Zwischen Emanzipation und Verfolgung: Homosexuelle in Uganda

In Uganda hat sich am Rande der Legalität eine homosexuelle Subkultur etabliert, die emanzipiert unabhängige Wege sucht und nach Gleichberechtigung strebt.

Homosexualität ist in vielen Ländern Afrikas in hohem Maße geächtet. Einen großen Beitrag zu der vernichtenden öffentlichen Meinung leisten die einheimischen Medien, die ein verzerrtes, absurdes Bild der Homosexualität darstellen. Dennoch hat sich in Uganda am Rande der Legalität eine homosexuelle Subkultur etabliert, die emanzipiert unabhängige Wege sucht und nach Gleichberechtigung strebt.

Für uns in Deutschland sind solche Zustände nur noch schwer vorstellbar: Als Homosexueller muss man stets auf der Hut sein, nicht entdeckt und erkannt zu werden. Das eigene – andere – Leben muss im Verborgenen ausgelebt werden. Selbst engen FreundInnen und Verwandten gegenüber wagt man es nicht, sich zu „outen“ und ehrlich und offen über seine Empfindungen zu reden. Unterdrückte Gefühle selbstbewusst zu zeigen, birgt eine zu große Gefahr. Auch in Deutschland gab es Zeiten, in denen solch ein Zustand normal war. Zum Glück sind diese Zeiten hierzulande vorbei.

Nicht so in den meisten afrikanischen Ländern. Kaum ein homosexueller Afrikaner steht offen zu seiner Sexualität. Zu groß ist die Angst, von der Familie und dem Clan nicht akzeptiert oder gar verstoßen zu werden. Daraus resultiert eine immense seelische Belastung, zu der noch hinzukommt, dass viele „Betroffene“ berechtigterweise große Angst vor staatlichen Sanktionsmechanismen haben. Berichte von Misshandlungen inhaftierter schwuler Männer (oft werden nur die Männer verfolgt) sind leider keine Seltenheit.

Wie in den meisten afrikanischen Staaten sind auch in Uganda homosexuelle Handlungen zwischen Männern strafbar. Der Tatbestand – ein Relikt der Gesetzgebung aus der britischen Kolonialzeit – ist im Kapitel 140 des Ugandan Penal Code Act geregelt und sieht bei Verstößen eine Haftstrafe von bis zu 14 Jahren vor.

Dieses sind die rechtlichen Rahmenbedingungen, unter denen sich in der ugandischen Hauptstadt Kampala eine homosexuelle Subkultur gebildet hat. Der „normale“ Ugander nimmt sie nicht wahr, er hat kein Auge dafür. Hat man sie jedoch einmal entdeckt, ist es erstaunlich, wie omnipräsent sie ist. Die Szene versteckt sich nicht fernab von der Öffentlichkeit – der beste Schutz bietet sich inmitten des Alltaglebens in der Hauptstadt. Unbemerkt vor den Augen aller hat sie sich an öffentlichen Orten etabliert: Hotels, Restaurants, Kneipen und Bars dienen als Treffpunkte.

Frei und ungezwungen in der Öffentlichkeit miteinander zu reden, ist dabei jedoch gefährlich. Es gibt zu viele Ohren, die hören könnten, was sie nicht hören sollen. So hat sich in dieser Szene eine eigene Kommunikation entwickelt, die teils gestisch und mimisch, teils aber auch über selbst geschaffenes oder umgedeutetes Vokabular funktioniert und dabei für Außenstehende unverständlich bleibt. Auf diese Weise wird ein kleines Stück Freiheit geschaffen, die es ermöglicht, auch im öffentlichen Raum miteinander umzugehen.

Verschiedene Erkennungsfragen werden genutzt, um in Gesprächen bei seinem Gegenüber abzuklären, auf welcher Seite derjenige steht. Diese Fragen werden so allgemein formuliert, dass der (möglicherweise zu Unrecht) Gefragte keinen Grund haben könnte, irgendeinen Verdacht zu schöpfen. Wenn er den „Code“ nicht kennt, sind die Fronten schnell geklärt. Fühlt er sich hingegen angesprochen und ist über die Erkennungsfragen im Bilde, kann für beide Seiten eine gefahrlose Kommunikation beginnen – Missverständnisse so gut wie ausgeschlossen.

Diese großen Vorsichtsmaßnahmen sind verständlich, wenn man die gesellschaftliche Einstellung zu Homosexualität in Uganda kennt, welche sehr vernichtend ist. Zwar sieht man allerorts Männer Hand in Hand umherlaufen, jedoch sind die in Deutschland normalerweise damit verbunden Assoziationen nicht zutreffend. Diese Geste bedeutet in Uganda lediglich gute Freundschaft und ein inniges Gespräch. Kein Ugander denkt dabei etwa an ein schwules Paar.

„Homosexualität“ ist in Uganda ein äußerst negativ besetzter Begriff; ein Begriff, bei dem viele jedoch keine objektive Vorstellung haben, was sich dahinter verbirgt. „Diese Menschen sind sehr gefährlich“, sagte mir ein ugandischer Bekannter einmal zu meiner großen Verwunderung. Begründen konnte er seinen Standpunkt allerdings nicht, als ich eine Erklärung von ihm dazu forderte. Besonders verwunderlich sind solche Aussagen allerdings nicht, wenn man eine Weile die immer wieder erscheinenden Berichte in den ugandischen Medien verfolgt.

Seit der Ordination eines bekennenden homosexuellen Bischofs in der anglikanischen Kirche in den USA im Jahr 2003 wird in der ugandischen Presse (es gibt zwei nationale Tageszeitungen) regelmäßig kontrovers über Homosexualität diskutiert. Selten hört man dort mal eine gemäßigte Stimme, meist werden sehr abwertende Standpunkte verbreitet. Vor allem die der Regierung nahe stehende Tageszeitung „New Vision“ tritt als meinungsbildendes Medium auf und hält mit absurden Berichten den negativen Status der Homosexualität in Uganda aufrecht. So ist der Artikel „The Other Side of the Coin“ vom 31. Mai 2004 leider keine Ausnahme. Dort werden Homosexuelle mit „Kriminellen, wie Drogenschmugglern, Geldwäschern, Waffenträgern und Al-Qaida Agenten“ verglichen. Geschürt durch die Berichterstattung der Medien hält sich zudem hartnäckig der allgemeine Glauben, dass Homosexualität eine heilbare Krankheit sei – eine importierte Krankheit, die nicht ihren Ursprung in Afrika hat, sondern in der westlichen Welt. Homosexualität ist „the white man`s disease“ – die Krankheit des weißen Mannes.

Dieses sind die gängigen Vorurteile, mit denen sich Homosexuelle in Uganda tagtäglich konfrontiert sehen und mit denen zu leben sie gewohnt sind. Auch gewöhnt haben sie sich an gelegentliche, auf Veranlassung der Zentralregierung durchgeführte Radioaufrufe, worin die Bevölkerung aufgefordert wird, Homosexuelle zu denunzieren. Über solche Aufrufe fordert Präsident Museveni seit November 2004 zunehmend, Homosexuelle wieder stärker zu verfolgen.

Im Verlauf des Jahres 2005 führten erschreckende Medienberichte zu einer starken Schwächung der homosexuellen Szene in Kampala. Beliebte Treffpunkte wurden enttarnt und Berichte über das schwule Leben in Kampala veröffentlicht. So erschien am 24. April 2005 in der „Sunday Vision“ der einseitige Artikel „Trailing homosexuals“. Dort berichtet ein Reporter ausführlich über seine Entdeckungen, als er „undercover“ die schwule Szene in Kampala ausgekundschaftet hat. Einschüchterung und Verunsicherung sind die Devise. Die Wochenzeitung „The Mirror“ geht sogar noch weiter. Sie recherchiert nach den Namen vermeintlicher Homosexueller und berichtet darüber in den Ausgaben vom 20. und 27. April 2005. Dort zu lesen sind Schlagzeilen wie „IDENTIFIED! Ugandan Gays“, „Exposed! Ugandans in Homosexuality” oder “List Of Gays Out”. Besonders furchtbar ist die Art und Weise, wie die Zeitung die Zwangsoutings zelebriert:

„Ladies and Gentlemen, finally we have got their names. […] We have a big list of gays but we shall keep posting you one by one.“

Das Ziel, das durch diese Methode verfolgt wird, ist augenscheinlich. Die Betroffenen sollen sozial marginalisiert und ihrer Lebensgrundlage beraubt werden. In einer ersten Liste wurden 19 Namen veröffentlicht. Bei den Genannten handelt es sich zumeist um Personen, die stark in der Öffentlichkeit stehen und z.B. Universitäten, Kirchen oder großen Firmen angehören. Dieses Vorgehen der Zeitung ist höchst diskriminierend und für jeden einzelnen mit ungewissen, teilweise dramatischen Konsequenzen verbunden. Gleichzeitig ist es auch als Warnung an andere gedacht, sich unter keinen Umständen der homosexuellen Szene anzuschließen.

So leicht ist die couragierte Subkultur aus Kampala jedoch nicht mehr wegzudenken. Im Gegenteil: Immer mehr Homosexuelle suchen den Anschluss an Gleichgesinnte und es entstehen informelle Gruppierungen, in denen die Möglichkeiten der Einforderung einer zunehmenden Gleichberechtigung diskutiert werden. Gerade in den letzten Monaten ist jedoch wieder sehr deutlich geworden, dass dies ein langer Weg sein wird. Ein Weg, auf welchem es vor allem das Bewusstsein der Bevölkerung zu erreichen gilt.

Es gibt erste positive Anzeichen, die hoffen lassen. Noch sind jedoch die moderaten oder befürwortenden Stimmen in der Minderheit. Aber immerhin sind sie überhaupt existent und suchen den öffentlichen Diskurs. Einer dieser Lichtblicke ist James Kiyimba. Der selbsternannte Menschenrechtsaktivist und freischaffende Journalist (der selbst heterosexuell ist) kämpft mutig und unbeirrt gegen die Diskriminierung der schwulen-Minderheit in Uganda. Seine Masterarbeit an der Makerere Universität in Kampala hat er zum Titel „Broadening the scope of human rights: A philosophical study of homosexuality in Uganda“ verfasst. Nun verfolgt er in seiner Doktorarbeit das Ziel, eine Kommunikationsstrategie zu entwerfen, durch welche die Massenmedien die Wertschätzung der individuellen Menschenrechte in Bezug zu LGBT kommunizieren sollen.

Auch für James Kiyimba ist es eindeutig, dass die Medien eine Schlüsselrolle innehaben, wenn es darum geht, die Anschauung der ugandischen Bevölkerung zur Homosexualität zu verändern. Ein hehres Ziel, das dringender Unterstützung bedarf. Er ist daher besonders darum bemüht, Kontakte zu internationalen Menschenrechtsorganisationen herzustellen, die bei der Umsetzung der bevorstehenden Aufgaben mitwirken.

Wie die Zukunft der Menschenrechte der LGBT-Minderheit in Uganda aussehen wird, ist sehr ungewiss. So wird der geheime Code, der in der homosexuellen Subkultur zur sicheren Verständigung genutzt wird, zunächst wohl noch auf unabsehbare Zeit ein notwendiges Instrument bleiben, um auf weitere Unabhängigkeit und Gleichberechtigung hinzuwirken.

Der Autor Richard Harnisch arbeitete von 2003 bis 2004 für den Deutschen Entwicklungsdienst (ded) in Uganda.

erstellt am: 18.11.2005