Bild: © Courtesy of the University of Texas Libraries
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Aanchal Trust: Lesbische Menschenrechtsverteidigerinnen in Indien

Aanchal Trust ist eine unabhängige Organisation für "lesbische" [siehe Anmerkung] und "bisexuelle" Frauen in Mumbai/Indien, die gegen die Diskriminierung von "Lesben" und "Schwulen" und gegen Homophobie in der indischen Gesellschaft kämpft.

Der Begriff "Aanchal" ist Hindi und bedeutet in etwa "Schutz" oder "Unterschlupf". In Indien gilt auch heute noch die britische Rechtsordnung aus Kolonialzeiten, welche für "Homosexualität" –carnal intercourse against nature (Kap.XVI, § 377 von 1860) – eine Haftstrafe von 14 Jahren bis zu lebenslang vorsieht. Da sich der genaue Wortlaut des Paragraphen jedoch auf "Penetration" bezieht und er auch generell von der Polizei eher als Mittel zur Abschreckung verwendet wird, hat meines Wissens nach bisher keine Verurteilung von "lesbischen" oder "bisexuellen" Frauen darunter stattgefunden.

Im September 2003 erklärte Indiens Regierung laut einem online-Zeitungsartikel von 365Gay.com, dass dieser Paragraph aufgrund der starken Missbilligung der Gesellschaft gegenüber "Homosexuellen" weiter bestehen bleiben müsse. Eine lebenslange Haftstrafe sei notwenig, um "Homosexualität" zu kontrollieren. Auch wenn die Höchststrafe selten verhängt wird, verstärkt diese Rechtsordnung die Homophobie in der Gesellschaft.

Die extreme Isolation gehört zu den Hauptproblemen von "lesbischen" und "bisexuellen" Frauen in Indien. Es ist üblich, dass Frauen bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie heiraten oder verheiratet werden, bei ihrer Familie wohnen. Da es keinen gesellschaftlich sanktionierten Ort für allein stehende "lesbische" oder "bisexuelle" Frauen gibt und in den meisten Fällen auch keine AnsprechpartnerInnen im persönlichen Umfeld vorhanden sind, werden Frauen gezwungen, ihre Gefühle und Gedanken für sich zu behalten und zu verstecken.

Andernfalls besteht das Risiko, von der eigenen Familie gemieden, verstoßen oder in eine psychiatrische Behand lung geschickt zu werden. Auch Übergriffe von Seiten der Familie oder der Polizei sind keine Seltenheit. Häufig sind schwere Depressionen bis hin zu Suizid die Folge dieser Umstände. Im Oktober 2002 begingen zwei Frauen, Sumathi, 26 Jahre, und Geethalakshmi, 27 Jahre, Selbstmord.

Aufgrund ihrer Liebe zueinander wurden sie nach dreijährigem Aufenthalt in einem Yoga Zentrum in Coimbatore hinausgeworfen und sahen sich gezwungen, zu ihren Familien zurückzukehren. Einige Zeit später wurden ihre Leichen und ein Abschiedsbrief mit folgenden Worten gefunden: "This society will not accept our relationship. We are not able to live apart from each other and that is why we have arrived at this decision. Whether you bury us or burn us does not separate us from each other". (Diese Gesellschaft akzeptiert unsere Beziehung nicht. Wir können nicht getrennt voneinander leben, und daher sind wir zu dieser Entscheidung gelangt. Gleich, ob wir beerdigt oder verbrannt werden, es wird uns nicht voneinander trennen.)

Geeta Kumana, die Leiterin und Gründerin von Aanchal, setzt sich seit 1996 aktiv für die Rechte von "lesbischen" und "bisexuellen" Frauen ein. Das politische Lobbying zur Durchsetzung von Menschen- und Lesbenrechten ist wichtiger Bestandteil von Geetas Arbeit. In Kooperation mit anderen LGBT-Gruppen in Indien versucht Aanchal, den Paragraphen 377 zu bekämpfen und die Regierung auf die damit zusammenhängende Problematik und Diskriminierung aufmerksam zu machen.

Bis sich Geeta Kumana am 12. Mai 2002 mit Aanchal selbstständig machte, war Aanchal eine Selbsthilfegruppe und Telefonhotline innerhalb der Menschenrechts- NGO India Centre for Human Rights and Law (ICHRL). Mit der Gründung von Aanchal hat sie sich die Beratung und Unterstützung von Frauen, welche die normative und zwingende Heterosexualität in Frage stellen, zur Aufgabe gemacht. Die Beratung zu rechtlichen sowie sozialen Angelegenheiten erhalten Frauen über die telefonische help line.

Die Mitarbeiterinnen von Aanchal nutzen auch hier die Möglichkeit, die Anruferinnen zu einem Besuch der monatlichen Treffen für "lesbische" und "bisexuelle" Frauen bei Aanchal in Mumbai zu ermutigen. Die Hälfte aller Frauen, die bei Aanchal anrufen, nimmt später bei einem der Treffen teil. Dort haben sie die Möglichkeit, Kontakte zu anderen "lesbischen" oder "bisexuellen" Frauen zu knüpfen, Erfahrungen und Wissen auszutauschen und vor allem, ein Netzwerk zur gegenseitigen Unterstützung aufzubauen.

Aanchal bietet einen Raum, in dem jede Frau geschützt und angenommen wird. „Es ist ein Ort, an dem Frauen, die Frauen lieben, jene Kraft holen können, die sie brauchen, um in einer homophoben Gesellschaft zu überleben, und die sie ermächtigt, für ihre Rechte zu kämpfen." (Zit. Gerlinde Braumiller: Lesben in Indien, In: "Frauensolidarität" Nr. 84, 2/03, S. 25). Zur Arbeit von Aanchal gehört es auch, Übergriffe und jede Form von physischer oder psychischer Gewalt oder Diskriminierung gegen Frauen im Zusammenhang mit ihrer Sexualität zu dokumentieren und sichtbar zu machen.

Ein weiterer Aufgabenbereich von Aanchal ist die Präventionsarbeit zu sexuell übertragbaren Krankheiten und Safer Sex. Jegliche Aufklärungsarbeit zu diesem Thema bezieht sich gewöhnlich ausschließlich auf heterosexuelle Menschen; "Lesben", "Schwule" und "Transgender-Personen" werden auch hier völlig ausgegrenzt. Geeta Kumana spricht in ihren öffentlichen Aufklärungsveranstaltungen in Mumbai genau diese Zielgruppen an und versucht so, mit der Unterstützung internationaler Organisationen, gegen das Ungleichgewicht im Informationszugang zu arbeiten.

Den Aufbau von Aanchal konnte Geeta Kumana selbst finanzieren. Unterstützung aus dem Ausland (z.B. von MAMACASH, Global Fund for Women, Tides Foundation International – India Fund, X minus Y Solidarity Fund) konnte ein Überleben Aanchals bis heute ermöglichen. Derzeit steckt Aanchal in einer schweren finanziellen Krise, der Fortbestand und die Weiterarbeit sind ohne Spenden aus dem Ausland stark gefährdet. Eines der langfristigen Ziele von Aanchal ist es, ein Shelter Home, also ein Schutzhaus für "lesbische" und "bisexuelle" Frauen in Mumbai ins Leben zu rufen.

Das Shelter Home soll bedrohten oder verstoßenen Frauen für einen begrenzten Zeitraum eine sichere Unterkunft sowie soziale, rechtliche und emotionale Unterstützung bieten. Während des Aufenthalts helfen Mitarbeiterinnen von Aanchal den Frauen, eine eigene sichere Wohnmöglichkeit zu finden und erste Schritte in ein selbstständigeres Leben zu unternehmen.

Die LGBT-Gruppe von Amnesty International Österreich wollte Aanchal im Speziellen für dieses Projekt unterstützen – trotzdem ist die Verwirklichung momentan aus finanziellen Gründen nicht möglich. Daher versucht die österreichische LGBTGruppe, ein anderes Projekt von Aanchal zu fördern. Um ihre Organisation und die Diskriminierung von "lesbischen" und "bisexuellen" Frauen in Indien öffentlicher zu machen, versucht Geeta Kumana derzeit, eine indische Radiostation zu finden, die einen Beitrag über Aanchal senden würde.

Die österreichische ai-LGBT-Gruppe steht seit über einem Jahr in ständigem Kontakt mit Geeta Kumana. Sie selbst war im Frühling 2003 in Wien, um weitere Kontakte zu europäischen Organisationen und Personen zu knüpfen sowie Informationsveranstaltungen über ihre Arbeit abzuhalten. Der Kontakt zu Aanchal entstand über Gerlinde Braumiller, die während ihres Indien-Aufenthaltes 2002 mehrere Monate Mitarbeiterin und Aktivistin innerhalb Aanchals war und seit letztem Jahr engagiertes Gruppenmitglied der österreichischen ai-LGBT-Gruppe ist.

Barbara Berghold, Wien Weitere Informationen über Aanchal sowie die Kontaktadresse über Email sind im Internet auf der erst kürzlich eingerichteten Website www.aanchal.org zu finden. Informationen zu Möglichkeiten, Aanchal zu unterstützen, sind erhältlich bei ai-lgbt, amnesty international Österreich, Moeringgasse 10, 1150 Wien, info[at]lgbt.at

Anmerkung: Die Begriffe "Homosexualität", "Lesben" u.ä. sind in Anführungszeichen gesetzt, da die westliche Idee der Homosexualität nicht ohne weiteres auf Indien anwendbar und der indischen Bevölkerung überwiegend fremd ist bzw. als Bedrohung für die traditionelle gesellschaftliche Ordnung empfunden wird.