Patricia, eine 32-jährige Trans*-Frau, hat zu viel Angst, um in ihrer Heimatstadt in El Salvador zu bleiben, nachdem Banden begonnen haben, sie wegen ihrer geschlechtlichen Identität zu bedrohen © Amnesty International/Encarni Pindado
Patricia, eine 32-jährige Trans*-Frau, hat zu viel Angst, um in ihrer Heimatstadt in El Salvador zu bleiben, nachdem Banden begonnen haben, sie wegen ihrer geschlechtlichen Identität zu bedrohen © Amnesty International/Encarni Pindado

Geflüchtete müssen dringend vor sexueller und geschlechtsspezifischer Gewalt geschützt werden

Weltweit müssen Regierungen dringend den notwendigen Schutz für Frauen und Mädchen, lesbische, schwule, bisexuelle, trans* und intersex (LGBTI) Geflüchtete, die an jedem Punkt ihrer Flucht sexueller und geschlechtsspezifischer Gewalt ausgesetzt sein können, besser gewährleisten. Diese Forderung stellte Amnesty International heute, am Beginn der internationalen Kampagne "16 Days of Activism against Gender Based Violence".

AMNESTY INTERNATIONAL

PRESSEMITTEILUNG

"Stellen Sie sich vor, dass Sie in einem Flüchtlingslager leben und Angst haben müssen, zur Toilette zu gehen und jeden Tag auf Grund Ihres Geschlechts oder Identität sexueller Belästigung ausgesetzt sind. Dies ist die Lebensrealität hunderttausender Frauen, Mädchen und LGBTI Geflüchteter weltweit und die beschämende Passivität wohlhabender Regierungen verlängert dieses Leiden zusätzlich," so Catherine Murphy, Beraterin für Gesetz und Politik bei Amnesty International.

"Mit Beginn der Kampagne fordern wir die Regierungen weltweit dazu auf, ihre gesetzlichen Verpflichtungen zur Beendigung von geschlechtsspezifischer Gewalt zu erfüllen. Hierzu gehören auch gezielte Maßnahmen, damit die Polizei ein sicheres Umfeld für Geflüchtete schafft, in dem Vorfälle von Gewalt und Belästigung gemeldet werden können."

"Desweiteren ist es entscheidend, dass Regierungen weltweit mehr gemeinsame Verantwortung für den Schutz Geflüchteter übernehmen. Dafür müssen mehr Neuansiedlungsplätze für besonders schutzbedürftige Geflüchtete zur Verfügung gestellt werden. Die Armut und Unsicherheit vieler Geflüchteter in Ländern wie Libanon und Libyen erhöht das Risiko sexueller Ausbeutung und Gewalt."

Die jährlich stattfindende internationale Kampagne "16 Days of Activism against Gender Based violence" wird vom "Center for Women's Global Leadership" koordiniert und soll Aufmerksamkeit auf die Gewalt gegen Mädchen und Frauen richten und ist eine Möglichkeit, internationale Solidarität im Kampf gegen Gewalt gegen Frauen zu zeigen.

Gefährliche Reisen

Geflüchtete und Migrant*innen sind unterwegs einem hohen Risiko von Missbrauch sowie Gewalt und Menschenhandel ausgesetzt. Frauen, Mädchen und LGBTI Individuen sind Bedrohungen, sexueller Belästigung, Vergewaltigung und anderer Formen geschlechtsspezifischer Gewalt ausgesetzt. Dies untermauert die Forderung nach sicheren und legalen Routen.

Amnesty International wurde 2016 von weiblichen Geflüchteten und Migrantinnen aus Subsahara-Afrika, die durch Libyen reisten, berichtet, dass Vergewaltigungen auf den Schmugglerrouten so alltäglich sind, dass sie Verhütungspillen zur Vermeidung einer aus Vergewaltigung resultierenden Schwangerschaft einnehmen.

Geschlechtsspezifische Gewalt ist zunehmend ein sogenannter "push"- Faktor für Frauen und LGBTI Personen, der sie zur Flucht zwingt, um Schutz in anderen Ländern zu finden.

Patricia* [Pseudonym], eine 32-jährige Trans-Frau, berichtet Amnesty International von den Belästigungen und Verfolgungen, die sie in El Salvador erlebt hat:

" Ich wurde von Polizisten verfolgt, sie erpressten Geld von mir, belästigten und verprügelten mich. Sie sagten, sie mögen nicht "wer ich bin". Ich wurde auch von Banden bedroht - sie verlangten jeden Monat "Miete" von mir, aber ich konnte nicht alles bezahlen. Ich glaube, ich wurde bedroht wegen Diskriminierung und Homophobie, weil ich bin wie ich bin. Ich wollte mich an die Behörden wenden, aber ich musste feststellen, dass es sich hierbei um dieselben Menschen handelt, die mich bedrohen."

Aus Angst um ihre Sicherheit beschloss Patricia nach Mexiko zu gehen, allerdings wurde sie nach einigen Monaten abgeschoben. Während dieser Zeit wurde sie verprügelt und zweimal ausgeraubt.

Amnesty International hat hervorgehoben, dass Frauen, Mädchen und LGBTI Geflüchtete aus dem Norddreieck Zentralamerikas (Guatemala, El Salvador und Honduras) vor massiver Gewalt fliehen, aber einem hohen Risiko geschlechtsspezifischer Gewalt in ihren Herkunftsländern sowie während der Flucht ausgesetzt sind. Aufnahmeländer wie beispielsweise Mexiko bieten keinen adäquaten Schutz: 2015 wurden 98% der Menschen aus Zentralamerika von den mexikanischen Behörden abgelehnt und in ihre Herkunftsländer zurückgeschickt.

Mangel an gesetzlichem Schutz

Weltweit stehen geflüchtete Frauen und Mädchen ohne gültige Papiere vor der schwierigen Wahl, gegen sie verübte Verbrechen zu verschweigen oder diese zu melden und damit das Risiko einer Inhaftierung, Abschiebung und Bestrafung einzugehen.

Maryam* [Pseudonym], eine Syrerin aus Homs die 2013 im Libanon ankam, berichtete Amnesty International, dass oftmals Polizisten zu dem Haus, das sie mit anderen weiblichen Verwandten gemietet hatte, kamen. Sie drohten mit einer Inhaftierung, wenn die Frauen nicht mit ihnen "ausgingen". Sie sagt:

"Belästigung von [weiblichen Geflüchteten] ist im Libanon ein sehr großes Problem. Es ist egal ob ich alleinstehend oder verheiratet bin, ich werde immer belästigt. Darum sind wir in Sorge um unsere Kinder. Ich habe eine Tochter, sie ist 16 Jahre alt und ich habe sogar Angst, sie zum nächsten Laden zu schicken."

Solidarität mit den yezidischen Frauen in Griechenland

Dieses Jahr ruft Amnesty International dazu auf, Solidaritätsbekundungen an eine Gruppe yezidischer Frauen aus dem Nordirak zu schicken, die im August 2014 durch den sogenannten Islamischen Staat (IS) und deren systematischen ethnischen Säuberungen zur Flucht gezwungen worden sind. Sie sind nun unter katastrophalen Umständen in Griechenland angekommen.

Mehr als fünf Monate blieben die Frauen im Nea Kavala Camp, wo die Zustände unwürdig sind. Es gibt kaum Lichtquellen, einen Mangel an sicheren, separierten Toiletten und Duschmöglichkeiten und keine Strukturen, die es ermöglichen, sexuelle Belästigungen zu melden. Die Frauen fühlten sich dort extrem unsicher und haben einen "Schutzkreis" entwickelt, ein System um sich gemeinsam zu schützen, da es keine behördlichen Sicherheitsmaßnahmen in dem Camp gab. Mittlerweile sind die Frauen in ein anderes Camp umgezogen.

"Griechenland und andere Länder, die Geflüchtete aufnehmen, müssen dringend Maßnahmen zur Verbesserung der Situation und der Sicherheit von Frauen und Mädchen ergreifen," so Catherine Murphy.

"Zu diesen Maßnahmen gehören als Minimum geschützte Sanitäranlagen und Schlafmöglichkeiten für Frauen, Kinder und LGBTI Geflüchtete und Zugang zu Gesundheitsversorgung, gerade in Fällen von geschlechtsspezifischer Gewalt."

Hintergrund

Geschlechtsspezifische Gewalt ist Gewalt, die gegen eine Person auf Grund ihres Geschlechtes verübt wird. Dies schließt Gewalt gegenüber Frauen und Mädchen ein, aber auch Gewalt, die sich gegen Individuen auf Grund ihrer tatsächlichen oder vermuteten sexuellen Orientierung, ihrer Geschlechtsidentität bzw. ihres Geschlechtsausdrucks und gegen Menschen, die wegen unterschiedlicher Maskulinitätsauffassungen diskriminiert werden, richtet.

Im Jahr 2015 wurden so viele Menschen wie noch nie durch äußere Umstände zur Flucht gezwungen. Bis zum Ende des Jahres wurden 10,5 Millionen Frauen und Mädchen auf der Flucht registriert.