Interview mit Tsi Tsi Tiripano (ai-Journal 06/2000)

Mit Gewalt und Medizin gegen HomosexualitätIm April besuchte die Menschenrechtlerin Tsi Tsi Tiripano (Pseudonym) im Rahmen einer weltweiten Vortrags- und Informationsreise die deutsche Sektion von amnesty international.

ai hatte sich 1996 für Tsi Tsi Tiripano eingesetzt, weil sie im Verlauf der Internationalen Buchmesse in Harare massiven Bedrohungen ausgesetzt war, die in einem Brandanschlag auf den Stand der Gays and Lesbians of Zimbabwe (GALZ) gipfelten.

ai-JOURNAL: Was geschah damals auf der Buchmesse, und wie hat sich Ihr Leben danach entwickelt?

Tsi Tsi Tiripano: Am letzten Tag der Buchmesse in Harare wurde der Stand der Gays and Lesbians of Zimbabwe von Studenten überfallen. Ich floh zu einer Freundin. Am nächsten Tag fuhr ich in meine Heimatstadt in Marondera. Dort erwartete mich die Frauenliga mit lauten Rufen "Nieder mit der Homosexualität". Ich dachte, zwei Polizisten könnten mich nach Hause bringen, denn ich hatte Angst, dass der Mob mich umbringen würde. Sie verweigerten mir ihre Hilfe mit den Worten "Wir haben dich nicht lesbisch gemacht." Ich entkam mit dem nächsten Bus nach Harare. Keith Goddard von der GALZ riet mir dann, für einige Zeit auf's Land zu gehen. Aber auf dem Land war es noch schwieriger: Die Leute dachten, ich wollte ihren Kindern beibringen, homosexuell zu sein. Sie sagten, ich gehörte zu den Menschen aus dem Westen. Keith hat mir dann eine Unterkunft in der Nähe von Harare besorgt, wo ich heute noch lebe.

Warum haben die Repressionen ausgerechnet Sie so stark getroffen? 

Ich bin die erste schwarze Frau in Simbabwe, die sich öffentlich geoutet hat. Außerdem bin ich die erste Schwarze bei den Gays and Lesbians of Zimbabwe. Die GALZ wurde 1989 gegründet und 1993, als ich eintrat, bestand sie nur aus Weißen. Als ich 15 Jahre alt war, wurde ich von meinem Vater in eine Ehe mit einem Mann gezwungen, der 40 Jahre älter war. Aus dieser erzwungenen Ehe, die 1988 endete, habe ich zwei Söhne, 16 und 18 Jahre alt. Nachdem meine Familie von meiner sexuellen Orientierung erfahren hatte, wollte mein Vater nichts mehr von mir wissen. Die folgenden zwei Jahre habe ich weder meine Familie noch meine Söhne gesehen. Dann habe ich den Kontakt wieder aufgenommen, um meine Kinder zu sehen. Seitdem hat mein Vater nie wieder über meine sexuelle Orientierung gesprochen. 

Wie beurteilen Sie die politische Situation in Simbabwe?

Unser Präsident wagt sich zu weit vor. Die Leute fragen, warum er sich so auf Lesben und Schwule konzentriert. Warum beschäftigt er sich nicht mit der Wirtschaft? Viele solidarisieren sich mit uns, sogar in ländlichen Gebieten. Wir haben beispielsweise ein Projekt in der GALZ, in dem wir mit den Menschen über AIDS sprechen. Das interessiert die Leute, und deshalb unterstützen sie uns. Aber die Landfrage steht zurzeit im Vordergrund. Warum jetzt? Simbabwe ist seit 20 Jahren unabhängig. Warum hat Mugabe die Landfrage nicht in den frühen 80er-Jahren gelöst? 

Ein Hauptargument Mugabes lautet, bei Homosexualität handele es sich um eine weiße und also unafrikanische Erscheinung. 

In unserer Sprache Shona gibt es ein Wort für Homosexualität: Mbotchani - wo soll dieses Wort her kommen, wenn es angeblich unter den Schwarzen früher keine Lesben und Schwule gegeben hat. Wir haben herausgefunden, dass es eine Tochter eines Stammesältesten gab, die ihr ganzes Leben lang lesbisch war. Als ihr Vater das herausfand, wurde die Frau von einem Verwandten vergewaltigt. Später beging sie Selbstmord. Lesbischen Frauen werden verschiedenste Medizinpräparate verschrieben, die sie heilen sollen. Es kommt auch zu rituellen Waschungen und Reinigungsprozeduren. Die Vorstellung, Homosexualität ließe sich wegwaschen, ist weit verbreitet. 

Welche Unterstützung erwarten Sie von amnesty international? 

Für die Lesben und Schwulen in Simbabwe ist die Zeit reif, aufzustehen und die Diskriminierung zu bekämpfen. Wir wollen für uns selbst kämpfen. Wenn eine westliche Menschenrechtsorganisation sich an die Spitze dieses Kampfes setzte, dann würden wir noch stärker ausgegrenzt und als westlich beeinflusst gelten. Wir brauchen aber Unterstützung für unser Anliegen, vor allem, wenn wir bedroht werden. Ohne Menschenrechtsorganisationen wie amnesty international geht es nicht. 

Interview:
Claudia Jarzebowski, Colin de la Motte-Sherman