Foto: Proteste gegen Menschenrechtsverletzungen in Russland während des Besuches von Vladimir Putin in Hannover. © Pamela Klages / Amnesty International
Foto: Proteste gegen Menschenrechtsverletzungen in Russland während des Besuches von Vladimir Putin in Hannover. © Pamela Klages / Amnesty International

Am Ende des Regenbogens

Sexuelle Minderheiten gelten vielen in Russland als krank, pervers und gefährlich. Jetzt drängt die Regierung siemit diskriminierenden Gesetzen in die Illegalität.

Von Johannes Voswinkel

In Marinas* Wohnung sieht es gar nicht nach der Perversion aus, die viele hier vermuten würden: Legosteine sind über den Boden verstreut, ein Regenbogen schmückt die Wand bis zur Decke, und der siebenjährige Wadim* malt eine Wiese mit Bienen und Spinnen. Das kleine Kinderparadies befindet sich in einer typischen Hinterhofwohnung in Sankt ­Petersburg, die man durch ein enges, düsteres Treppenhaus ­erreicht. Doch an manchen Tagen kommt Unruhe auf. Dann schaut wieder eine Mitarbeiterin des Sozialamts vorbei. Denn Marina hat ihren Sohn vor drei Jahren aus einem Kinderheim geholt. Das Sozialamt kontrolliert, ob es ihm auch gut geht. Dann müssen die überzähligen Hausschuhe und die zweite Zahnbürste verschwinden. Offiziell ist Marina alleinerziehende Mutter. In Wirklichkeit hat Wadim zwei Mamas.

Die 30-jährige Marina ist lesbisch und lebt seit langem mit ihrer Partnerin Tanja* zusammen. Als sie in einem Heim für HIV-infizierte Kinder arbeitete, lernte sie Wadim kennen. Der Wunsch reifte heran, ihn großzuziehen. Für gleichgeschlechtliche Paare ist das undenkbar in Russland, für ein einzelnes Elternteil aber möglich. Marina gab sich als alleinstehende Frau aus. Die Psychologin, auf deren Gutachten es ankam, schien alles zu verstehen. "Sie war wohl gay-friendly", sagt Marina. "Ich habe Glück gehabt." Marina bekam Wadim zugesprochen. Als sie ihren Eltern mitteilte, dass sie nun einen Sohn habe, kam als Antwort: "Der arme Junge! Wäre er doch besser im Kinderheim geblieben." Marinas Geschichte erzählt vom stillen Leid, das viele Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender (LGBT) in Russland durchleben. Mit 17 Jahren verliebte sie sich in ihrem Dorf in eine andere junge Frau. "Ich wusste gar nicht, was mit mir geschah", erzählt sie. "Ich hatte kein Vokabular dafür. Für Lesben kannte ich nur Schimpfwörter." Erst viel später fand sie im Internet Informationen über Homosexualität. Im Dorf war das kein Thema. Als die Eltern Verdacht schöpften, sperrten sie ­Marina ein, schlugen sie, suchten nach einer psychiatrischen Heilanstalt und brachten sie für einige Zeit bei Freunden in der Ferne unter. Sie sei drogensüchtig, lautete die offizielle Begründung. Das klang besser als lesbisch.

Marina lief davon. Sie lebte in einer Stadt mit knapp 400.000 Einwohnern, traute sich jedoch nicht, mit Tanja auf der Straße Hand in Hand zu gehen. Auf dem Dach einer Bauruine trafen sich die Frauen heimlich in schwindelnder Höhe. Dann zogen Marina und Tanja weiter in die Freiheit der anonymen Metro­pole, nach Sankt Petersburg, weit weg vom Dorf der Eltern, in dem die Öffentlichkeit so bedrohlich war. "Gebe Gott, dass die Nachbarn nichts erfahren", sagten die Eltern immer.

Sexuelle Minderheiten gelten vielen in Russland als krank, pervers und gefährlich. Ein Gesetz, das laut offizieller Darstellung "Propaganda" für Homosexualität gegenüber Minderjährigen verbieten soll, sie aber in Wirklichkeit als unnormal und gefährlich verleumdet, stieß kaum auf Kritik. Präsident Wladimir Putin hat es im Juni unterzeichnet. Seither sehen sich Nationalistentrupps und ikonenbewehrte Rollkommandos der Orthodoxie als legitime Vertreter des Volkswillens. Die Zahl der Pöbeleien auf der Straße nehme zu, erzählt Marina.

Als Anfang September ein neuer Gesetzentwurf aus der Kremlpartei "Einiges Russland" bekannt wurde, der vorsieht, Homosexuellen das Erziehungsrecht für ihre leiblichen oder adoptierten Kinder zu entziehen, bekam Marina "panische Angst". Mit Tanja beriet sie darüber, auszuwandern. Sie kennt mehr als zehn gleichgeschlechtliche Familien, die bereits das Land verlassen haben.

Marina schickt Wadim nicht in eine staatliche, sondern in eine private jüdische Schule. Sie hofft, dort auf größere Toleranz gegenüber Minderheiten zu stoßen. Manche Familie habe wegen der Homophobie der Lehrer schon die Schule wechseln müssen, erzählt sie. Eine Lehrerin behandelte im Unterricht "deviantes Verhalten" und nannte als Beispiel die lesbischen Eltern eines der Kinder. "In diesem Fall haben sich die Schüler gegen die Lehrerin solidarisiert", erzählt Marina, "bis sie in Tränen ausbrach". Ein Beispiel junger Zivilgesellschaft.

Marina engagiert sich in der Petersburger LGBT-Organisation "Coming Out" gegen Intoleranz und Homophobie. Das Büro der Nichtregierungsorganisation im Zentrum von Sankt Petersburg steht voller Computer, Broschüren und Keksteller. Hinter einem Vorhang stapeln sich selbstgemalte Plakate der Elterngruppe: "Ich liebe meinen Gay-Sohn. Jetzt soll er ein Paria werden?" Der Blick über den Hinterhof fällt auf eine Jalousie in Regenbogenfarben am Fenster gegenüber. Dort hat eine befreundete Organisation, die LGBT-Filmfestivals veranstaltet, ihre Räume. Sie ist, wie "Coming Out", von der Schließung bedroht.

Denn beide Organisationen werden von zwei Gesetzen in die Zange genommen. Das Gesetz zur Arbeit der Nichtregierungsorganisationen schreibt vor, dass sich NGOs, die aus dem Ausland finanziert werden und sich politischer Tätigkeit widmen, als "ausländische Agenten" registrieren müssen. Es spielt mit der traditionellen Furcht vor äußeren und inneren Feinden und stigmatisiert die unliebsamen Gruppierungen.

"Coming Out" findet kaum einen Sponsor in Russland. Wenn die Organisation Geld sammelt, kommt sie gerade mal auf 100 Euro, um die Luftballons für eine Demonstration zu bezahlen. Einige Firmen unterstützen sie mit Rabatten. Aber ihr Logo drucken sie aus Vorsicht lieber nicht oder nur ganz klein auf Broschüren und Plakate. Projektgelder kommen aus dem Ausland - so von der Heinrich-Böll-Stiftung oder aus dem Menschenrechtsprogramm der Europäischen Union. Der Fonds der russischen Regierung zur Unterstützung der Zivilgesellschaft ist für "Coming Out" dagegen unerreichbar. LGBT gelten in Russland nicht als zu fördernde "soziale Gruppe".

Das Gesetz zur "homosexuellen Propaganda" wiederum hat seinen politischen Zweck schon erfüllt, obwohl es in St. Petersburg bisher nur ein einziges Mal zu einer Strafe führte: "Die Gesellschaft ist gespalten worden", erklärt die geschäftsführende Direktorin von "Coming Out", Anna Anissimowa. "Die Mehrheit wurde gegen die Minderheit mobilisiert. Das Gesetz rückt Homosexualität in die Nähe der Pädophilie." Die Folgen sind eine allgemeine Homophobie und Einschüchterungen.

Stadtverwaltungen lehnen fast jede LGBT-Demonstration ab, Polizisten beschimpfen Homosexuelle als "Päderasten" und bringen sie auf die Wache. Im staatlich kontrollierten Fernsehkanal verkündete der Journalist Dmitrij Kisseljow, er sei gegen Homosexuelle als Organspender. "Man muss ihnen verbieten, Blut und Sperma zu spenden", rief er aus, "und ihre Herzen nach einem Autounfall in der Erde vergraben oder verbrennen". Psychologen der staatlichen Kinderzentren klagen hinter vorgehaltener Hand, dass sie nicht wissen, was sie einem Sechzehnjährigen, der mit der Zuneigung zum eigenen Geschlecht nicht klarkommt, sagen sollen: "Können wir ihn jetzt noch beruhigen, das sei alles in Ordnung so? Oder ist das schon Propaganda?" Homosexuelle trauen sich kaum noch, sich in der Öffentlichkeit an der Hand zu fassen. Was, wenn das zufällig Kinder sehen?

Dabei ist die Homophobie nach Meinung vieler LGBT-Aktivisten in Russland kaum größer als in anderen Ländern. Aber einige Besonderheiten gibt es doch: Die sowjetische Vergangenheit steckt noch immer in vielen Köpfen fest. Der Paragraph, der Homosexualität unter Strafe gestellt hatte, ist erst 1993 abgeschafft worden. Die zuvor Verurteilten wurden nie rehabilitiert. Die ungeschriebenen Gesetze der sowjetischen Haftlager, durch die Millionen gegangen sind, drangen tief in das Bewusstsein ein. Homosexuelle gehörten zur untersten Kaste in der sozialen Lagerpyramide. Dazu kam die ideologische Vorstellung, dass alle gleich sein müssten in der Gesellschaft.

Damals, so glauben viele bis heute, habe es kaum Homosexuelle gegeben. In Wirklichkeit haben sie sich nur nicht offenbart. Verschwörungstheoretiker behaupten, LGBT seien eine westliche Waffe, um Russland von innen heraus zu zerstören. Die kruden Theorien finden Anklang, zumal das Wissen über ­sexuelle Minderheiten gering ist. Klischees herrschen vor: Schwule seien affektiert, zeigten ihren nackten Hintern, trügen Strumpfhosen. Kaum ein Prominenter outet sich in Russland. Sogar die wenigen TV-Stars oder Sänger, die "Coming Out" unterstützen, beginnen ihre Rede meist mit dem Satz: "Ich bin zwar nicht schwul, aber verteidige ihre Rechte."

Die Diskriminierung in Russland geht vor allem vom Staat aus. Er hat die Aggression gegen LGBT gleichsam legalisiert, statt für eine offene und tolerante Gesellschaft einzutreten. Die Botschaft wirkt sogar bei den sexuellen Minderheiten selbst. "Viele LGBT sind innerlich homophob", sagt Anissimowa. "Sie halten es für ganz normal, dass sie nicht mit ihrem Lebenspartner auf Firmenfeiern gehen können, ohne in Verruf zu geraten." Tägliche Diskriminierung nehmen sie hin: Homosexuelle Mitarbeiter werden ohne Grund entlassen, Gynäkologen behandeln Patientinnen nicht, weil sie lesbisch sind, und Wohnungsvermieter lehnen gleichgeschlechtliche Paare ab.

Ein Kreis von Homophoben begleitet alle Auftritte der LGBT-Aktivisten. Zumeist sind es kurzrasierte Männer in Sporthosen mit faschistisch wirkenden Symbolen. "Orthodoxie oder Tod!", skandieren sie. "Bisher schubsen sie uns nur, schlagen aber nicht", sagt Anissimowa. "Noch machen sie vor allem eine Show für die Medien und drohen uns nur: 'Wir bringen euch um und vergraben euch unter Büschen!' Das Übliche halt", erzählt sie.

Die verbalen Angriffe sind gesellschaftsfähig geworden. Am 3. September hing an der Tür zum Saal für Pressekonferenzen der Nachrichtenagentur Rosbalt in Moskau ein Zettel: "Homos und Bi's - zischt ab!" Drinnen präsentierten selbsternannte Patrioten ihr Projekt, das auf den "Informationskrieg gegen Russland eine asymmetrische Antwort" finden soll: mit Denkmälern russischer Helden, mit T-Shirts ("Wir sind Russen, Gott ist mit uns") und Souvenirmagneten in Form von Kalaschnikows und Jagdgewehren. "Für Doppelflinten verboten!" steht darauf - in Anspielung auf das Jargonwort für Bisexuelle. Revanchegelüste für die erniedrigenden neunziger Jahre, der jahrhundertealte Versuch, Russlands Identität in der Bedrohung seiner Feinde zu suchen, und der neue Schulterschluss des russischen Staates mit der orthodoxen Kirche vermischen sich zu einem Weltbild, in dem LGBT-Aktivisten als westlich gesteuerte Dekadenz-Soldaten in einem Feldzug gegen Moskau erscheinen.

Grigorij ist einer dieser Soldaten, aber er wirkt gar nicht so. "Ich finde, alle sollten lieb sein und sich versöhnen", sagt der Schwule und ruft, weil es so ­kitschig klang, ein ironisches "Friede der Welt!" hinterher. Grigorij scheut Konflikte. Dass ihn einst ein Mann in einem Dorfladen geohrfeigt und beschimpft hat, erzählt er leichten Herzens wie eine wunderliche Anekdote. Auch der Verlust seiner Arbeit beschwert ihn kaum mehr. Früher war Grigorij Theaterpädagoge in einem Kulturhaus für Kinder. Aber als sein Foto von einer Demonstration für die Rechte sexueller Minderheiten ins Internet kam, bat ihn der Direktor zu kündigen. Zu groß war die Angst vor den Protesten der Eltern. Seither tritt Grigorij auf der Bühne des LGBT-Klubs "Malewitsch" auf.

Das Lokal ist nicht leicht zu finden. Der Weg führt von der Metrostation Moskauer Tor über einen öden Parkplatz zur grellen Reklame einer Discount-Bar mit Billig-Gin. Durch eine Metallpforte darunter geht es in einen dunklen Durchgang, in dem es streng riecht. Im Hinterhof links um die Ecke liegt der Eingang, eine schwarze Metalltür. Das Emblem des Klubs, einen herzförmigen Apfel in Regenbogenfarben, haben nicht etwa rabiate Homophobe abgeschlagen - Besucher nahmen es vielmehr als Souvenir mit. Das "Malewitsch" hatte bisher kaum Probleme: Mal flog eine Rauchbombe in den Eingang, mal fand sich ein Hakenkreuz auf einem Fass vor der Tür. Der St. Petersburger Stadtabgeordnete Witalij Milonow, der Homosexuelle mit religiösem Eifer verfolgt, bezeichnete das Lokal per Twitter als Bordell. Ernsthafte Drohungen gab es jedoch keine.

Nach Mitternacht sitzt Grigorij im Schminkraum des "Malewitsch" und zieht den Lidschatten nach. Seine Paraderolle ist die Scherzfigur Milona, eine Mischung aus Milonow und Madonna. Der Abgeordnete wollte die Sängerin wegen ihrer Sympathiegeste für Schwule während eines Konzerts in St. Petersburg einst sogar vor Gericht zerren. Grigorij betritt die Bühne, stottert und klimpert wild mit den Augen, wie es Milonow manchmal tut. Dann verwandelt er sich in Madonna und singt "Boy Gone Wild". Der Saal tobt.

Mit seinem Partner Dmitrij könnte Grigorij eigentlich, wie er selbst sagt, unerkannt und unbehelligt leben. Wäre da nicht das Gefühl der tiefen Ungerechtigkeit, das ihn schon vor Jahren als Freiwilligen zu "Coming Out" getrieben hat. "Ich finde gut, dass diese Organisation den Dialog und das gemeinsame Verständnis sucht", erklärt er sein Engagement. "Sie will nicht die Macht stürzen, sondern mit ihr sprechen." Die radikalen Kämpfer für LGBT liegen ihm nicht. Schon ihre Slogans wie "Sodom in jedes Haus!" oder "Du bist selbst schwul!" hält er für kontraproduktiv. Er hat es lieber versöhnlich.

Im September kommt ein neues Stück auf die "Malewitsch"-Bühne. Den Konflikt im Lehrerkollegium einer Schule zwischen einem Homosexuellen und einem Homophoben schlichtet letztlich die Putzfrau, eine kirgisische Migrantin. Als Geste der Solidarität mit allen anderen Minderheiten, die es genauso schwer haben im heutigen Russland.

Der Autor ist Russland-Korrespondent und lebt in Moskau.

*Name geändert