Burundi - Mein Land liebt mich nicht

Seit 2009 sind in Burundi homosexuelle Handlungen ­verboten. Ein Hintergrundbericht über die gesellschaftlichen Folgen.

Vielleicht sollte man in Burundi einfach keine Anhalter mitnehmen - es könnte übel ausgehen. Wie für eine Transsexuelle, die einen Tramper mitnahm: Zunächst versuchte er sie zu erpressen, als sie nicht darauf einging, zeigte er sie wegen Vergewaltigung an. Die Polizei durchsuchte ihr Haus, nahm sie fest. Nur gegen eine Geldzahlung wurde sie freigelassen.

Vielleicht sollte man in Burundi auch einfach nicht lesbisch, schwul, bi-, trans- oder intersexuell sein. Denn sexuelle Handlungen zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern sind seit 2009 per Gesetz verboten. Bei einem Verstoß drohen Haftstrafen von drei Monaten bis zu zwei Jahren oder eine Geldbuße von bis zu 100.000 Burundi-Franc (etwa 47 Euro).

Burundi ist ein traumatisiertes Land: Der jahrzehntelange Konflikt zwischen Hutu und Tutsi mündete 1993 in einen Bürgerkrieg, der das Land verwüstete. Heute gehört es zu den ärms­ten der Welt, auf dem Index für menschliche Entwicklung der Vereinten Nationen von 2011 belegt es den drittletzten Platz vor Niger und der Demokratischen Republik Kongo. Während das ebenso kleine Nachbarland Ruanda - beide haben etwa die Größe Brandenburgs - gerade einen wirtschaftlichen Boom erlebt, scheint in Burundi die Entwicklung auf der Stelle zu treten.

Heute kann man die düsteren Folgen des Anti-Homosexuellen-Gesetzes für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und Intersexuelle betrachten: Ihre Diskriminierung innerhalb der Familien, aber auch durch Nachbarn und Bekannte nahm deutlich zu, ebenso Drohungen, sie zu denunzieren, und Erpressungen, oft in Abstimmung mit der korrupten Polizei. Nicht minder heftig wirkt sich die Verordnung des Erziehungsministeriums aus dem Jahr 2011 aus: Homosexualität steht an erster Stelle in einer Liste von Vergehen, die mit einem fristlosen Ausschluss vom Unterricht und einem Schulverweis ohne Möglichkeit auf Wiederzulassung bestraft werden.

Die verordnete Homophobie hat drastische Folgen für die Betroffenen: "Weil ich von meiner Familie verjagt wurde, kann ich mein Studium nicht fortsetzen", erzählt ein 23-jähriger schwuler Mann. Jetzt prostituiert er sich, um zu überleben. "Wegen meiner Homosexualität wurde ich für mehrere Wochen inhaftiert. Man hat mich mehrere Male geschlagen und verletzt." Eine 20-jährige lesbische Frau wird zu Hause von ihrem großen Bruder und ihrer Cousine drangsaliert: "Nachbarn haben auch schon mit Steinen nach mir geworfen und mich geohrfeigt." "Ich gehe auf die Oberschule und bin sehr fleißig, aber manchmal erfahre ich dort Diskriminierung", berichtet ein 19-Jähriger. "Vor allem als ich mich mit einem Jungen unterhalten habe, der sehr weiblich wirkt, wurde mir vorgeworfen, dass ich homosexuell sei. Dabei bin ich bisexuell!" Seine Familie unterstützt ihn nicht mehr, seit sie von Freunden gehört hat, ihr Sohn sei schwul. Die Freunde seiner Eltern hatten das aus seinem Freundeskreis geschlossen.

Zeugnisse wie diese sammelt das Gemeinschaftszentrum "Remuruka". Es ist das Herz der schwul-lesbischen Community von Burundi. In einem eleganten Viertel der Hauptstadt Bujumbura liegt das einstige Wohnhaus hinter einer schützenden Mauer. Die Wächter lassen nur Personen durch das metallene Eingangstor, die sie kennen oder die sagen können, mit wem sie verabredet sind. Drei der vier burundischen Organisationen, die sich für die Rechte von sexuellen Minderheiten einsetzen, haben hier ihren Sitz. Obwohl sie verschiedene Schwerpunkte setzen und sich an unterschiedliche Zielgruppen wenden, eint sie ein Ziel: für die Interessen von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender und Intersexuellen und gegen die öffentliche Homophobie zu kämpfen.

Früher war das anders, erzählt Thierry von "Rainbow Candlelight". 2004 gründete eine kleine Gruppe um den Menschenrechtler George Kanuma die "Association pour le Respect et les Droits des Homosexuels" (ARDHO). Sie kümmerte sich vor allem um HIV-Aufklärung - damals glaubten viele Männer, die Sex mit Männern hatten, man könne sich nur beim Sex mit einer Frau infizieren. 2007 erhielt die Organisation Fördermittel aus Norwegen, mit denen sie ein Internetcafé einrichtete - die Einnahmen aus diesem Café tragen noch heute zur Finanzierung der ARDHO-Nachfolgeorganisation "Humure" bei. Das Jahr 2009 wurde zur Feuertaufe für die junge Bewegung: Angesichts des drohenden Verbots von Homosexualität stand nicht mehr der Kampf gegen HIV im Vordergrund, sondern der Kampf ums gesellschaftliche Überleben. Trotz engagierter Lobby-Arbeit der Aktivisten wurde das Gesetz zur Kriminalisierung von Homosexualität verabschiedet. Norwegen zog sich wegen "erhöhter Sicherheitsrisiken" aus der Förderung zurück. Die Organisation gab sich einen neutralen neuen Namen: "Humure" (was auf Kirundi "Trost" heißt). Innerhalb der schwul-lesbischen Bewegung wurden Brüche sichtbar, die ein Jahr später zur Spaltung der Organisation führten.

Heute gibt es in Burundi neben "Humure" drei weitere wichtige Organisationen: "Together for Women's Rights" ist die einzige burundische Organisation für Lesben, bisexuelle und Transfrauen. "Rainbow Candlelight" konzentriert sich auf die gesundheitlichen und sozialen Probleme homosexueller Männer. "Mouvement pour les Liberties Individuelles" (MOLI) widmet sich der Recherche und Dokumentation, erstellt Umfragen, Reader und Bestandsaufnahmen. Auch grenzüberschreitend: So hat MOLI die Arbeit der Homosexuellen-Organisationen in Burundi und den Nachbarländern Ruanda und DR Kongo analysiert. Zum Beispiel, was die Schwerpunkte der Arbeit betrifft: Noch immer fließen die meisten Ressourcen in die HIV-Prävention, während Umfragen unter den Aktivisten ergaben, dass für sie der Kampf gegen Diskriminierung und Menschenrechtsverletzungen Priorität haben sollte.

Seitdem die Organisationen unter einem Dach sitzen, kooperieren sie eng miteinander, wie Thierry erzählt: "Wir tauschen Erfahrungen aus, stimmen Aktivitäten ab." Etwa bei der Arbeit in der burundischen Provinz, wo sie Verhütungsmittel verteilen und Gesprächskreise organisieren. "Menschen, die noch nicht mit unseren Organisationen zu tun hatten, wenden sich oft erst mal an das Zentrum und wir leiten sie dann weiter", erklärt Thierry. Denn obwohl das Gelände äußerlich unscheinbar ist und, anders als die einzelnen Organisationen, keinen eigenen Webauftritt besitzt, sorgen Mund-zu-Mund-Propaganda und ein Flyer dafür, dass sich die Kunde von "Remuruka" verbreitet. Zwar sucht man im Infoblatt Begriffe wie schwul, lesbisch oder homosexuell vergeblich. Aber der sechsfarbige Regenbogen und die Symbole der einzelnen Organisationen helfen dabei, zwischen den Zeilen zu lesen, an wen sich die "Gesundheitsservices", "Beratungsdienste" und "soziale Wiedereingliederungen" richten. In der Gesellschaft bleiben die burundischen Aktivisten so unsichtbar, hinter den Kulissen aber kämpfen sie weiter. "Das Gesetz von 2009 hat viele Entwicklungsprozesse gebremst", erzählt Thierry. Dennoch habe es ­damals auch positive Zeichen gegeben, erinnert er sich: "Das Parlament hat das Gesetz zwar passiert, nicht aber den Senat. Außerdem erhielten wir aus Regierungskreisen die Zusicherung, das Gesetz werde nicht angewendet."

"Lange Zeit wurde außer dem Verstoß gegen dieses Gesetz immer noch ein weiterer Grund gefunden, um eine Festnahme zu rechtfertigen", sagt James von MOLI, so wie im Fall der eingangs erwähnten Transsexuellen der Vorwurf der Vergewaltigung. 2012 wurden allerdings zum ersten Mal zwei Frauen nur aufgrund des Gesetzes gegen Homosexualität festgenommen. Lesben sind ohnehin eine besonders verletzliche Gruppe, wie Sandrine von "Together for Women's Rights" unterstreicht: "Der soziale Druck auf Frauen ist viel höher, weil von uns Heiraten und Kinderkriegen erwartet wird." Lesben werden als Frauen und Homosexuelle mehrfach diskriminiert. Vergewaltigungen lesbischer Frauen durch Familienangehörige sind gängige Praxis, um sie so auf den "rechten Weg" zu zwingen. "Und wenn Lesben von ihren Familien verstoßen werden, bleibt ihnen oft nur die Prostitution, um zu überleben", sagt Sandrine.

Die schwierige wirtschaftliche Situation des Landes ist für die Betroffenen ein drängendes Problem. Die oft enge Einbettung in die traditionell starke Familie schafft Abhängigkeiten. Viele erreichen erst spät oder nie eine finanzielle Selbstständigkeit. Ein Coming-out (oder ein Outing) ist mit weitreichenden Konsequenzen verbunden. Gleich mehrere "Remuruka"-Organisationen bieten deshalb Familienberatungen an. Allerdings sind es bislang nur wenige Eltern, die sich auf solche Gespräche einlassen.

Trotz aller Probleme, gibt es ein aktives schwul-lesbisches Leben in Burundi. Viele sind von einem erstaunlichen Optimismus erfüllt. Sandrine erzählt selbstbewusst und lachend davon, wie sie von ihrer Familie in flagranti beim Sex mit ihrer damaligen Freundin erwischt wurde. Oder Nicolas: Hauptberuflich arbeitet der 29-Jährige bei der Non-Profit-Organisation "Society for Women Against Aids", nebenbei kümmert er sich um die Finanzen bei "Humure". Seine Eltern wissen, dass er schwul ist: "Wissen ist nicht verstehen", sagt er, "sie reden nicht darüber. Sexualität ist in unserer Gesellschaft immer noch ein Tabuthema." Im Gegensatz zu anderen Aktivisten geht er offensiv mit seiner Homosexualität um: In einen als tolerant geltenden Club in Bujumbura, wo die Jugend auf der kleinen Tanzfläche nicht nur die neuesten "Moves", sondern auch ihre schicksten Klamotten zeigt, geht er als schillernd androgynes Wesen im Kleid - und niemand scheint sich daran zu stören.

Es gibt also auch in Burundi Freiräume für sexuelle Minderheiten. Stabile Partnerschaften sind hier allerdings ebenso die Ausnahme wie Schwule und Lesben über 30. "Viele Ältere leben ein Doppelleben, sie sind verheiratet, haben Familie", sagt Thierry. "Mit dem Älterwerden und zunehmendem beruflichen Erfolg steigt oft die Angst, durch ein Coming-out diesen Erfolg zu gefährden." Allerdings habe er die Hoffnung, dass sich diese Situation jetzt ändert: "Die Jungen erfahren miteinander eine Freiheit, hinter die man kaum zurückkann."

Zum Beispiel bei MOLI: Einmal in der Woche treffen sich die Jungs im Zentrum und diskutieren über ein bestimmtes Thema, ob Liebe, die schwule Community oder Sex - die Gespräche enden doch immer wieder bei den Sehnsüchten und Träumen: "Die große Liebe, eine echte Partnerschaft", wünscht sich ein 22-jähriger Informatikstudent, ein 20-Jähriger will vor allem von seiner Familie akzeptiert werden: "Und zwar so, wie ich bin!" Ein dritter hofft, dass in Zukunft "die Homophobie in gleichem Maße als Sünde gesehen wird, wie das heute für die Homosexualität der Fall ist".

Mut mache diese junge Generation, die idealistisch ihre Hoffnungen und Wünsche formuliert, sagt Thierry. Doch die Bewegung steht vor großen Herausforderungen. Im Januar lief die Förderung des "Remuruka"-Zentrums durch die US-amerikanische "Heartland Alliance" aus - jetzt bemühen sich die drei Organisationen, die Miete und den Unterhalt allein zu stemmen. Dabei haben schon die Kampagnen gegen das Anti-Homosexuellen-Gesetz und die Schulverordnung gezeigt, dass die Organisationen personell wie finanziell zu schwach aufgestellt sind, um gegen die religiöse Lobby zu bestehen. Über 98 Prozent der Burunder sind gläubig, die meisten von ihnen katholisch, aber auch der Islam und evangelikale Strömungen spielen eine Rolle. Zudem mangelt es an Prominenten, die sich für den Kampf gegen Homophobie einsetzen.

Drohungen westlicher Staaten, bei anhaltender staatlicher Homophobie die Entwicklungshilfe zu kürzen, werden als kontraproduktiv wahrgenommen. "Die Gefahr ist, dass die Drohungen extrem negativ auf die Community zurückfallen werden", sagt Sandrine. Sanktionen würden die sexuellen Minderheiten zum Sündenbock machen. Denn die afrikanischen Staaten, auch die ärmsten, sind selbstbewusster geworden, wollen sich von westlichen Regierungen nichts mehr vorschreiben lassen. Wichtiger, so Sandrine, sei die finanzielle Unterstützung der Menschenrechtsarbeit vor Ort.

Denn noch ist viel zu tun in Burundi, einem Staat, der einen Teil seiner Bürger zu Parias macht. "Ich liebe mein Land, ich respektiere unsere Kultur und ich versuche, der Tradition zu folgen", bringt es ein 24-jähriger schwuler Mann auf den Punkt: "Allein - die Burunder wollen ihre Augen nicht öffnen; Homosexualität hat es hier immer gegeben. Und wie jemand treffend gesagt hat: Ich liebe mein Land, aber mein Land liebt mich nicht."

Der Autor Georg Kasch lebt als Kulturjournalist in Berlin.