Die andere Stimme Kameruns. Alice Nkom unterwegs zu einem Arbeitstermin in Douala © Toby Binder
Die andere Stimme Kameruns. Alice Nkom unterwegs zu einem Arbeitstermin in Douala © Toby Binder

Die Pionierin

Alice Nkom setzt sich seit Jahren in Kamerun für die Rechte von Menschen ein, die wegen ihrer sexuellen Orientierung verfolgt werden. Für ihren außergewöhnlichen Einsatz und ihren Mut wird sie mit dem Menschenrechtspreis der deutschen Sektion von Amnesty International ausgezeichnet.

Von Uta von Schrenk

Ein weiß gekacheltes Bürogebäude in Bonanjo, dem ältesten Stadtteil von Douala, Kamerun. Von hier aus, an dem Delta des Flusses Wouri, wurde das Land kolonisiert, in der Nähe liegt der Hafen und das Gerichtsgebäude der Provinz Littoral, im zuckrigen Kolonialstil. Das Gebäude, in dem Alice Nkoms Anwaltskanzlei liegt, ist eher nüchtern, modern, schnörkellos. Wer nun ein aufgeräumtes, sachliches Büro erwartet, sieht sich enttäuscht. Auf Alice Nkoms Schreibtisch herrscht kreatives Chaos. Papierstapel, Fotos von ihr und ihren Klienten, Fachbücher - kein Fleckchen ist ungenutzt. Hier wird gearbeitet und es gibt offensichtlich genug zu tun.

Alice Nkom ist 68 Jahre alt, ein erstaunliches Alter in einem Land, in dem die Lebenserwartung für Frauen bei 52 Jahren liegt. Ihre Haut aufzuhellen, wie es bei Kameruner Upper-Class-Frauen en vogue ist, würde ihr nicht einfallen. Im Gegenteil, sie trägt die traditionelle Kameruner Robe, die Kaba Ngondo, mit passend gemustertem Kopfschmuck und landestypischen Glasperlenarmreifen, dazu Perlenkette und dezentes Make-up. Alles in allem eine Dame, Respekt gebietend, was ihr bei Auftritten vor Gericht sicherlich von Nutzen sein dürfte. Die Anwältin residiert zwischen ihren Papierbergen, sie ist hier die Autorität, dabei jedoch ausgesprochen vergnügt und zugewandt, umgeben von einem halben Dutzend junger Mitarbeiter, die sie ehrerbietig mit "Mom" ansprechen und ihr die Tür aufhalten, wenn sie mit dem Auto vorfährt. Diese wenigen Quadratmeter voller Akten, Fällen, Rechtstexten und den Geschichten ihrer Mandanten sind ihr Terrain.

Ein düsteres Terrain, leider. Und eines, das Alice Nkom gründlich aufzuhellen sich vorgenommen hat. Dazu gehört derzeit auch die Bearbeitung folgenden Falles: Zwei junge Männer gehen in einer Kneipe in Yaoundé etwas trinken. Nun sitzen sie im Zentralgefängnis und ein Polizeiarzt hat ihnen seinen Finger in den Anus eingeführt, um zu "prüfen", ob die Körperöffnung für sexuelle Praktiken genutzt wurde.

Seit nunmehr einem Jahrzehnt setzt sich Alice Nkom für das Recht lesbischer, homosexueller, bisexueller, transsexueller und intersexueller Menschen (kurz LGBTI) in Kamerun ein, ihr Intimleben so leben zu dürfen, wie sie es für gut halten. Doch es gibt eine Kennziffer, die ein solches Leben im Einklang mit der eigenen sexuellen Orientierung in diesem Land unmöglich macht: 347 a. Dieser Artikel des kamerunischen Strafgesetzbuches von 1972 sorgt dafür, dass jeder, der sexuelle Beziehungen zu Personen des eigenen Geschlechts unterhält, zu "einer Gefängnisstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren und einer Geldstrafe von 20.000 bis zu 200.000 CFA-Franc" verurteilt wird. 347 a sorgt dafür, dass mehr als hundert Menschen in fast zehn Städten Kameruns derzeit in Haft sind. 347 a sorgt dafür, dass unzählige Familien ihre Töchter und Söhne verstoßen, sobald deren sexuelle Orientierung bekannt wird. 347 a sorgt dafür, dass Männer aufgrund ihres vermeintlich femininen Äußeren oder Frauen aufgrund ihres vermeintlich maskulinen Auftretens von Nachbarn denunziert und von der Polizei festgenommen werden. Dieser Artikel sorgt dafür, dass "Gewalt gegen Homosexuelle als Akt der Tapferkeit betrachtet wird, der eine heilsame Wirkung für das Gemeinwohl hat", wie Alice Nkom sagt. "Kurz gesagt, die Situation von LGBTI in Kamerun ist geradezu hoffnungslos", sagt die Anwältin.

Der Artikel ist mit den Menschenrechten definitiv nicht vereinbar. Und er ist nicht mit regionalen und internationalen Menschenrechtsabkommen vereinbar, die Kamerun jedoch unterzeichnet hat, darunter den Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte und die Afrikanische Charta der Menschenrechte und Rechte der Völker. 347 a muss weg, soviel ist klar, und Alice Nkom sieht ihren Auftrag darin, "dass die Menschenrechte auch für Homosexuelle gelten und dass diese deshalb genauso ein Anrecht auf Schutz haben wie alle anderen Menschen auch und dass ihre Diskriminierung ein Staatsverbrechen ist, ebenso wie Apartheid".

Alice Nkom ist eloquent und gebildet. Wer ihr ein Mikrofon entgegenhält, erhält aus dem Stand ein druckreifes Statement zur politischen und rechtlichen Lage von LGBTI in Kamerun. Wer ihr eine Mail schickt, erhält prompt eine elaborierte Analyse der juristischen Situation im Land - auf Französisch, auf Englisch - comme tu veux. Ihre Plädoyers vor Gericht hält sie frei. Keine Selbstverständlichkeit für eine Frau, die mit zehn Geschwistern in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen ist. Aber Selbstverständlichkeiten haben im Leben von Alice Nkom ohnehin nur wenig Platz. Vielleicht ist das auch einer der Gründe dafür, warum sie mit 68 Jahren, in einem Alter, in dem sie sich längst gemächlich ihren zwei Kindern und acht Enkeln widmen könnte, immer noch für die Rechte von Menschen streitet, deren Schicksale nichts mit ihrem eigenen Leben zu tun haben.

Alice Nkom, geboren 1945 in Poutkak, einem Dorf 95 Kilometer landeinwärts von Douala entfernt, ist in einer Zeit aufgewachsen, in der noch die Franzosen die Kolonialherren in diesem Teil des Landes waren. Alice, eine außerordentlich gute Schülerin, geht mit einem Jura-Stipendium nach Frankreich und beendet ihr Studium in Kamerun. 1969, mit 24 Jahren, wird sie die erste Anwältin ihres Landes. "Als Pionierin muss man alle Herausforderungen annehmen, aber gleichzeitig auch viel Verantwortung übernehmen. Das habe ich schnell gemerkt", sagt Alice Nkom über die folgenden Jahre. "Sie müssen mit makellosem Beispiel vorangehen, dürfen keinen Fehler machen, null Toleranz, denn von Ihrem Erfolg hängt die Zukunft kommender Generationen ab und ob sie sich von Ihrem Vorbild anstecken lassen." Sie wird Mitglied einer der renommiertesten Kanzleien des Landes, verteidigt politische und wirtschaftliche Eliten. Aber einfach nur so ihr berufliches Fortkommen zu verfolgen, das kommt für Alice Nkom nicht in Frage. Sie setzt sich für politische Gefangene, Straßenkinder und benachteiligte Frauen ein, gründet "Lady Justice", ein Projekt, das die Rechte der Frau stärken soll, und RISJI, ein internationales Netzwerk zur Unterstützung unbestechlicher Richter.

In mehr als sechzig Fällen hat Alice Nkom bislang Kameruner verteidigt, die der Homosexualität bezichtigt wurden, und in rund fünfzig Fällen konnte sie eine außergerichtliche Lösung für ihre Klienten finden. Und sie wird oft gefragt, was denn der Grund für dieses unermüdliche Engagement sei, ob sie denn selbst lesbisch sei. Eine mehr als schlichte Frage. Als ob ein Arzt selbst krank sein muss, um Menschen heilen zu wollen. Alice Nkom antwortet, wie sie es ihr Berufsleben lang verinnerlicht hat, juristisch formvollendet: Erstens sei es unerheblich, ob sie selbst betroffen sei. Und zweitens bleibe Recht immer Recht, ohne Ansehen der Person.

Tatsächlich war es der Besuch von jungen Bekannten aus Frankreich, gebürtigen Kamerunern, der Alice Nkom 2003 zu ihrem ungewöhnlichen Engagement verhalf. Die jungen Männer waren homosexuell, und Alice Nkom hatte die unangenehme Aufgabe, sie eindringlich warnen zu müssen, ihre sexuelle Orientierung nicht auf den Straßen oder in den Clubs Kameruns und auch nicht vor Bekannten und schon gar nicht vor Fremden auszuleben. "Ihre joie de vivre, ihre Lebensfreude, verwandelte sich in Melancholie", erinnert sich Alice Nkom. "Das traf mich."

Die Betroffenheit wandelt sie jedoch in Engagement, wie sie es schon bei ihrem Einsatz für Frauen getan hatte. Noch im gleichen Jahr gründet sie ADEFHO, die Organisation zur Verteidigung der Rechte homosexueller Menschen. "Als 2005 in einer Kneipe in Yaoundé dreißig Männer festgenommen wurden, habe ich die Gelegenheit ergriffen und verfolgte ihren Prozess. Damit hat meine Arbeit für die Rechte von LGBTI begonnen", sagt Alice Nkom. Das ist bescheiden ausgedrückt: Schließlich hat sie damals die Vertretung von neun Männern übernommen, die sich einen Anwalt nicht leisten und sich schon gar nicht freikaufen konnten. Ihre bekanntesten Fälle sind die von Jean-Claude Roger Mbede, der 2011 zu 36 Monaten Gefängnis verurteilt wurde, weil er einem Mann eine SMS geschickt hatte, und der auch von Amnesty unterstützt wurde, sowie der Fall von Jonas Kimie und Franky Ndome Ndome, zwei jungen Transsexuellen, die aufgrund ihrer Erscheinung zunächst zu je fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden waren und im Januar 2013 schließlich freigesprochen wurden - Alice Nkoms erster Erfolg vor dem Kameruner Berufungsgericht übrigens.

Bloß keine Fehler. Was Alice Nkom als junge Anwältin in einer Welt von selbstbewussten Männern in schwarzen Roben verinnerlicht hat, ist bei der Arbeit für LGBTI überlebenswichtig. Denn es geht darum, für die Klienten, egal wie, ob durch Kaution oder nur energisches anwaltliches Auftreten, Haft zu vermeiden. In den Gefängnissen ist die Homophobie "hundert Mal stärker als auf der Straße", weiß Alice Nkom aus den Schilderungen ihrer Klienten. Das musste sie auch gleich bei ihrem ersten Fall lernen. Alim Mongoche, der zusammen mit den dreißig Männern in Yaoundé verhaftet worden war, wurde im Gefängnis mehrmals vergewaltigt und dabei mit HIV infiziert. Eine medizinische Behandlung wurde ihm verweigert. Er starb 2006 - nur wenige Tage, nachdem er aus der Haft entlassen worden war.

Seither unterstützt Alice Nkom mit ihrer Organisation LGBTI-Häftlinge auch finanziell, damit sie im Gefängnis überleben können. "Sobald sie im Gefängnis sind, bin ich die Einzige, denen sie ihre Probleme anvertrauen können", sagt Alice Nkom. Damit wurde aus der Anwältin eine Art Handlungsreisende in Sachen LGBTI - die Klienten sind über das ganze Land verteilt. Also reist Alice Nkom mit ihren schmerzenden Füßen, denen zuliebe sie selbst zur Kaba Ngondo nur noch Turnschuhe trägt, dem tropischen Klima und den Unbequemlichkeiten kamerunischer Straßen zum Trotz von Gefängnis zu Gefängnis, um Kontakt zu ihren derzeit elf inhaftierten Mandanten zu halten.

Bloß keine Fehler, das gilt seit zehn Jahren nun auch für ihr eigenes Leben. Wer Alice Nkom auf ihrem täglichen Spaziergang durch ihr Wohnviertel begegnet, würde sie kaum erkennen. Das traditionelle Gewand weicht dann einem Jogginganzug, dazu eine Sonnenbrille und ein geflochtener Hut mit tiefer Krempe. Ein junger Mann begleitet sie. Wer sie in ihrer Wohnung mit den schweren Ledermöbeln, der modernen Kunst an den Wänden und den drei Fernsehern - einer für die inländischen Programme, einer für die internationalen Nachrichten und einer fürs Vergnügen - besuchen will, muss erst ein Restaurant passieren. Einen direkten Zugang gibt es nicht. Ist besser so.

2011 droht ein Regierungsvertreter Alice Nkom öffentlich mit Verhaftung, nachdem sie Gelder von der EU für ihre Arbeit mit LGBTI angenommen hatte. "Macht euch keine Sorgen um mich", mailt sie damals ihren Mitstreitern. "Ich nehme an, dass ich in den nächsten Tagen verhaftet werde, aber das wird mich nicht schlaflos machen und in keinem Fall wird es mich von dem abbringen, was wir zusammen begonnen haben. Solche Drohungen zeigen nur, dass unser Kampf weitergehen muss." Der Justizminister ruft den Rat der Anwaltskammer an, um ihren Ausschluss zu fordern. Alice Nkom erhält Morddrohungen, wahlweise per Mail oder als SMS, am Telefon und selbst schon im Fernsehen, auf dem größten Privatsender des Landes, hat ein Anwaltskollege mit der Bibel in der Hand ihren Tod gefordert. Erst im Juli wurde der Journalist und LGBTI-Aktivist Eric Ohena Lembembe ermordet. "Ich bin mir der Gefahr und der Drohungen bewusst", sagt Alice Nkom. "Sie belasten mich und ich tue alles, um meine Sicherheit zu gewährleisten." Was das alles ist? Die internationale Aufmerksamkeit, dass Organisationen wie Amnesty oder Anwälte ohne Grenzen "ein Auge" auf ihre Situation haben, das helfe, und noch so einiges mehr.

Wer gefährdet ist, lernt, nicht immer alles zu sagen.

Die Autorin ist Journalistin und lebt in Berlin.

Mitarbeit: Toby Binder