Zwischen Partylife und Untergrund – Schwule im Iran

In der letzten Zeit sorgten wiederholt Hinrichtungen von Schwulen für Aufsehen in der Weltpresse. Dieses Interview wurde in Teheran geführt, der Hauptstadt der Islamischen Republik Iran.

Offiziell werden homosexuelle Handlungen mit der Todesstrafe geahndet, doch abseits der Gesetzgebung hat sich eine homosexuelle Subkultur entwickelt, von der zwei schwule Teheraner hier berichten. Die iranische Bevölkerung ist sehr schichtbewusst, dem entsprechend unterschiedlich ist auch das schwule Leben.

S. ist 45 Jahre alt, iranisch-armenischer Christ und lebt in Mittel-Teheran, einem sozial gemischten Bezirk.

M. ist 35 Jahre alt, Künstler und gehört der oberen Mittelschicht an.      

Wie hat sich die Situation für Homosexuelle unter dem neuen Präsidenten Ahmadinedschad geändert?  

S.: Nicht so sehr wie man denken könnte. Alle sind natürlich etwas vorsichtiger geworden, im Park sind vielleicht etwas weniger Leute, außerdem hat sich der Treffpunkt von einem in einen anderen Park verlagert. Früher, unter Präsident Chatami, war es natürlich alles viel lockerer, man hatte mehr Freiheiten. So war es z.B. möglich, dass sich manche Schwule nachts im Park geküsst haben, ohne dass die Parkpolizei eingeschritten wäre. Heute ist das undenkbar, heute kommen sie sogar zu einem her und kritisieren, wenn man in ihren Augen nicht islamisch anständig gekleidet ist.  

M.: Ich selbst habe noch keine Veränderung bemerkt. Gut, das Problem ist, dass der Wechsel ganz schleichend kommt, man hört mal im Bekanntenkreis von einer Verhaftung. Man hört hier und dort von einer Razzia, aber vielleicht auch nur, weil der Schmieresteher nicht aufgepasst hat. Natürlich hat man als Schwuler immer im Hinterkopf, was passieren könnte und ist unbewusst immer auf der Lauer. Trotzdem fühle ich mich sicher und bin glücklich hier. Das ist eben das Gute an der Situation in dem islamischen Land, dass Dich niemand schief ankuckt, wenn man als Mann mit einem Mann auf der Straße Händchen hält, ihn umarmt. Das bedeutet hier nicht, dass man schwul ist! Das ist unser Vorteil, es schützt unser Leben im Untergrund.  

Hast Du von den Hinrichtungen von Homosexuellen in Mashad erfahren? Haben die Schwulen jetzt mehr Angst?  

S.: Ja, aber nur über (illegales) ausländisches Satellitenfernsehen. Vielleicht gab es auch eine ganz kleine Notiz in den Zeitungen, aber die liest ja sowieso kaum jemand, weil es keine freie Presse mehr gibt. Wir waren natürlich schockiert, aber solche Dinge passieren immer nur in der Provinz oder in Pilgerorten wie Mashad. In Teheran ist die Situation immer offener und freier, hier wäre so etwas nicht vorstellbar.  

M.: Nein, von diesem Vorfall habe ich nichts gehört.  

Welche Möglichkeiten gibt es in Teheran, andere Schwule zu treffen?  

S.: Man trifft sich im Park oder auf der Straße, alles läuft mit Blickkontakt, man liest in den Augen der anderen. Ganz selten kommt es dann zu Sex irgendwo versteckt im Park (aber nur sehr spät nachts), oder man verabredet sich zuhause oder irgendwo anders. Es gibt auch manche Saunen, man trifft sich dort und hat Blickkontakt. Sehr selten gibt es dort auch Sex, aber meistens verabredet sich man dann irgendwo anders.
Es gibt auch seit wenigen Jahren ein Café einer Frau, die lange in England gelebt hat. Es ist in der Szene bekannt als Schwulentreffpunkt. Natürlich wird dort nicht offen über das Thema geredet, das wäre zu gefährlich. So hat die Polizei keinen Grund  für Razzien und man kann sich einfach so kennen lernen, um sich dann irgendwo anders zu verabreden.
Es gibt auch Schwulenpartys, dabei treffen sich ca. 30-40 Leute in einer privaten Wohnung. Dort tanzt man zu westlicher und iranischer Musik und trinkt Alkohol, während draußen einer Schmiere stehen muss und aufpasst, ob das Komitee (=Religionspolizei) kommt. Aber das gefällt mir nicht, weil die meisten dort in Frauenkleidern rumlaufen, das ist nicht mein Ding.
Natürlich finden auch viele Schwule Kontakt über das Internet, aber in letzter Zeit werden immer wieder Chatrooms und Websites gesperrt oder geschlossen. Man muss dann wieder neue Chatrooms finden, das ist mir oft zu umständlich.  

M.: Ich treffe auch öfters Schwule auf der Straße, das passiert häufig. Auch über das Internet gibt es viele Möglichkeiten, dort wurde sogar schon vor Leuten gewarnt, die man nicht treffen soll, weil sie vielleicht von der Polizei sein könnten.
Die Schwulenpartys, die ich kenne, sind anders. De meisten Schwulen dort sind äußerlich völlig unauffällig. Und größer sind die Partys auch, manchmal sogar bis zu 100 Leute. Manchmal gibt es auch Ecstasy-Partys. Ich selbst bin nur ein einziges Mal im Tschador und geschminkt auf eine Party gegangen, dort waren Leute im Fummel oder Transen eher selten.  

Kennst Du homosexuelle Paare, die miteinander leben?

S.: Nein. Ich wünsche mir mit einem festen Partner in einer Beziehung zusammen zu leben, aber das ist fast unmöglich. Ich kenne selber keine schwulen Paare, die zusammen leben. Es ergibt sich öfters, dass man sich über längere Zeit mit demselben Sexpartner verabredet, aber darüber hinaus geht es nicht.

M.: Ich kenne einige Paare, von denen auch manche zusammen wohnen und leben. Nach außen sind sie natürlich kein offen schwules Paar, man betrachtet sie als WG oder Freunde. Aber viele führen eine langjährige glückliche Beziehung. Und man kann auf Partys auch befreundete Paare sehen, die sich dort treffen.  

Wie gehen die Schwulen mit AIDS um?  

S.: Ich schütze mich immer beim Sex mit Fremden, aber ich denke, dass so ca. 90% der Schwulen ungeschützten Sex haben. Z.B. in den Kinos: Es gibt manche Kinos in Downtown, die als Schwulentreffs bekannt sind. Man trifft sich im Zuschauerraum, dort werden verschiedene Sexpraktiken betrieben, wenn man jedoch Analverkehr möchte, geht man zu den Toiletten. Dort sind es meist Gruppen von 5 oder 6 Männern, die miteinander Sex haben. Einer steht draußen zur Kontrolle, während die anderen drinnen Sex haben. Dabei werden nie Kondome verwendet. Es gibt fast wöchentliche Razzien, aber selten wird jemand verhaftet, weil die Schwulen durch dieses System sehr vorsichtig sind.  

M.: In meinem Bekanntenkreis gibt es nur Schwule, die Safer Sex betreiben und sie benutzen alle Kondome. Ich persönlich kenne keine HIV-Positive oder Aids-Kranke. Natürlich weiß man, dass es sie gibt, aber da es auch von Seiten der Regierung immer noch tabuisiert wird und keine realen Zahlen veröffentlicht werden, weiß man nur sehr wenig darüber.   

Was weißt Du über Lesben in Teheran? Gibt es eine Szene oder Treffpunkte?  

S.: Ich habe gehört, dass es in der Highschool oder auch in Studentenwohnheimen öfters zu lesbischem Sex kommt, aber das passiert nach meiner Meinung auch, weil Männer und Frauen so sehr getrennt voneinander leben müssen und ihre sexuellen Bedürfnisse mit dem gleichen Geschlecht ausleben. Das trifft auch auf die Männer zu, die man im Park oder Kino beim schwulen Sex antrifft. Viele von ihnen definieren sich nicht als schwul, sondern wollen nur schnellen Sex mit einem Partner.  

M.: Da habe ich andere Erfahrungen. Die Lesben können eigentlich ganz ungestört leben. Ich kenne zwei Lesben, die zwar kein Paar sind, aber zusammen in einer Wohnung leben. Sie haben genauso wie die Schwulen ihre eigenen Partys und auch Websites und Chatrooms, in denen sie sich verabreden können. Was sich unter Ahmadinedschad verändert hat, ist, dass die Kontrollen auf der Straße wegen zu knappen Kopftuches oder zu modischer Kleidung häufiger sind. Aber das betrifft natürlich alle Frauen.  

Herzlichen Dank für dieses offene Interview! Die Fragen stelle Tom Baxter