Bild: © Courtesy of the University of Texas Libraries
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Schwindende Traditionen und neu entdeckter Stolz

'Wenn man mich fragt, wann ich mich geoutet hätte, sage ich: mit 12. Und dann schauen mich die Leute ungläubig an.' erzählt ein Schwuler aus Indonesien. 'Ich sagte damals zu einem Freund, dass ich mich in einen Klassenkameraden verliebt hatte. Aber in Wirklichkeit outete ich mich mit 19, nachdem ich mich 7 Jahre lang verleumdet hatte.'

Es ist nicht einfach, schwul zu sein in einem eher konservativ geprägten und familienorientierten muslimischen Land. Homosexualität ist zwar legal, es gibt aber dennoch viele Hindernisse bis zum Coming-out. Obwohl es eine tief verwurzelte Tradition der waria oder Homosexuellen in Indonesien gibt, kann Schwulsein gefährlich sein.

Für die Eltern von Schwulen bedeutet die Homosexualität ihres Sohnes Verachtung durch ihre Umgebung und ein Versagen ihrerseits in der Erziehung. Die meisten Indonesier tolerieren bekannte schwule Persönlichkeiten oder homosexuelle Bekannte, aber sie verhalten sich ihren Kindern gegenüber ganz anders. Marcel Latuihamallo, Mitglied der Organisation Fraternal Association for People of the Same Heart (IPOOS) dazu: "Die Homophobie bringt Eltern dazu, irrationale Dinge zu tun, wie ihre Kinder zur Heirat zu zwingen, manchmal sogar mit Gewalt. Der Grund dafür ist, dass die Gesellschaft Homosexualität nur als Sex betrachtet, als etwas Eigenartiges, Abstoßendes und Sündiges."

Viele berühmte Modedesigner, Künstler und ein Minister sind schwul, aber sie würden es nie in der Öffentlichkeit sagen.

Obwohl Gewalt gegen Schwule in Indonesien relativ selten ist, kam es im Jahr 2000 zu Angriffen anlässlich einer Aids-Tagung in der Nähe von Yogyakarta. 150 maskierte Männer, die arabische Kleidung trugen, attackierten die 350 anwesenden Schwulen und Transgender mit Macheten und bestahlen sie. Als die Teilnehmer flohen, beschädigten die Angreifer das Gebäude und die Fahrzeuge auf dem Parkplatz. Es wird angenommen, dass es sich um eine muslimische Gruppe handelte.

Trotz dieser ernsten Lage wurde im Internet ein neues Forum für Schwule eröffnet, in dem sie sich austauschen können. Anstelle der Treffpunkte in Parks, Discos und Läden kommen Indonesiens Schwule in Chatrooms zusammen. Dort können sie sich frei ausdrücken, ohne sich einer Gefahr auszusetzen. 
In den großen Städten hat die erhöhte Sichtbarkeit dazu geführt, dass manche Nachtclubs schwule Abende eingerichtet haben.

Organisationen wie GAYa Nusantara, Swara Srikandi und Fraternal Association for People of the Same Heart (IPOOS) arbeiten daran, Schwulen und Lesben ein positiveres Selbstbild zu vermitteln. Sie klären über Homosexualität und Aids auf und versuchen, Vorurteile zu bekämpfen. GAYa Nusantara gibt eine Zeitschrift heraus und unterhält eine Telefon-Hotline. Leider haben die Gruppen auch mit der festsitzenden Angst, geoutet zu werden, zu tun. Viele Menschen möchten nicht in einer Gruppe zusammenkommen, um mit Schwulen gesehen zu werden, die offen leben. Die Tatsache, dass die erste Parade der Community am 25. Juni 1999 in Surabaya stattfand, lässt jedoch erkennen, dass Fortschritte gemacht wurden. Obwohl es noch ein langer Weg hin zu schwulem Selbstbewusstsein und Toleranz gegenüber Schwulen in Indonesien ist, gibt es Hoffnung auf ein besseres Leben.

Eva Gundermann,
Autorin der Studie zu Carmen Boullosa aus Mexiko: Desafiando lo abyecto. Una lectura feminista de Carmen Boullosa. (2002, Peter Lang)