© Amnesty International
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Honduras: Kein Schutz in Sicht - Seit dem Putsch 2009 hat sich die Situation verschärft

„Es war gegen Mitternacht. Wir saßen zu acht auf dem Platz und unterhielten uns, als 15 Männer uns überfielen. Sie zielten mit Waffen auf uns und schlugen uns. Wir dachten, sie bringen uns um. Als wir am Boden lagen, urinierten sie auf unsere Köpfe. Dann zwangen sie uns, militärische Übungen zu machen. Ich glaube, sie wollten uns zu verstehen geben, dass wir uns wie Männer verhalten sollen.“

Mit dieser Erfahrung steht der 20-jährige Ramón* in Honduras nicht allein da. Seine Aussage bei der Tageszeitung TIEMPO macht er trotzdem anonym – aus Angst vor Repressalien. Denn die Männer, die ihn und seine Freunde im nächtlichen Zentralpark überfielen, waren keineswegs gewöhnliche Kriminelle. Sie gehörten den lokalen Polizeikräften an. Ramón hatte Glück, viele andere Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender (LGBT) nicht. Sie haben die Übergriffe von Sicherheitskräften, gewalttätigen Freiern oder homo- und transphoben Menschen nicht überlebt.

Seit Jahren sind LGBT in Honduras Drangsalierungen ausgesetzt. Sie werden immer wieder Opfer von Intoleranz und Anfeindungen, geschürt durch die Homophobie religiöser Fanatiker und den immer noch vorherrschenden Machismo in der Gesellschaft. Die Verantwortlichen für Übergriffe, Morde und Vergewaltigungen gehen seit Jahren straffrei aus.
Auch Aussagen wie die des Leiters der Kriminalpolizei (DNIC), Marco Tulio Rivera Palmas, tragen nicht dazu bei, dass sich im Unrechtsbewusstsein in der Bevölkerung etwas ändert.

„Grund für die Morde ist das eigene Umfeld, in dem die Homosexuellen sich bewegen“, sagte er TIEMPO, „und das von Gefühlsausbrüchen und rachegeleiteten Auseinandersetzungen
bestimmt ist.“

Amnesty International fordert seit Langem Schutz für Angehörige der LGBT- Gemeinschaft in Honduras, doch eine lückenlose Aufklärung der Menschenrechtsverletzungen und ein Ende der Straffreiheit sind nicht in Sicht. Im Gegenteil. Seit dem Putsch im Juni 2009 hat sich die Menschenrechtslage für LGBT eklatant verschlechtert. Lokale Menschenrechtorganisationen berichten von mindestens 34 Morden aufgrund der sexuellen Orientierung oder der geschlechtlichen Identität in den letzten anderthalb Jahren. Donny Reyes, Koordinator der lesbisch-schwulen Nichtregierungsorganisation Arcoiris, der 2007 selbst Opfer einer willkürlichen Inhaftierung wurde und von den Mithäftlingen mehrfach vergewaltigt wurde, nachdem ein Polizeibeamter sie dazu aufgefordert hatte, spricht von sieben brutalen Morden allein in den ersten beiden Monaten des Jahres. Die Opfer werden erschossen oder erstochen, ihre Leichen tauchen oft verbrannt, einige geköpft, in den Straßen auf. Sie legen stummes Zeugnis ab von einem Ausmaß an Intoleranz und Hass, das seinesgleichen sucht. In einem einzigen Fall sei es zu einer Festnahme gekommen, so Reyes. Es handele sich dabei um einen Polizisten, dessen Opfer seine 20 Messerstiche überlebt habe.

Unter den Opfern der Gewaltwelle nach dem Putsch war auch Walter Tróchez, der am 13. Dezember 2009 in Tegucigalpa erschossen wurde. Der 27-Jährige war aktiv im Widerstand gegen die De-facto-Regierung Roberto Michelettis. Wenige Tage vor dem Mord war Walter Tróchez geflohen, nachdem maskierte Männer ihn entführt und zu Angehörigen der Widerstandsfront befragt hatten. Die Untersuchungen in seinem Fall haben bislang zu keinen Anklagen oder Schuldsprüchen geführt, doch sein Fall trat eine Welle internationaler Solidarität los.

Im vergangenen Jahr äußerte Amnesty International Besorgnis über die Situation der LGBT-Gemeinschaft in Honduras gegenüber dem UN-Menschenrechtsrat im Rahmen der universellen regelmäßigen Überprüfung (UPR). Im Januar 2011 erklärte die Interamerikanische Menschenrechtskommission, dass sie sehr besorgt über ernstzunehmende Drohungen, Gewalttaten und Morde an Mitgliedern der Transgender-Gemeinschaft in Honduras sei.
Ramón*, der bei dem nächtlichen Überfall im Zentralpark mit dem Schrecken davongekommen ist, beruhigt das nicht. Er traut sich nur noch selten vor die Tür. „In jener Nacht haben sie uns gewarnt“, sagte er TIEMPO. „Sie haben uns gesagt, das nächste Mal brächten sie uns um.“

* Name anonymisiert

Shelina Islam ist Mitglied der AI-Koordinationsgruppe für Zentralamerika und Guatemala (CASA).