Bild: © Courtesy of the University of Texas Libraries
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Aufbruch und Rückkehr zu Menschenrechten sexueller Minderheiten

Der hierzulande bekannte Begriff " Homosexualität" ist nicht ohne weiteres auf Indien anwendbar. Die umfassende Idee eines selbst bestimmten autonomen homosexuellen Lebens ist ein Kennzeichen der westlichen Moderne. Die westliche Idee der " Homosexualität" ist der indischen Bevölkerung überwiegend fremd oder wird als Gefahr für die traditionelle soziale und politische Ordnung empfunden.

Im Folgenden werden dieser u.ä. Begriffe daher in Anführungszeichen gesetzt. Im Hinduismus tauchen in schriftlichen und mündlichen Oberlieferungen gleichgeschlechtliche erotische Abenteuer sowie Geschlechtsumwandlungen und ferner die Idee eines dritten Geschlechts auf. Die sog. Hijras sind als Angehörige des dritten Geschlechts bzw. als Wesen zwischen den Geschlechtern auch in der heutigen indischen Gesellschaft präsent. In der Realität sind es jedoch meist "biologisch eindeutig" geborene Männer, die sich aus sozialen oder/und erotischen Motiven gegen ein Leben als Mann entscheiden und sich der Gemeinschaft anschließen. Meist lassen sie sich nach einer "transvestitischen" Phase kastrieren. Dieses Ritual steht nicht nur für die Aufnahme in die Gemeinschaft der Hijras, sondern bedeutet teilweise auch die Einweihung in den Kult der Göttin Bachuhara. Aufgrund dieser religiösen Beziehung werden Hijras spirituelle Kräfte nachgesagt, die ihnen ein gewisses Maß an gesellschaftlicher Anerkennung zuteil werden lassen.

Seit ca. 1500 v. Chr. prägte sich mit Anbruch des wedischen Brahmanismus einer Periode, in der die Brahmanen (Priester) eine unbeschränkte Machtstellung erhielten, weil nur sie das komplizierte Ritual kannten, um sich die Götter dienstbar zu machen - die Dominanz des Patriarchats immer stärker aus. Parallel zu dieser Entwicklung begann seit ca. 1500 v. Chr. die Unterdrückung von " Homosexualität".

Mit dem britischen Kolonialismus wurden die westlichen Moralvorstellungen übernommen, denen zufolge Sexualität etwas Krankhaftes sei. Die britische Gesetzgebung bzw. diverse Paragraphen des Indischen Strafgesetzbuchs (indian Penal Code) von 1860 wurden herangezogen, um "Homosexualität" zu bestrafen. Die besagten Paragraphen sind schon seit geraumer Zeit nicht mehr Teil des britischen Strafgesetzbuches, in Indien jedoch nach wie vor aktuell. Die heutige Menschenrechtsbewegung des Landes ist weit davon entfernt, sich mit der LGBT-Thematik zu befassen. In der Vergangenheit gab es progressive Gruppen, die sich mit Unterdrückung und Enteignung unter dem Aspekt der Menschenrechte beschäftigten, jedoch der Auffassung waren, dass z.B. Rechte von " Lesben " nicht in ihren Bereich passten, da es sich dabei um einen persönlichen Lebensstil handele.

Die Menschenrechtsbewegung sexueller Minderheiten in Indien begann in den späten 1970er und frühen 80er Jahren mit der Publikation von Gay Scene, einer Zeitschrift, die in Calcutta herausgegeben wurde. 1987 gründete sich in Bangalore eine Schwulengruppe namens Sneha Sangam, 1989 dann die Delhi Group, eine Gruppe lesbischer Feministinnen. 1990 kam Bombay Dost heraus - die erste Lesben- und Schwulenzeitschrift. Sakhi war das erste öffentliche Lesbenzentrum und eine Lesbengruppe, die sich 1991 in Delhi bildete. Seitdem wird die Bewegung für die Rechte sexueller Minderheiten mehr und mehr verstärkt durch Gründung von Organisationen, Telefonseelsorgen, Publikationen, Kampagnen für die Aufhebung bzw. Überprüfung von Gesetzen, die sich auf Sexualität beziehen etc. Dies geschieht vorwiegend in Indiens Großstädten wie Delhi, Mumbai, Calcutta, Bangalore. Diese Unterstützung bezieht sich in erster Linie auf " Schwule ", wohingegen " Lesben " und "Bisexuellen" ein solches Netz weitgehend fehlt. Durch den Mangel an Ressourcen, Personal und Unterstützung seitens der Regierung sowie aufgrund extremer gesellschaftlicher -und staatlicher Diskriminierung haben es kleine Organisationen schwer zu überleben. Selbst die größeren unter ihnen erreichen nur einen Bruchteil der sexuellen Minderheiten in der Bevölkerung.

Menschenrechtsverletzungen werden sowohl vonseiten des Staates als auch von der Gesellschaft verübt. Dabei sind die des Staates zu unterteilen in Menschenrechte missachtende Gesetzgebung einerseits und ebensolche Polizeimaßnahmen andererseits. Der bekannteste Paragraph des Indischen Strafgesetzbuches ist der aus der britischen Koloniaigesetzgebung stammende Paragraph 377, der "homosexuelles" Verhalten kriminalisiert. Der Paragraph verbietet zwar " Homosexualität" nicht explizit, wird jedoch hauptsächlich auf sexuelle Minderheiten angewandt. Derzeit wird er vorwiegend von der Polizei dazu verwendet, "schwule" und "bisexuelle" Männer, die in öffentlichen Gebieten und Räumen gefasst werden, zu schikanieren, zu erpressen, zu missbrauchen und illegal festzunehmen. Bei Festnahmen werden sie von der Polizei verhört und daraufhin für ein bis mehrere Tage inhaftiert. Da die Polizei diese Fälle nicht dokumentiert, fehlen jegliche Beweismittel dafür, dass Festnahmen dieser Art stattfinden. Daraus resultierend werden sie auch in der Öffentlichkeit nicht bekannt. Lesben werden eingeschüchtert - insbesondere in Fällen, in denen zwei Frauen gemeinsam weglaufen. Das Forum Against Oppression of Women (Forum gegen die Unterdrückung von Frauen) des Human Rights Law Network (Menschenrechtsnetzwerk) hat bereits eine Unterschriften-Kampagne für die Aufhebung des Paragraphen 377 des Indischen Strafgesetzbuches gestartet.

Innerhalb der Familie wird versucht, Kinder dahingehend zu sozialisieren, dass kein Weg an der heterosexuellen Ehe vorbeiführt. Der Druck auf Frauen ist umso stärker, da sie weit weniger unabhängig sind als Männer. " Lesbische "/" bisexuelle" Frauen sind noch unsichtbarer als "schwule"/"bisexuelle" Männer und werden häufig - selbst von Frauenorganisationen - als in Indien nicht-existent bezeichnet. Aufgrund dieser Unsichtbarkeit sind " Lesben " weniger als " Schwule " den Schikanierungen der Polizei durch Paragraph 377 ausgesetzt. Die Diskriminierung von,"Lesben" und "bisexuellen" Frauen geht einher mit der allgemeinen Diskriminierung von Frauen in Indien. Da öffentliche Orte von Männern dominiert sind, ist es noch schwerer für " Lesben ", solche Räume für sich zu öffnen und sich zu organisieren. Wenn Eltern von der "Homo-" oder "Bisexualität" ihrer Töchter erfahren, ist nur äußerst selten mit Unterstützung zu rechnen. Oft werden sie trotzdem verheiratet und dazu gezwungen, ihre Sexualität zu unterdrücken. Da der eheliche Rahmen im Grunde die einzige Möglichkeit ist, in Indien nicht-kontrollierte Sexualität zu leben, ist der Wunsch bei "lesbischen" Frauen groß, die Legalisierung gleichgeschlechtlicher Ehen voranzutreiben.

Jedoch gibt es Hoffnung für sexuelle Minderheiten in Indien. Die Organisation Humiinsi zum Beispiel besteht aus einer Gruppe von Frauen in Mumbai, die versuchen, Indiens LGBT-Gemeinschaft sichtbarer zu machen, "lesbische" und "bisexuelle" Frauen zu unterstützen, Selbstmorde "lesbischer" und "bisexueller" Frauen und Menschenrechtsverletzungen aufzudecken und sie zu dokumentieren sowie Kampagnen zu Gesetzesreformen zu unterstützen. Eine weitere Organisation namens Aanchal Trust bemüht sich derzeit um die Finanzi'erung eines Zufluchtsortes in Mumbai in Form von zwei Apartments, die "lesbischen" und "bisexuellen" Frauen auf der Flucht vor häuslicher Gewalt zur Verfügung stehen sollen.

Desweiteren hat die UN-Menschenrechtskommission bei ihrer Zusammenkunft im März dieses Jahres in Genf den Umgang mit sexuellen Minderheiten in Indien heftig kritisiert. Aditya Bondyopadhyay, ein indischer Rechtsanwalt und schwuler Aktivist, durfte direkt vor der Kommission sprechen, um die Situation der "LGBTS" in Indien darzulegen. Zuvor hatte die UN-Menschenrechtskommission erst zweimal Stimmen von LGBT-Personen gehört, die ihre Situation beschreiben durften. 

Barbara Schütte, Hamburg