Patricia, eine 32-jährige Trans*-Frau, hat zu viel Angst, um in ihrer Heimatstadt in El Salvador zu bleiben, nachdem Banden begonnen haben, sie wegen ihrer geschlechtlichen Identität zu bedrohen © Amnesty International/Encarni Pindado
Patricia, eine 32-jährige Trans*-Frau, hat zu viel Angst, um in ihrer Heimatstadt in El Salvador zu bleiben, nachdem Banden begonnen haben, sie wegen ihrer geschlechtlichen Identität zu bedrohen © Amnesty International/Encarni Pindado

Zentralamerika: "In meinem Land kann ich nicht mehr leben!"

ZENTRALAMERIKA KEHRT HUNDERTTAUSENDEN DEN RÜCKEN, DIE VOR 'KRIEGSARTIGER' GEWALT FLIEHEN

Patricia ist eine 32 Jahre alte Trans*-Frau aus El Salvador, die stolz auf ihren eigenen kleinen Laden mit dem Verkauf von Getränken in der Nachbarschaft war. Patricias Geschäft wurde durch die "Gebühr" gefährdet, die sie an lokale Banden zahlen musste. Den Betrag von US$50 oder US$100 monatlich konnte sie fast nie aufbringen. Patricia erhielt Drohungen von den Banden, wagte aber nie, sich an die Behörden zu wenden, da Polizeibeamte sie in der Vergangenheit wegen ihrer Geschlechtsidentität und häuslicher Angelegenheiten schikaniert hatten. Sie hatte bereits zweimal ohne jedes Ergebnis Berichte über Schikane durch die Polizei beim Ombudsman für Menschenrechte (PDDH) eingereicht.

Im ersten Fall vom Juni 2015 berichtete sie dem PDDH, dass maskierte Polizeibeamte eines Morgens um 3 Uhr zu ihr nach Hause gekommen seien. Sie fragten nach einem Bruder, der dort seit über drei Jahren nicht mehr lebte, schlugen sie mit ihren Gewehren und sagten ihr, sie müsse ihr Zuhause innerhalb eines Monats verlassen. Laut dem zweiten Bericht vom September 2015 hatte sie ein Nachbar gewarnt, dass Polizeibeamte sie zwei Mal vergangene Woche im selben Haus und auch bei der Arbeit gesucht hätten.

Tage nach diesen Vorfällen beschloss sie nach Mexiko zu gehen. Nachdem sie auf ihrer Reise überfallen und ausgeraubt worden war, wurde Patricias Asylantrag in Mexiko mit der Begründung abgelehnt, dass sie vor 12 Jahren wegen Drogendelikten im Gefängnis war. Im April 2016 wurde sie nach El Salvador abgeschoben. Sie sagte den salvadorianischen Einwanderungsbehörden, dass sie aus Furcht um ihre Sicherheit geflüchtet war, doch sie erhielt keine Rückmeldung. Als sie zwei Wochen später mit Amnesty International sprach, war sie bereits kurz vor einer erneuten Flucht nach Mexiko. “Ich habe Angst, dass mir wieder etwas passiert und sie mich wieder verletzen werden. Es gibt hier keine Sicherheit mehr, ich kann in diesem Land nicht mehr leben” sagte Patricia.

Patricias Schicksal ist nur eines von vielen Tausenden Flüchtenden, um die es in dem neuen Bericht von Amnesty International geht.

Die Regierungen in Zentralamerika heizen eine sich immer weiter verschärfende Flüchtlingskrise an, weil sie es nicht schaffen, zügellose Gewalt und haushohe Mordraten in El Salvador, Guatemala und Honduras zu bewältigen, die Hunderttausende zur Flucht zwingt. Dies ist die Aussage von Amnesty International in ihrem neuen Bericht.

"Home Sweet Home? Honduras, Guatemala und El Salvador's role in a deepening refugee crisis" untersucht, wie diese drei Länder darin versagen, Menschen vor Gewalt zu schützen und einen umfassenden Plan zum Schutz derjenigen zu schaffen, die aus Ländern wie Mexiko und den USA abgeschoben und somit gezwungen werden, in lebensgefährliche Situationen zurückzukehren.

"El Salvador, Guatemala und Honduras sind zu faktischen Kriegsgebieten geworden, wo Menschenleben entbehrlich zu sein scheinen. Millionen Menschen leben in andauernder Angst davor, was Bandenmitglieder oder öffentliche Sicherheitskräfte ihnen oder ihren Angehörigen antun können. Diese Millionen sind die Hauptdarsteller in einer der am wenigsten sichtbaren Flüchtlingskrise der Welt", sagte Salil Shetty, Generalsekretär von Amnesty International.

"Auch wenn Länder wie Mexiko und die USA vollkommen daran scheitern, Asylsuchende und Flüchtlinge aus Zentralamerika zu schützen, ist es Zeit für die Behörden von El Salvador, Gutatemala und Honduras, sich ihrer Rolle in dieser Krise bewusst zu werden und Schritte einzuleiten, um die Probleme anzugehen, die diese Menschen überhaupt erst dazu zwingen, ihr Zuhause zu verlassen."

"Millionen von Menschen aus Zentralamerika fallen durch das Netz, sind Opfer von Ländern, die ihre Verantwortung nicht erfüllen, ihnen den internationalen Schutz zu gewährleisten, den sie brauchen, und Opfer der vollkommenen Unfähigkeitihrer eigenen Regierungen und deren Widerwille, sie vor einem tragischen Ende zu schützen."

Die Mordraten in El Salvador sind in den letzten drei Jahren drastisch gestiegen, weil die Menschen immer mehr in rücksichtslose Streitigkeiten zwischen rivalisierenden Banden geraten, die versuchen, Kontrolle über Territorien zu erlangen.

Die Mordraten in Guatemala und Honduras sind ebenfalls unter den höchsten auf der Welt. Die Vereinten Nationen haben El Salvador als eines der tödlichsten Länder der Welt außerhalb von Kriegsgebieten eingestuft: mehr als 108 Morde pro 100.000 Einwohner im Jahr 2015.In Honduras ist die Rate bei 63,75 Morden und in Guatemala bei 34,99 Morden pro 100.000 Einwohnern.

Junge Menschen sind am schlimmsten von Gewalt betroffen. Mehr als die Hälfte der im Jahr 2015 Getöteten in den drei Ländern waren unter 30 Jahre alt.Jungen treten Banden oft unter Zwang bei, während Mädchen gezwungen werden, "Freundinnen" der Bandenmitglieder und oft sexuell missbraucht zu werden.

Ladenbesitzer und Busfahrer werden regelmäßig erpresst und gezwungen, "Steuern" an Banden zu zahlen, die ihr Gebiet kontrollieren. Diejenigen, die die strengen ungeschriebenen Verhaltensregeln nicht einhalten, werden oft missbraucht oder getötet.Viele Kinder in den drei Ländern sagten Amnesty International, dass sie die Schule auf Grund der Angst vor Bandenmitgliedern abbrechen mussten und nun den ganzen Tag zu Hause verbringen.

Das Salvadorianische Bildungsministerium hat Berichten zufolge gemeldet, dass im Jahr 2015 39.000 Schüler_innen die Schule auf Grund von Schikanen und Drohungen von Banden verlassen haben - dreimal so viel wie 2014 (13.000). Die Lehrervereinigung erklärte, dass die eigentliche Anzahl mehr als 100.000 sein könnte. Teilweise werden Teenager von Sicherheitskräften schikaniert und attackiert, weil sie beschuldigt werden, Teil einer Bande zu sein.

Der sechzehnjährige Andrés (Name geändert) lebt versteckt in El Salvador, nachdem er im Mai von Sicherheitskräften festgenommen worden war. Er erzählte Amnesty International, dass sie ihn folterten, damit er gestehen sollte, bei einer Schießerei dabei gewesen zu sein und Schmiere gestanden zu haben. Dies scheint ein verzweifelter Versuch gewesen zu sein zu zeigen, dass die Behörden das schockierende Ausmaß von gewalttätigen Verbrechen im Land in Angriff nehmen. Er sagte, dass ihm die Soldaten flaschenweise Wasser in Mund und Nase gossen, seinen Kopf in eine Pfütze steckten, Sand in seinen Mund stopften, auf seinen Bauch sprangen, ihn schlugen und ihm mit dem Tod drohten, wenn er nicht gestehe. Seine Mutter beschwerte sich bei den Behörden über die Behandlung ihres Sohnes und eine Untersuchung wurde eröffnet. Andrés zieht nun ständig von Haus zu Haus, aus Angst, dass die Männer, die ihn misshandelten, ihn finden könnten, und ist so verzweifelt, dass er das Land verlassen möchte.

KEIN SCHUTZ

Die unaufhörliche Gewalt hat zu einem akuten Anstieg an Asylanträgen von Bürgern aus Zentralamerika in Mexiko, den USA und weiteren Staaten geführt und erreicht ein Niveau, das es seit dem Ende der bewaffneten Konflikte in diesen Regionen vor Jahrzehnten nicht mehr gab. Gemäß dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) hat sich die Zahl der Asylanträge von Menschen aus diesen drei Ländern in den letzten fünf Jahren mehr als versechsfacht, besonders in den umliegenden Staaten und in den USA. Aber trotz überwältigender Beweise, dass vielen Asylsuchenden extreme Gewalt und der mögliche Tod droht, wenn sie kein Asylbekommen, ist die Zahl der Abschiebungen aus Mexiko, den USA und anderswo angestiegen. Die Anzahl von Menschen aus Guatemala, Honduras und El Salvador, die aus Mexiko abgeschoben wurden, erhöhte sich um fast 180% zwischen 2010 und 2015.

NACH HAUSE GESCHICKT, UM DORT ERMORDET ZU WERDEN

Für Saúl ist es zu spät. Der 35jährige Vater von fünf Kindern wurde in seinem Heimatland Honduras ermordet, weniger als drei Wochen nachdem er im Juli 2016 von Mexiko nach Hause geschickt worden war, nachdem sein Asylantrag abgelehnt worden war. Der Busfahrer - einer der gefährlichsten Berufe in Honduras auf Grund der Kontrolle, die Banden über diese Branche ausüben - Saúl floh aus dem Land im November 2015, nachdem er eine Schießerei überlebt hatte, bei der seine zwei Söhne schwer verwundet wurden. Die Polizei verfolgte seine Anzeige nicht weiter und gewährte ihm auch keinen Schutz. Als Amnesty International mit Saúl im Juli sprach, waren seine letzten Worte: "Ich habe das Gefühl, dass nochmal etwas passieren wird, wahrscheinlich sogar mir." Seine Frau und seine Söhne leben nun in ständiger Angst, dass ihnen auch etwas passieren könnte.

Regierungsangestellte aus El Salvador, Honduras und Guatemala konnten Amnesty International nicht sagen, wie die 750 Millionen US Dollar, die für die Region als Teil des von den USA unterstützten Konjunkturplans bereitgestellt wurden, eingesetzt werden, um Abgeschobenen zu helfen, deren Leben auf dem Spiel steht. Der Plan zielt darauf ab, die Hauptursachen für die Migration anzugehen, um die Migrationswelle einzudämmen und diejenigen zu schützen, die abgeschoben werden. El Salvador, Honduras und Guatemala haben offizielle Empfangzentren für Abgeschobene eingerichtet. Diese müssen Fragen von einem Migrationsbeamten beantworten, der nach jeglichen Übergriffen fragt, die sie auf ihrer Reise erlebt haben könnten. Selten werden sie nach der Gewalt gefragt, auf Grund derer sie aus ihrem eigenen Land geflohen sind und nach möglichen Schutzmaßnahmen, die sie in ihrem Land bräuchten.

"Empfangsprogramme für Abgeschobene sind ein schlechter Witz. Ein glänzendes Gebäude, eine warme Mahlzeit und ein Willkommensbanner wird die Menschen nicht vor dem Horror beschützen, der sie zu Hause erwartet", sagte Salil Shetty. "Wir brauchen stattdessen eine effektive, regionübergreifende Initiative, um die internationale Hilfe, die sie bekommen, darin zu investieren, die Ursachen zu bekämpfen, weshalb so viele Menschen verzweifelt ihr Zuhause verlassen." "Wenn die Regierungen von Zentralamerika das schockierende Niveau von Gewalt in ihren Ländern nicht angehen, dann besteht das Risiko, dass sie in ihre dunkelsten Zeiten zurückfallen. Anstatt hartnäckig zu bestreiten, dass die Menschen vor der Gewalt fliehen, sollten sich die Regierungen darauf konzentrieren, eine Lösung für die Gewalt zu finden.

Bitte unterzeichnen Sie die Online-Petition von Amnesty International, hier verlinkt zur englischen Version in der internationalen Website von Amnesty International.

Außerdem bieten wir Ihnen hier eine deutsche Petition zum Download an:

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