und die Kirgisen stammen von Nomaden ab.) In unserem Nachbarland Usbekistan z.B. geht es viel strenger zu. Die Kirgisen haben auch ein Selbstbild von sich als tolerante Menschen. Und die Politik, also der Staat, hält sich so ziemlich aus dem Privatleben der Leute heraus. Schon 1998 wurde dann auch die Strafbarkeit von Homosexualität in Kirgistan aufgehoben. (Zuvor stand auf „Sodomie“ nach altem sowjetischen Strafrecht bis zu 5 Jahre Gefängnis, Anm. d. Red.) Allerdings gibt es nur sehr wenige Lesben und Schwule, die „out“ sind, also offen leben. In Kasachstan (auch ein Nachbarland) ist die Situation übrigens auch relativ gut.

Das ist doch aber ein Widerspruch, wenn die Gesellschaft so tolerant ist und sich trotzdem so wenige trauen, offen lesbisch bzw. schwul zu leben.

Ja, das ist ein Widerspruch, vielleicht aber nicht wirklich. Die Leute sind vielleicht auch nur deshalb tolerant, weil Lesben und Schwule nicht sichtbar sind.

Welches sind die Ziele Eurer Organisation LABRYS?

Die Ziele sind zunächst nicht so sehr politisch. Wir wollen vor allem eine Community schaffen, also ein Forum, wo sich (lesbische) Frauen treffen können und sich nicht mehr so einsam fühlen. Erst später haben wir dann vor, Schulen, oder z.B. die Polizei anzusprechen um dort Aufklärungsarbeit zu leisten. Momentan möchten wir die Frauen einfach erst mal sammeln. Das ist auch nötig. An der Uni kannte ich z.B. außer meiner Freundin und zwei schwulen Männern sonst keine Lesben oder Schwulen. Wenn wir (Lesben) aber erst mal mehr Anschluss untereinander haben, dann werden wir auch eher „raus“ kommen, uns also eher in der Öffentlichkeit als Lesben zeigen. Wir kennen 130 Frauen, 70 waren schon bei uns im Büro. Bei LABRYS gibt es Frauen aller Volksgruppen, insgesamt 14, Russinnen sind aber überrepräsentiert. Wir möchten jetzt daher verstärkt asiatische Frauen ansprechen, denn die haben es viel schwerer. Wir sind leider nicht sicher, ob wir uns als Organisation werden offiziell eintragen können. Als lesbische Organisation wird das sicher nicht gehen. Ein Verband schwuler Männer hat sich hierzulande z.B. als Anti-AIDS-Organisation angemeldet, und trotzdem hat der Verwaltungsakt noch fast 4 Jahre gedauert.

Auf welche Schwierigkeiten stoßen denn Lesben und Schwule in Kirgistan?

Mit den Familien gibt es oft große Probleme. Das kann so weit gehen, dass die Familien eine lesbische Tochter oder einen schwulen Sohn rauswerfen.

Ein junger Mann hat mir z.B. erzählt, dass seine Eltern sich nicht einmal mehr an einen Tisch mit ihm setzen wollten. „Alle Schwulen haben Aids!“, war die Begründung. Der junge Mann war übrigens Russe. Asiatische Lesben und Schwule sind noch weniger sichtbar. Einige sind gezwungen zu heiraten. Ich kenne einige Lesben, die erst nach der Heirat gemerkt haben, was mit ihnen los ist. Sie haben heute keinerlei Kontakt mehr zu ihren Kindern und sind Alkoholikerinnen geworden.

Eine Frau kenne ich, die ist 22 Jahre alt und kommt aus einer traditionellen kirgisischen Familie. Sie ist vermutlich transsexuell, hat sehr kurze Haare und trägt heute Männerklamotten.

Mit 19 hat sie ihr Äußeres verändert. Sie wurde von ihrem Vater und von ihrem Bruder geschlagen. Die Familie wollte, dass sie eine gute Muslimin ist, sie bestand aber darauf, auch alleine auszugehen. Sie war immer die Lieblingstochter des Vaters gewesen, der war nun aber sehr wütend, und er und ihr Bruder haben sie geschlagen. Sie stand kurz vor dem Selbstmord. Mit nur einer Tasche voll Sachen hat sie im August das Elternhaus verlassen. Sie traut sich nun gar nicht mehr hin, nicht mal um ihre wichtigen Dokumente zu holen. Sie wohnt nun in einer WG. Sie hat sich seit dem Auszug mehrfach selbst verstümmelt. Sie liebt ihre Familie immer noch. Aber sie traut sich nicht mal, ihre Mutter zu besuchen, wenn die öfters mal eine Zeit auf dem Land in ihrem früheren Dorf verbringt. Sie hat Angst, dass Ihr Vater dann auch ihre Mutter schlägt, wenn er davon erfährt.

Frauen einer europäischen Volksgruppe haben es da schon leichter. Aber bei meiner Freundin, einer Kirgisin, ist es so, dass ihre Mutter und ihre Schwester Bescheid wissen. Beide wollen sie aber nun nicht einmal mehr in den Arm nehmen. Meine Freundin will daher in den USA bleiben, wo sie für ein Praktikum hingegangen ist.

Wie ergeht es schwulen Männern?

Für die kann es gefährlich sein, wenn sie irgendwie äußerlich auffallen. Sie werden nicht unbedingt zusammengeschlagen, aber doch beschimpft und beleidigt. Sehr wenige leben daher offen schwul.

Es gibt ja viele Länder, in denen Homosexualität nicht strafbar ist, es aber trotzdem Übergriffe der Polizei gegen Lesben, Schwule oder Transsexuelle gibt. Wie sieht es da in Kirgistan aus?

Dieses Problem gibt es bei uns bisweilen. Ich erinnere mich da an den recht schlimmen Fall eines jungen Mannes. Er war auf dem Heimweg von einem Lokal, das ein schwuler Treffpunkt ist. Polizisten hielten ihn an und schlugen ihn zusammen. Er war völlig in Panik. Dieses Problem gibt es aber nicht nur mit der Polizei. Ich weiß von zwei Lesben, dass sie von Männern zusammengeschlagen wurden, nachdem sie sich in einer Disco geküsst hatten. In so einem Fall geht bei uns aber keiner zur Polizei. Wir glauben nicht an die Polizei bei uns, die Polizei wäre die letzte Stelle, an die wir uns wenden würden, wenn wir Hilfe brauchen. Lesbische Frauen haben mir immer wieder von Beschimpfungen durch die Polizei berichtet, vor allem dann, wenn sie männlich aussahen.

Wie sieht es mit der Einstellung von Menschen- und Bürgerrechtlern aus?

Es gibt bei uns sogar Menschenrechtler, die ausgesprochen homophob sind. D.h. durch die jüngste „Revolution“ könnte sich die Situation für uns sogar verschlechtern. Allgemein sind Frauenorganisationen momentan besorgt, dass die bisherige Opposition Frauenrechte beschneiden könnte.

Wie engagiert sind die Betroffenen selber?

Ich ärgere mich oft darüber, dass unsere Frauen so passiv sind. Aber sie sind so erzogen. Gerade in asiatischen Familien dürfen Frauen nicht widersprechen. Und die Eltern legen z.B. auch keinen Wert darauf, dass die Töchter studieren. Sie sollen heiraten.

Hatte denn die Sowjetzeit keine Fortschritte für Frauen gebracht und diese traditionellen Strukturen aufgebrochen?

Doch! In der Sowjetzeit hatten wir Frauenquoten, so mussten mindestens 30% der Mitglieder des Parlaments Frauen sein. Im ersten frei gewählten Parlament Kirgistans hatten wir gerade noch 8% Frauen, im jetzigen Parlament sind gerade mal 3 von 75 Mitgliedern Frauen, 2 davon sind die Tochter und eine andere Verwandte des Präsidenten. Das Land macht Rückschritte. Das zeigt, dass der „Fortschritt“ in der Sowjetzeit halt wohl nur nominell war, er hat aber keine echte Umsetzung und Verwurzelung in der Gesellschaft erfahren.

Wenn man als lesbische Frau in so einer schwierigen Situation lebt wie in Kirgistan, wie kommt man dann dazu, sich bei amnesty zu engagieren, sich also für Menschen in anderen Ländern und deren Menschenrechte einzusetzen?

Aus Solidarität. Und aus Hoffnung, dass sich vielleicht auch für uns jemand engagiert, wenn es nötig ist. Außerdem: Wenn wir z.B. in Schulklassen amnesty vorstellen, dann ist es für die Schüler etwas ganz aufregendes, einen Brief an so wichtige Leute wie Putin zu schreiben.